Ruine der Keitum-Therme auf Sylt : „Am Ende gibt’s immer Mecker“

Soll kein Postkartenmotiv für die Ewigkeit bleiben: die Chancen für einen Abriss der Thermenruine und damit auf bessere Aussichten am Keitumer Kliff sind gestiegen
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Soll kein Postkartenmotiv für die Ewigkeit bleiben: die Chancen für einen Abriss der Thermenruine und damit auf bessere Aussichten am Keitumer Kliff sind gestiegen

Bürgermeisterin Reiber erläuterte in öffentlicher Sitzung das Vergleichsangebot von Bauunternehmer Zech zum Abriss der Keitum-Therme

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31. Januar 2015, 06:00 Uhr

„Das ist ja ein Andrang wie bei einer Einwohnerversammlung“, sagte Ortsbeiratsvorsitzender Oliver Ewald (CDU) mit schmunzelnd vorgetäuschter Überraschung angesichts der zirka 100 Besucher, die am Donnerstagabend in den Friesensaal gekommen waren. „Heute findet aber nur eine Sitzung des Ortsbeirats statt. Doch wir freuen uns natürlich über das große Interesse.“ Auch Petra Reiber hatte wohl mit dem Andrang gerechnet und sich inhaltlich wie technisch gut vorbereitet. Beamer und Leinwand waren installiert, eine Mitarbeiterin saß am Laptop bereit, um mit Texttafeln und Schaubildern multimedial den Vortrag der Bürgermeisterin zu unterstützen, der als Tagesordnungspunkt 10 so viele zu der Veranstaltung gelockt hatte: „Sachstandsbericht Keitum-Therme“.

Hinter dem nüchternen Titel verbarg sich ein Thema mit Sprengkraft, das seit Wochen die Insulaner beschäftigt: der Vorschlag eines Vergleich zwischen Gemeinde Sylt, Bauunternehmer Kurt Zech und Insolvenzverwalter Axel Kulas zur Beendigung der jahrelange Streitigkeiten um die Thermenruine am Wattenmeer. Petra Reiber hatte mit einer kleinen Verhandlungskommission aus Politik und Verwaltung erste Gespräche mit dem Ziel geführt, dass Zech auf seine Forderungen im Insolvenzverfahren verzichtet und die Ruine noch dieses Jahr abgerissen werden kann. Als Gegenleistung soll es ihm erlaubt werden, sein Hotel Severin’s um neun Appartementhäuser zu erweitern (wir berichteten).

Bürgermeisterin Reiber erläuterte auf der Sitzung anschaulich, sehr ausführlich und mit großer Offenheit alle planerischen, juristischen und finanziellen Details des Vergleichs einschließlich möglicher Alternativen, falls die Einigung mit Zech nicht zustande kommt oder nicht gewollt sein sollte. Ziel ihres Engagements sei es, dass endlich Rechtsfrieden herrscht, keinerlei Zahlungen an Zech oder Insolvenzverwalter geleistet werden müssen sowie der dauerhafte Besitz des Thermengrundstücks gesichert und damit der Ruinenabriss ermöglicht wird. „Im Idealfall könnten wir sogar eine finanzielle Beteiligung am Erfolg der Klage gegen das Bauunternehmen ARGE herausholen.“ Der Vergleich biete der Gemeinde fast nur Vorteile, der einzige Nachteil: Zech darf seine Hotelanlage vergrößern. „Das ist die Kröte, die wir schlucken müssen“, so Reiber.

In der folgenden Diskussion äußerte jedoch gut die Hälfte der Ortsbeiratsmitglieder und Gäste ihre Befürchtungen, sich an der Kröte zu verschlucken. Der „Tourismus-Industrielle“ Zech sei für ihn „kein weißer Ritter, sondern der weiße Hai“, sagte zum Beispiel Roland Klockenhoff (Bündnis 90/Grüne) und warnte davor, dass die Genehmigung zum Hotelausbau „ein schlechtes Zeichen setzen könnte für weitere Begehrlichkeiten“. Bernd Christensen (SWG) schlug vor, Zech dürfe – wenn überhaupt – höchstens fünf Häuser und nur im Süden der Christiansen-Wiese bauen. Genau dort sollen als Bestandteil des Vergleichs jedoch 30 Dauerwohnungen für Sylter entstehen. Für Peter Peters (CDU) ein gewichtiges Argument, dem Zech-Deal die Zustimmung zu erteilen. „Es gibt leider immer weniger junge Familien mit Kindern in Keitum“, sprang ihm Parteifreund Oliver Ewald zur Seite. „Das zeigen ja zum Beispiel die rückläufigen Zahlen in Kindergarten.“

„Die Entscheidung, was geschieht, liegt ausschließlich in unserer Hand“, betonte Bürgermeisterin Reiber. Doch zu einer Empfehlung oder wenigstens einem Stimmungsbild konnten sich die Mitglieder des Keitumer Ortsbeirats am Ende der kontroversen Diskussion nicht durchringen. Auf Vorschlag von Gerd Nielsen (SPD) werden jetzt zeitnah alle Fraktionen gemeinsam den Vergleichsvorschlag und seine Alternativen beraten, bevor es in die eventuell nächste Runde mit Zech geht. Der Sylter CDU-Chef Ewald setzt zwar weiter auf Vernunft und wünscht sich einen Erfolg, ahnt jedoch schon: „Egal, wie sich die Politik entscheidet, am Ende gibt’s immer Mecker.“

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