Zeitgeschichte : Ahnung des kommenden Unheils

Musizieren statt Marschieren: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs spielt eine Soldatenkapelle in List auf
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Musizieren statt Marschieren: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs spielt eine Soldatenkapelle in List auf

Verlag Frank-Daniel Schulten veröffentlicht Neuausgabe eines Buches über den Beginn des Ersten Weltkriegs auf Sylt

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28. Januar 2015, 06:00 Uhr

Der 1. August 1914 ist ein sonniger Urlaubstag. Doch am späten Nachmittag ist mit der Sommerfrische jäh vorbei. Wie ein Lauffeuer spricht es sich auf Sylt herum: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat den Befehl zur Mobilmachung gegeben. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht unmittelbar bevor.

Während die meisten Badegäste „fluchtartig die Insel verließen, so dass die Dampfer den Andrang kaum bewältigen konnten“, wie ein Zeitzeuge notierte, verblieb ein Sommerfrischler gelassen: Siegfried Jacobsohn. Seine Beobachtungen auf Sylt zu Beginn des Weltkriegs fasste der Verleger der bekannten Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ zunächst in Tagebüchern und 1916 dann in seinem Buch „Die ersten Tage“ zusammen.

Die wache Beobachtungsgabe, „die die wachsende Beklemmung und die Ahnung des kommenden Unheils schildert, die allmählich in den Sylter Alltag und die Ferienidylle einsickern“, war es dem Verlag Frank-Daniel Schulten wert, nun eine Neuausgabe des Buches zu veröffentlichen, die zum Preis von 13,80 Euro (ISBN 978-3932-96-1403) im Sylter Buchhandel erhältlich ist.

Detailliert schildert Siegfried Jacobsohn seine Eindrücke während der schicksalhaften Entwicklungen. So vermerkt er einen Tag vor Kriegsausbruch: „Die Post ist ausgeblieben. Nach den bedrohlichen Nachrichten der letzten Tage: kein gutes Zeichen.“ Und im nächsten Eintrag: „Der Bäcker hat nicht mehr gebacken, weil er geheimnisvoll irgendwo hingeholt worden ist.“

„Das Dorf“ – gemeint ist Kampen – „ist fast leer“, schreibt Jacobsohn am 3. August, und wenige Tage später trifft er „den braven Badewärter Jens, der jetzt stolz in einer Uniform an mir vorbei radelt“.

Neben solchen Impressionen vertraut Jacobsohn auch seine eigenen Gedanken den Tagebüchern an, so etwa: „Ich glaube an eine Massenpsychose, an schäumende Wut und knirschenden Trotz eines Volkes, das sich überfallen wähnt.“

Dann schließlich: Die Abreise auf einem Kutter. „Die ganze Insel liegt auf einmal im Glanz (...) Es geht kriegsfahrplanmäßig ab.“

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