Serie Sylter Köpfe : „Als Kind war ich ein Satansbraten“

Fröhlich und auf Sylt angekommen: Jali Schneider (54) steht vor einer bunt bemalten Wand des Sylter Jugendzentrums.
Fröhlich und auf Sylt angekommen: Jali Schneider (54) steht vor einer bunt bemalten Wand des Sylter Jugendzentrums.

Die 54-Jährige Weltenbummlerin Jali Schneider engagiert sich ehrenamtlich auf der Insel und gibt ihre Erfahrungen an Jugendliche weiter.

shz.de von
22. Januar 2015, 05:13 Uhr

Langweilig ist das Leben von Jali Schneider nicht: Nach Stationen in Hamburg, Berlin, den USA, Holland und München, lebt die in Bamberg Geborene seit 25 Jahren auf Sylt. Glücklich verheiratet betreibt sie gemeinsam mit ihrer Frau ein Hotel für Alleinreisende. Außerdem ist sie Vorsitzende im Jugendzentrum Sylt – ehrenamtlich. Nach Jahren der Sinnsuche ist sie jetzt bei sich angekommen.

Tischtennisbälle klackern über den Spieltisch, dazu dröhnen dumpfe Bässe aus den Boxen: Es ist Montagnachmittag im Jugendzentrum (JUZ). Die 54-jährige Jali Schneider sitzt in der Kaffeeküche und begrüßt die ankommenden Jugendlichen wie alte Freunde. Ob Beziehungsprobleme oder Ärger mit den Eltern - die Jugendlichen wenden sich vertrauensvoll an Jali. Zu der Frau in geblümter Trainingsjacke, mit den kurzen braunen Haaren und den strahlend blauen Augen blicken sie auf. Seit rund zwei Jahrzehnten engagiert sich Schneider ehrenamtlich für Jugendliche auf Sylt. Unter ihrem Vorsitz wird das JUZ durch einen kleinen Trägerverein selbst verwaltet - im Dezember feierten es 40-jähriges Bestehen.

Wie sie ihren Weg zum Jugendzentrum fand? „Ich sehe mich in der Pflicht, etwas zurückzugeben. Es gab immer Menschen, die mich gehoben haben, die mir geholfen haben , wenn es mir schlecht ging“, sagt die in Frankfurt aufgewachsene Frau. Ihr Dialekt verrät noch immer ihre Herkunft. Viele, die schon einmal mit ehrenamtlichen Tätigkeiten in Berührung gekommen sind, würden später selbst ein Ehrenamt bekleiden- davon ist sie fest überzeugt.

„Weil ich selbst Vernachlässigung erlebt habe, weiß ich wie hilfreich das ist, wenn jemand für einen da ist“, erklärt Schneider den Grund für ihr Engagement. „Ich war so aggressiv als Kind, meine Lehrer hatten Angst vor mir. Ich war ein richtiger Satansbraten, meine Mutter tut mir heute leid – ein bisschen“, so die 54-Jährige über ihre Vergangenheit.

Ihre „Heilung“ erlebte sie schließlich in den USA: Sie brach ihr Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften ab und verließ Deutschland. Freunde und Familie erklärten die damals 22-Jährige für verrückt. „Ich war in einer Krise und dachte, entweder mache ich eine Therapie oder ich bringe mich um“, erklärt sie ihren Grund für die Reise über den Atlantik.

Auf ihrer Sinnsuche lernte sie die Kunst, einer von der spirituellen Suche bestimmte Lebensart. Ausbilden ließ sie sich von Osho, einem indischen Philosophen und Begründer der „Neo-Sannyas-Bewegung“ - eine in den 1970er-Jahren gegründeten Gruppe. Neben neuen Erkenntnissen brachte die junge Frau auch einen neuen Namen nach Deutschland. Ursprünglich geboren als Gabriela, reiste die 1961 Geborene als Ma Deva Pushpanjali - oder kurz Jali zurück in die Heimat. Ihr Guru hatte ihr diese neue Anrede verpasst.

Ganz zu sich fand die Sinnsucherin noch immer nicht - eine erneute Krise trieb die damalige Wahl-Hamburgerin nach Sylt: „Es war Zeit für etwas Neues, alles in Hamburg hat mich angekotzt“, sagt die agile Frau über ihre Zeit vor über 20 Jahren. Ein Freund brachte sie schließlich auf die Insel und sie blieb. Zunächst lebte sie in Hörnum – später machte sich Jali Schneider als Masseurin selbstständig. Das familiäre Gefühl des „Lebens und leben lassen“gefiel ihr auf Sylt.

Einfach war der Neustart nicht: „Am Anfang hatte ich richtige Existenzängste auf Sylt“, gibt Schneider zu. Lange Spaziergänge am Meer haben ihr damals geholfen. Die Ehe mit einem Muslim auf der Insel scheitert – er wollte zurück nach Marokko. Dort sah die gerade zur Insulanerin gewordene keine Zukunft für sich. Seit November 2014 ist sie erneut glücklich verheiratet: Gemeinsam mit ihrer Frau führt sie ein Single-Hotel in Westerland, das Haus Diana- dort gibt sie Massagen und hilft im Service.

Auch als DJane Jali Schneider ist sie seit Anfang 2011 aktiv: Alle zwei Monate steht sie zum Tanztee im Altenzentrum Steinmannstraße am Mischpult. Außerdem ist sie im Inseljugendring und der Jugendinitiative Sylt tätig. Die Veranstaltung im Altenheim kam bei Bewohnern, Angehörigen und Besuchern so gut an, dass seitdem regelmäßig zum Tanzen geladen wird. Das Ziel: „Eltern und Kinder sollen mit einem Lächeln gehen“, sagt Jali Schneider.

Entspannung findet sie beim Spazierengehen und Zeichnen. Gerade ist ihr erstes Kinderbuch erschienen. Für die Zukunft wünscht sich die 54-Jährige, dass sie am Ende ihres Lebens bereit ist zu gehen, „mit dem Gefühl alles erlebt zu haben“. Aber noch mehr scheint ihr das Wohl der jungen Menschen am Herzen zu liegen: „Wir Erwachsenen müssen die Jugendlichen auf Sylt mehr dazu einladen mitzumachen, sie einbinden bei politischen Prozessen“, sagt Schneider. Stetes Engagement für Jugendliche: Ein Projekt, das die eins Rastlose tatkräftig anpackt - und auf diesem Weg sowohl ihrem persönlichen, als auch ihrem beruflichen Ziel näher kommt.


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