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Ende einer Ära : Aids-Hilfe Sylt wird aufgelöst

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Weil sich für den Verein kein Vorstand findet, beendet die 1. Vorsitzende Elke Wenning die Ära der Aids-Hilfe Sylt – und damit auch die der Aids-Gala

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 05:43 Uhr

22 Jahre lang war sie Herz und Seele der Sylter Aids-Hilfe. Doch Elke Wenning, die 1. Vorsitzende des Vereins „Aids-Hilfe Sylt – aktHIV für Nordfriesland“, hat sich entschieden: Zum 31. Dezember wird der Verein aufgelöst. Im Interview mit der Sylter Rundschau spricht die 62-Jährige über ihre Beweggründe, die Krankheit als Tabu-Thema und die Zukunft der Aids-Gala,

 

Frau Wenning, ab 2018 wird es die Aids-Hilfe Sylt nicht mehr geben. Warum gehen Sie diesen endgültigen Schritt?
Weil die Aids-Hilfe Sylt, genauso wie andere Vereine auch, einen Vorstand von drei Leuten braucht. Nun möchte eines unserer bisherigen Vorstandsmitglieder nach 18 Jahren aufhören – was absolut legitim ist und ich gut verstehen kann. Bei unserer Jahreshauptversammlung, auf der unter anderem die Vorstandswahlen angesetzt waren, kam aber keiner. Vielleicht sogar aus Angst, selbst gewählt zu werden. Ich habe insgesamt zu drei Terminen geladen, weil ich es nicht fassen konnte. Und drei Mal kam nur der Vorstand, obwohl die Einladungen an alle 37 Mitglieder rausgegangen sind.

Wie ging es dann weiter?

In der dritten Einladung habe ich geschrieben, dass ich – wenn wieder niemand kommt – davon ausgehen muss, dass die Aids-Hilfe nicht mehr gewollt ist. Und als das so war, habe ich damit begonnen, den Verein aufzulösen. Das nimmt allerdings einige Zeit in Anspruch, weil es ein bürokratischer Akt ist und es um einen gemeinnützigen Verein geht, der vom Land gefördert wird.

Wie geht es Ihnen jetzt mit dieser Entscheidung?
Schlecht. Ich habe die Aids-Hilfe 1995 mitgegründet – und das habe ich ja nicht ohne Grund getan, sondern weil ich für Menschen da sein wollte, weil ich helfen wollte. Von klein auf war es ein Bestreben von mir, denen eine Stimme zu geben, die ganz weit am Rand sind. Auch weil ich stark genug bin, um das zu können. Außerdem ist es natürlich auch eine persönliche Enttäuschung, denn es ging ja nie darum, den Vorsitz zu übernehmen. Es ging nur darum, mit in den Vorstand zu kommen. Allerdings glaube ich auch nicht, dass wir der einzige Verein sind, der an diesem Umstand krankt, sondern generell das ganze Ehrenamt. Das hat einfach etwas mit Engagement zu tun – und das fehlt leider bei vielen. Aber auch die Zeit dürfte ein wichtiger Faktor sein, die ist knapper geworden.

Wird es ohne die Aids-Hilfe die Aids-Gala geben?
Nein. Die Aids-Gala habe ich mal ins Leben gerufen, weil die Aids-Hilfe Sylt Geld brauchte, und nicht, damit die Sylter ein schönes Fest haben. Aber wenn es die Aids-Hilfe nicht mehr gibt, gibt es natürlich auch die Aids-Gala nicht mehr. Wofür sollen wir denn dann noch Geld sammeln?

Das wird viele sicherlich enttäuschen.
In der Öffentlichkeit steht die Aids-Hilfe für die Aids-Gala, diesen einen Termin im Jahr – und für nichts sonst. Das merke ich daran, dass mich jeder nach der Gala fragt, nie allerdings danach, wie es dem Verein oder den Betroffenen geht. Und das kann es doch nicht sein! Ein Fest kann ich auch so ausrichten. Mir und dem Verein ging es nie um die Gala, sondern ums Inhaltliche, um die Betroffenen.

Was war in den vergangenen 22 Jahren die Aufgabe der Aids-Hilfe Sylt?
Als wir sie im Mai 1995 gegründet haben, war es in erster Linie eine Sterbebegleitung. Heute befasst sie sich mehr mit Präventionsarbeit und natürlich der Aufgabe, für die Betroffenen in jeder Lebenslage da zu sein. Denn nach wie vor ist es so, dass Aids in der Gesellschaft nicht akzeptiert ist – auch wenn zum Welt-Aids-Tag und auf der Aids-Gala alle groß von Akzeptanz und Toleranz sprechen. Kurze Zeit später versinkt das Thema dann aber für den Rest des Jahres wieder in der Anonymität. . Und das, obwohl die Zahl der Infizierten zuletzt wieder gestiegen ist.

Wie viele erkrankte Menschen gibt es auf Sylt und in Nordfriesland?
Da gibt es keine genauen Zahlen. Das liegt daran, dass wir eine Urlaubsinsel sind und viele Betroffene zu uns kommen, die ihren Zweitwohnsitz hier haben oder auf Sylt Urlaub machen. Die kommen dann zu uns, um sich Rat zu holen – auch, weil sie sich in ihrem Heimatort nicht in die Beratungsstellen trauen. Die Aids-Hilfe Sylt steht nicht in der Öffentlichkeit und auch der Weg zu uns in die Nordseeklinik ist völlig unauffällig.

Wissen die Betroffenen auf Sylt und in Nordfriesland Bescheid, dass Sie die Aids-Hilfe auflösen?
Ja, sie wissen es. Und natürlich bin ich weiterhin auch für sie da. Ich betreue selbst elf Personen, denen ich mit Rat und Tat zur Seite stehe. Die finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für den Kauf zusätzlicher Medikamente, wird nicht mehr so einfach sein. Ich hoffe und vertraue auf mein Netzwerk, dass ich auch weiterhin Unterstützung finden werde, wenn sie nötig sein wird. Denn pro Jahr werden dafür etwa 6000 Euro benötigt. Was aber nicht weiterläuft ist die Prävention.


Wie wurde Prävention betrieben?
Die Aids-Hilfe Sylt ist ja nicht nur für die Insel, sondern für ganz Nordfriesland zuständig. Wir haben zwei hauptamtliche Mitarbeiter, die in Teilzeit als Verwaltungsangestellte und Sozialpädagogin eingesetzt sind. Unsere Sozialpädagogin wohnt auf dem nahen Festland und besuchte regelmäßig alle Schulen im Kreis, auch auf Amrum und Föhr. Außerdem haben wir eng mit der Klinik Bredstedt zusammengearbeitet und uns ein großes Netzwerk aufgebaut.

Wo können die Betroffenen jetzt hin, wo ist die nächste Aids-Hilfe?

Die nächste Anlaufstelle ist das Gesundheitsamt in Husum. Ansonsten gibt es Aids-Hilfen in Heide, Kiel, Lübeck und in Flensburg.

Wenn sich jetzt doch noch jemand melden würde um sich in den Vorstand wählen zu lassen. Wie würden Sie reagieren?
(lange Pause) Puh, das kann ich jetzt gar nicht sagen. Im Grunde wissen es ja alle Vereinsmitglieder seit Februar 2017, das kam für niemanden überraschend und ein Außenstehender kann nicht einfach Vorstand werden, der müsste zuerst in den Verein eintreten. Ich für meinen Teil habe damit abgeschlossen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, es der Öffentlichkeit mitzuteilen.

 

 

 

 

 

 

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