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Kultgericht Milchreis : Alles dreht sich um den heißen Brei

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Milchreis ist von den Sylter Speisekarten nicht mehr wegzudenken. Warum das so ist? Die Sylter Rundschau hat recherchiert.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2016 | 05:05 Uhr

In Zeiten von Low Carb, Laktoseintoleranz, Dinkel-Flocken und Kokoswasser ist der einfache Milchreis fast schon ein Exot. Im Vergleich mit geschmortem Fenchel mit Tomaten-Safran-Dip oder einem Beilagensalat muss man schlicht feststellen: So richtig gesund ist der Reisbrei - jedenfalls nach den Maßstäben der modernen Lebensmittelampel - aufgrund des gern hinzugefügten hohen Zuckeranteils sicherlich nicht.

Doch was in den meisten Küchen der hippen Großstadt-Restaurants als altmodisch gilt und nahezu undenkbar wäre, ist auf Sylt und den anderen Nordseeinseln seit vielen Jahrzehnten heiß geliebte Realität: Von Hörnum bis List, von Westerland bis Morsum, steht damals wie heute der süße Reis auf zahlreichen Speisekarten der Restaurants und Cafés. Die Gäste, ob Sylter oder Urlauber, lieben ihn einfach, den nach einem langen Strandspaziergang so gut sättigenden und trotzdem halbwegs preiswerten weißen Brei.

„Es ist wirklich so, dass wir viel Milchreis verkaufen“, sagt Tobi Kusch, Restaurantleiter der Strandoase in Westerland. Mit „viel“ meint der Gastronom insgesamt 20 Kilo pro Woche in der Hauptsaison. Kusch hat seine ganz persönliche Meinung dazu, warum der Brei auf Sylt so gerne gegessen wird: „Ich glaube es hat mit der salzigen Luft zu tun - da wollen die Leute einfach etwas Süßes essen.“

An die Spitze der süßen insularen Mahlzeiten kletterte der Milchreis in den Nachkriegsjahren. Inselhistorikerin Silke von Bremen kann zwar auch nur Mutmaßungen anstellen, sie selbst war als Zugezogene von der Sylter Milchreis-Kultur auch überrascht: Vielleicht, glaubt sie, hängt der Breiverzehr auf den Nordseeinseln mit den einstigen Kinderkuren nach dem Krieg zusammen. Damals habe man versucht, die unterernährten Kinder mit sahnigem Milchreis wieder aufzupäppeln.

Aber nicht nur die Kinder, auch die Kassen konnte der süße Brei schnell füllen. „Die Sylter Gastronomen müssen in der Vergangenheit wahnsinnig viel Geld mit Milchreis verdient haben“, spekuliert Jens-Werner Petersen. Der gebürtige Keitumer und Milchreis-Liebhaber erinnert sich noch gut daran, wie er als Kind ab und zu nach Westerland fahren durfte, um sich in der damaligen Milchkurhalle auf der Promenade den Bauch vollzuschaufeln. Von 1951 bis 1998 war das Strandlokal, das zur Förderung des Trinkmilchabsatzes von der Sylter Meierei-Genossenschaft gegründet wurde und rund 130 verschiedene Milchspeisen auf der Karte hatte, vor allem für seinen Milchreis bekannt: Von Mai bis Oktober wurden dort jährlich etwa drei Tonnen des süßen Breis an die Gäste gebracht. Und da sich Gastronomen bekanntlich gerne vom Erfolgskonzept der Konkurrenz inspirieren lassen, könnte der Milchreis so endgültig den kulinarischen Sieg gegen süße Waffeln, Windbeutel und weiße Schokoladenmousse für sich verbucht haben. Denn der Wareneinsatz bei dem Gericht ist überschaubar gering, der Gewinn für den Gastronom dadurch hoch. Außerdem ist Milchreis einfach lecker und ruft in fast jedem Menschen, ob 84, 44 oder 14, Kindheitserinnerungen hervor. „Essen hat ja auch immer viel mit Erinnerung zu tun“, sagt Stephan Beck, Vorsitzender des Dehoga Sylt. „Und so geht es sicherlich vielen, die auf der Insel leben oder Urlaub machen und die immer wieder gerne Milchreis bestellen.“ Das Gericht sei von den Sylter Speisekarten einfach nicht mehr wegzudenken, „aber ich behaupte mal, dass sich die wenigsten heute noch in die Küche stellen und einen richtigen Milchreis kochen“.

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