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90 Jahre Hindenburgdamm : Als Sylt seine „Nabelschnur“ bekam

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Vor 90 Jahren wurde der Hindenburgdamm gebaut. Die Geschichte des Dammbaus ist eng mit Karin Lauritzens Leben verwoben.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2017 | 04:34 Uhr

Vor 90 Jahren endete die Abgeschiedenheit Sylts durch den Bau des Hindenburgdamms. Neben dem technischen Fortschritt war es vor allem der Widerstreit zwischen dem Erhalt der Sylter Identität und dem Wunsch nach Weiterentwicklung, den er auf die Insel gebracht hat. In ihrem Roman „Dammbau“ hat Magarete Boje die Ereignisse literarisch verarbeitet. Anlässlich des Jubiläums zum 90. Geburtstag des Hindenburgdamms haben wir mit der Tochter ihres literarischen Protagonisten Pastor Johler gesprochen, der im Buch Eschels heißt.

Ein Bild ging um die Welt: Reichspräsident Paul von Hindenburg wird von der kleinen Karin begrüßt.
Ein Bild ging um die Welt: Reichspräsident Paul von Hindenburg wird von der kleinen Karin begrüßt.

 

Ein Bild ging 1927 um die Welt: Ein kleines Mädchen auf dem Arm seiner Mutter streckt dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg einen Blumenstrauß entgegen. Der alte Mann steht am Abteilfenster des ersten offiziellen Zuges, der den Hindenburgdamm passiert hat und nun auf seinem Weg nach Westerland in Morsum hält. So kann er den Blumenstrauß von seinem Sylter Patenkind entgegennehmen. Karin Lauritzen ist das Mädchen auf diesem Foto. Heute ist sie 92 Jahre alt und die Geschichte der „Nabelschnur“ zwischen Deutschlands nördlichster Insel und dem Festland ist auch ihre eigene.

Die Idee und der Wunsch nach einer Festanbindung Sylts wird bereits 1856 von dem Inselchronisten Peter Christian Hansen formuliert. Der aufkommende Fremdenverkehr lässt ihn von einer „bequemen Verbindung zum Continent“ träumen. Und er ist nicht der Einzige. Immer wieder werden offizielle Vertreter in Berlin beim Verkehrsministerium und bei der Altona-Kieler-Verkehrsgesellschaft vorstellig, um ihre Idee einer festen Anbindung zu argumentieren.

Die Resonanzen fallen unterschiedlich aus, erst 1910 sorgen die drohenden kriegerischen Auseinandersetzungen dafür, dass eine Bahnstrecke nach Sylt zum schnellen Truppentransport als wichtig erachtet wird. Der Öffentlichkeit wird in erster Linie der zivile Nutzen durch die Förderung des Fremdenverkehrs und der damit verbundenen Schaffung von dringend benötigten Arbeitsplätzen dargestellt. 1913 bewilligt der Preußische Landtag die notwendigen Mittel, 1914 kommen die Vorbereitungen für einen „hochwasserfreien Damm“ zum Abschluss.
Zu dieser Zeit tritt Pastor Hans Johler seine Stelle in Morsum an. Der älteste Sohn einer Hamburger Kunstdrucker-Familie kennt die Insel bereits von Plakaten und Postkarten, die im elterlichen Betrieb produziert werden und vor allem durch einen Ferienaufenthalt auf Sylt. Vom geplanten Dammbau erfährt der junge Johler aus der Zeitung und ist von dem technischen Fortschritt und den Möglichkeiten für Sylt fasziniert. Seine Tochter Karin hält das „Dabeisein können“ für einen entscheidenden Grund, warum ihr Vater sich ausgerechnet um eine nicht sonderlich attraktive Stelle in einer kleinen provinziellen Inselgemeinde bewirbt. Am 19.05.1913 tritt Hans Johler die Pastorenstelle in Morsum auf Sylt an.
Hans Johler wird allerdings noch einige Jahre auf die Umsetzung des Dammbaus warten müssen. Der 1. Weltkrieg und die wirtschaftlichen Umstände nach seinem Ende lassen die Umsetzung des Millionen Taler-Projektes in weite Ferne rücken. Auf Sylt verschlimmerte sich die wirtschaftliche Situation zusehends: Der Krieg hatte den Fremdverkehr komplett zum Erliegen gebracht, die Arbeitslosigkeit war hoch, der Vertrag von Versailles machte die Anreise nach Sylt von Hoyer aus mit dem Schiff nach Munkmarsch nur unter schwierigen Umständen möglich, da die neue Grenzziehung und die Volksabstimmung 1920 dazu führten, dass Hoyer jetzt im Königreich Dänemark liegt. Anreisende Gäste müssen - um aufwendigen Passformalitäten zu entgehen - in verplombten Waggons reisen und in verschlossenen Häusern auf Anschlussmöglichkeiten warten. Ein unwürdiger Zustand. Wieder reist eine Sylter Delegation nach Berlin und dieses Mal ist sie erfolgreich. Im Mai 1923 erfolgt der erste Spatenstich für das „Band des Fortschrittes“.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen für die 1500 Arbeiter Männer waren hart, Unfälle an der Tagesordnung.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen für die 1500 Arbeiter Männer waren hart, Unfälle an der Tagesordnung.

