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Sylter Rundschau

22. Oktober 2017 | 00:14 Uhr

Interview : Abschied nach 120 Schuljahren

vom

Nach 40, 42 und 38 Berufsjahren werden Ilka Callsen, Heide Lüning und Bernd Ußner heute in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit Ulrike Bergmann erzählen die drei Grundschulleiter aus Keitum, Westerland und Wenningstedt von müden Kindern, Abschiedsschmerz und schwarzen Schafen.

shz.de von
erstellt am 17.Jul.2008 | 07:15 Uhr

Wenn Sie auf Ihr Berufsleben zurückblicken, war dann früher alles besser?

Lüning: Die Kinder waren früher anders, es herrschte mehr Ruhe. Heute wird vieles überlagert durch eine hektische Kindheit mit vielen Terminen: um 15 Uhr Ballett, um 17 Uhr zum Fußball... Zum selbstgeschaffenen, kreativen Spiel kommen viele Kinder gar nicht mehr, weil ihnen immer und überall etwas vorgesetzt wird. Außerdem gibt es die Reizüberflutung der Medien und geänderte Familienstrukturen.

Callsen: Die Kinder leben in einem unruhigen Umfeld, für das sie nichts können...

Lüning: Genau! Da ist hier ein Fest mit einer Hüpfburg, am nächsten Tag wird am Hafen gefeiert, auch mit Kinderprogramm, dann ist Ringreiten; Alles tolle Sachen, die es aber in solchen Mengen gibt, dass ich montags oft müde Kinder vor mir habe.

Ußner: Dazu passt, dass wir als Lehrer heute auch nicht mehr zur Ruhe kommen, weil ein Erlass aus dem Bildungsministerium den nächsten jagt.

Callsen: Außerdem wurde beispielsweise der Spielraum bei der Stundenzuteilung immer kleiner. Früher bekam man vom Schulamt eher eine Lehrerstunde mehr, heute gibt es im Zweifel weniger.

Lüning: Gleichzeitig sind Lehrer heute viel mehr in Erziehungsaufgaben gedrängt als früher. Es gibt Kinder, die wissen nicht einmal, wie man im Ranzen Ordnung hält.

Ußner: Und gleichzeitig sind ja alle Eltern selber mal zur Schule gegangen und viele meinen, dass das Schulsystem immer noch so ist wie früher.

Vermissen Sie Verständnis für Ihren Beruf?

Callsen: Es müsste eine Bewusstseinsänderung dahin geben, wie wichtig Schule ist und die Einsicht, dass Elternhaus und Schule die Kinder nur zusammen fitter machen können, ohne sie überzustrapazieren.

Was wünschen Sie sich, um die Situation zu verbessern?

Ußner: Mehr Zeit für die Kinder. Ich fände modern ausgestattete Ganztagsschulen gut. Außerdem muss man sich von starren Jahrgangs strukturen lösen, weil Kinder heute zwar oft gleich alt aber nicht gleich weit entwickelt sind. Und generell wünsche ich mir eine Lehrerschaft, die bei Reformen mitzieht. Wenn die Gesellschaft sich verändert, muss man reagieren.

Callsen: Nach den vielen Vorgaben aus dem Ministerium von der Entwicklung der Schulprofile bis zum Schul-TÜV fände ich es wichtig, dass man die Lehrer ein paar Jahre in Ruhe damit arbeiten ließe. Die neuen Methoden müssen selbstverständlich werden, bevor man die nächste Baustelle aufmacht.

Ußner: Es gibt aber auch Widersprüche in den Regelungen. Einerseits sollen wir jeden Schüler da abholen, wo er steht, andererseits gibt es Leistungstests, bei denen alle den gleichen Standard erreichen müssen.

Lüning: Das beißt sich manchmal, ja.

Callsen: Außerdem wünsche ich mir, dass der Lehrerberuf wieder mehr Ansehen bekommt.

Lüning: Ich auch. Man merkt bei manchen Kindern, dass zuhause negativ über unseren Beruf gesprochen wird. Früher gab es mehr Respekt. Heute heißt es immer, Lehrer haben zwölf Wochen Ferien und gehen schon mittags nach Hause.

Ußner: Natürlich gibt es schwarze Schafe, die am ersten Ferientag im Flieger sitzen und erst am letzten Tag zurückkommen. Aber als Schulleiter kann man ja leider niemanden verpflichten, in den Ferien Fortbildungen zu besuchen.

Lüning: So wie wir ja auch das Personal nicht selber einstellen dürfen. Ich hätte manchmal gerne selber entschieden, wer am besten zur Schule und ins Team passt, aber die Kollegen werden einem einfach zugeteilt. Und natürlich hätte ich gerne die Freiheit gehabt, Jahrgänge, in denen 31 Kinder sind, in zwei Klassen aufzuteilen.

Die Bürokratie werden Sie also nicht vermissen. Aber was wird Ihnen fehlen?

Callsen: Sicher die Kinder. Ich werde wehmütig, wenn sie mich auf den Abschied ansprechen und sagen, dass ich doch gut noch ein paar Jahre bleiben könnte.

Lüning: Das geht mir auch so. Und wenn ich Dinge für das nächste Schuljahr vorbereite, aber weiß, dass ich daran nicht mehr beteiligt sein werde, kommt Wehmut auf.

Ußner: Meine Klasse kommt jetzt ins vierte Schuljahr und muss sich da noch an einen neuen Klassenlehrer gewöhnen. Das ist natürlich nicht so schön.

Callsen: Außerdem werden mir die Aufsätze fehlen. Ich habe daran so gern mit den Kindern gearbeitet und es angebahnt, dass sie selber anfingen zu schreiben.

Wie trösten Sie sich über die Wehmut hinweg? Was planen Sie im Ruhestand?

Lüning: Ich möchte wieder Sport machen, schwimmen, vielleicht Tennisspielen. Und im September wollen mein Mann und ich unsere Tochter in Tallin besuchen. Sie macht dort ein Praktikum und ich bin beim Verreisen ja nicht mehr an Ferien gebunden.

Callsen: Mein Mann und ich gehen gemeinsam in den Ruhestand und wollen erstmal unsere Tochter, die in Kanada lebt, besuchen. Dann wollen wir wandern und ich möchte mir Kunstausstellungen auf dem Festland ansehen. Das liebe ich sehr.

Ußner: Ich stelle mir erstmal gar nichts vor, außer mehr Zeit für mich selbst. Diese Sorge, in ein Loch zu fallen, habe ich nicht. Ich habe meinen Schrebergarten, meine Enkel, fahre gerne Rad und weil meine Frau weiter im Pastorat hilft, kann ich mich auch mal um den Haushalt kümmern.

Lüning: Und wir werden uns sicher alle mal zum Kaffee treffen. Vielleicht gibt es dann einen Ex-Lehrer- oder Ex-Schulleiter-Stammtisch.

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