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Legendäre Sylter Lokale : Als Marlene Dietrich in Westerland tanzte

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Sie sind längst verschwunden, wecken aber immer noch viele schöne Erinnerungen – in Sylter Lokalen wie dem „Trocadero“, „Ziegenstall“ oder der „Baumannshöhle“ machten nicht nur Filmstars die Nacht zum Tag.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2013 | 10:37 Uhr

Sylt | Kriege, Inflation und Währungsreformen brachte das vergangene Jahrhundert für Deutschland mit sich und auch Sylt blieb von diesen tief greifenden Ereignissen nicht verschont. Doch es gab auch unbeschwerte Zeiten, in denen die Sommerfrischler die Puppen tanzen ließen. Längst verschwunden, haben die Namen von Sylts legendären Lokalitäten noch heute einen Klang. Was für Paris das legendäre „Lido“, war für Sylt einst das „Trocadero“. In dem Tanzlokal in der Westerländer Strandstraße gaben sich die gehobene Gesellschaft und Prominente wie Marlene Dietrich, Hans Albers und Max Schmeling ein Stelldichein.

Hier herrschte strikte Etikette – und für die Herren an drei Abenden der Woche Smokingzwang. Das 1920 eröffnete „Trocadero“ bestand aus zwei großen Räumen, im Durchgang spielte eine Kapelle zum Tanz auf. 1958 schloss das Kultlokal seine Pforten und wurde ein profanes Kino. Auch in der Paulstraße war seinerzeit häufig Prominenz anzutreffen: In der „Baumannshöhle“ – heute ein Nachtlokal – traf sich etwa der „Club der Matratzenschoner“. Seine renommierten Mitglieder hatten sich auf die Fahne geschrieben, die (Urlaubs-)Nächte zum Tag zu machen.

1950 hatte in Kampen ein anderes Etablissement eröffnet, das ebenfalls unvergessen bleiben sollte: Der „Ziegenstall“. Geführt wurde er von Valeska Gert, die sich als exzentrische Tänzerin und Schauspielerin einen Namen gemacht hatte. Ebenso unkonventionell wie die Besitzerin war die Lokalität, deren Name Programm war: Holzbänke, Melkschemel und Kartoffelsäcke prägten das gewöhnungsbedürftige Ambiente, an den Wänden hingen mit Heu gefüllte Futterkrippen. Die Wände waren mit Sprüchen übersät, und mittendrin prangte der Satz: „Die Gäste sind wie Ziegen – sie werden gemolken und meckern.“

Die geistreichen Bedienungen, freischaffende Künstler allesamt, trällerten noch schnell einen Chanson oder rezitierten ein Gedicht, wenn sie die Getränke servierten. Das erwirtschaftete Trinkgeld war ihre Gage. Nach Valeska Gerts Tod erbte der Fernsehjournalist Werner Höfer den „Ziegenstall“. Er ließ ihn abreißen und an seiner Stelle ein modernes Wohnhaus errichten.

Apropos Werner Höfer. „So manche Nacht habe ich mit meinem Freund Werner Höfer und anderen durchgemacht, bis morgens früh die Sonne hinter dem Watt auftauchte. Das waren nicht diese typischen deutschen Saufnächte, in denen vor lauter Alkohol keiner dem anderen mehr zuhört. Da wurde ernsthaft und leidenschaftlich diskutiert, wie es sich gehört in einer anständigen Bar.“ So sprach Karl Rosenzweig, nur „Karlchen“ genannt, bis heute Sylts wohl legendärster Barkeeper. In Westerland als Sohn eines Schornsteinfegers aufgewachsen, eröffnete er 1971 in Kampen seine eigene Bar. Im Sommer bediente er hier die Prominenz, im Winter führte er in Berlin das Lokal „Volle Pulle“, wo Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt oder Henry Miller und Schauspieler wie Kirk Douglas oder James Stewart auf einen Drink hereinschauten.

Der köstliche Kuchen namens „Qualle auf Sand“. Das unvergleichliche Gewürzbrot mit der kräftigen Kruste, gebacken nach Geheimrezept. Noch heute erinnern sich ältere Sylter wie Stammgäste mit Wehmut an die Leckereien, die in der Wenningstedter Teestube „Witthüs“ aufgetischt wurden. Ursprünglich hatte das „Witthüs“ sein Domizil in einem Friesenhaus am Wenningstedter Dorfteich. Zahllose politische und unpolitische Gesprächsrunden prägten diese Stätte des Kommunikation.

In den 1960er-Jahren – der Pachtvertrag war den Betreibern gekündigt worden – zog das „Witthüs“ in ein Reetdachhaus an der Alten Dorfstraße. Kleine, rustikale Tische, auf denen Kerzen brannten, dazu der Klang klassischer Musik – so haben viele Sylter und Sylt-Gäste das „Witthüs“ kennen und schätzen gelernt. „Man saß dort auf wackligen Stühlchen mit Korbgeflecht oder versank in alten, durchgesessenen Sofas – aber es war urgemütlich“, erinnert sich ein Stammgast. 1996 schloss das Wenningstedter Original seine Pforten. Das Haus wurde grundlegend restauriert und beherbergt seitdem Ferienwohnungen.

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