Hans Johler ist zu dieser Zeit in Morsum bereits mit der Lübecker Kaufmannstochter Elwine Ude verheiratet, der erste Sohn Ekkehard geboren. Und auch die Romanautorin Margarete Boje lebt bereits auf der Insel. „Mein Vater und sie waren befreundet,“ berichtet Karin Lauritzen, „und alles, was sie in ihrem Roman über ihn geschrieben hat, stimmt.“ Der Protagonist des Romans trägt zwar den Namen Eschels und nicht Johler, doch seien Verhaltensweisen und Lebenshaltung die ihres Vaters bestätigt die alte Morsumerin.
Während 1500 Arbeiter dem Wattenmeer für den Dammbau Meter für Meter abringen und der „Meister des Dammbaus“ Hans Pfeiffer bittere Rückschläge durch Sturmfluten und die unbändige Nordsee überwinden muss, verschärft sich für den Morsumer Pastor die Beziehung zu seiner Gemeinde. Aufgeschlossen dem Neuen gegenüber und erfüllt von den in seinen Augen positiven Entwicklungsmöglichkeiten vor allem für die Sylter Kinder die mit der Anbindung ans Festland verbunden sind, wendet er sich in den Augen seiner Dorfbewohner, den „Morsumesen“ wie Boje sie nennt, verstärkt den Dammarbeitern zu.
Die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Männer sind hart, Unfälle an der Tagesordnung, die Ablehnung den „Fremden“ gegenüber in Morsum an jeder Stelle spürbar. Das versucht Johler aufzufangen, was vielen seiner Schäfchen im Inselosten bitter aufstößt, denn sie fürchten mehrheitlich den negativen Einfluss und vor allem das Unbekannte, das die Festlandsanbindungen nach Sylt bringen wird. Schon der Inselchronist Christian Peter Hansen hatte gemahnt, dass mit der steigenden Zahl der Feriengäste für die Insulaner nicht nur der wirtschaftliche Aufschwung verbunden sein würde, sondern auch die Aufgabe, sich um den Erhalt der Sylter Identität zu kümmern. Das sehen viele Morsumer genauso. Als autarke Bauern sehen sie in größerer Bildung keinen Vorteil, fürchten fremde Einflüsse und letztlich auch wirtschaftliche Einbußen, wenn Festlandswaren die Inselprodukte zu verdrängen drohen. Die Frage spaltet die Insel bis heute: Wieviel Ausverkauf der Sylter Identität und Traditionen darf es durch das Festland und seine Bewohner geben?

Eifersucht, Intrigen, Falschaussagen und Engstirnigkeit führen in dem Roman letztlich dazu, dass der Damm fertiggestellt wird, Pastor Eschels, alias Hans Johler, aber im gleichen Jahr seine Stelle als Morsumer Pastor verliert.
Dass es wirklich soweit kommt, haben die „Morsumesen“ bei Margarete Boje nicht wirklich gewollt, vielmehr fehlten ihnen am Ende die Worte und Energie, diese letzte Konsequenz abzuwenden. Bevor Pastor Johler Sylt verlassen muss, wird am 1. Juni 1927 der Hindenburgdamm offiziell eingeweiht. Da die Taufe seiner Tochter Karin und die Wahl Paul von Hindenburgs 1925 auf den gleichen Tag gefallen waren, arrangiert Hans Johler nicht nur, dass Hindenburg Patenonkel seiner Tochter wird, sondern auch, dass das kleine Mädchen dem Reichspräsidenten einen Blumenstrauß überreichen darf, wenn dieser feierlich mit dem ersten Zug den Hindenburgdamm einweiht und in Morsum hält. Prompt gibt der greise Reichspräsident seine Zustimmung und es entsteht das Bild, das um die Welt gehen sollte.
Nachdem der Vater nicht mehr Pastor in Morsum sein kann, verlässt Karin mit ihrer Familie die Insel und wächst in Hamburg auf. Doch Sylt lässt sie nicht los, denn sie verliebt sich ausgerechnet in den Morsumer Georg Lauritzen, den sie 1948 heiratet und mit dem sie zwei Kinder, Ekkehard und Brigitte, bekommt. Die Beziehung zur Insel bleibt also, auch ihre Kinder leben zeitweise hier und spüren noch immer den Zwiespalt zwischen Zukunft und Vergangenheit. Sölring lernen sie nicht von den Eltern, erst die Kinder in Morsum bringen ihnen die Sprache bei.
Die Visionen hingegen, die mit dem Bau des Hindenburgdamms verknüpft waren, haben sich erfüllt. Er ist die Versorgungsader der Insel, bringt jährlich Hundertausende von Touristen nach Sylt und hat stets auch den Fortschritt im Gepäck. Für die Sylter ist das Festland so nah, dass Kinder in Niebüll zur Schule gehen und während des Studiums für das Wochenende nach Hause kommen, Termine bei Fachärzten gemacht werden können und Neuerungen schnell auf der Insel Einzug halten. Doch auch die Schreckensvision der verlorenen Inselidentität hat sich bewahrheitet. Sölring ist fast ausgestorben, viele Sylter mussten aufgrund der immensen Immobilienpreise ihre Heimat verlassen, die Insel wird an vielen Stellen immer austauschbarer. Manches hat sich nicht verändert: Die Morsumer haben noch immer einen eigenen Pastor, der bis heute mit seiner Familie in dem Haus lebt, dass auch Hans Johler mit seiner Familie bewohnte.







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