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Blick in den Sylter Süden : 75 Jahre Wohnen in Hörnums Roter Siedlung

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In diesem Jahr jährt sich die Fertigstellung der Roten Siedlung in Hörnum zum 75. Mal / Grund genug, einen geschichtlichen Blick in den Sylter Süden zu werfen.

Im Süden der Insel Sylt fand zwischen 1935 und 1939 eine rege Bautätigkeit statt: Die Wehrmacht rüstet sich für das, was später als Zweiter Weltkrieg in die Annalen einging. Ein Seefliegerhorst, Werkshallen, Kasernen und viele andere militärische Gebäude pflasterten das zuvor so beschauliche Hörnum, das bis dahin aus einer Seebrücke für ankommende Schiffe und dem Bahnhof der Inselbahn bestand.

Hunderte von Soldaten wurden in die Enklave abkommandiert, einige kamen mit ihren Familien. Und für so viele Menschen brauchte es auch entsprechend Raum zum Wohnen. So entstanden außerhalb des militärischen Bereichs Siedlungen für die Familien sowie die zivilen Mitarbeiter. Eilig wurden uniforme Rotstein-Bauten mit grauen Satteldächern in einfacher Bauweise gebaut und die Rote Siedlung entstand, die in diesem Jahr ihr 75-jähriges Jubiläum feiert.

In ihrem Erscheinungsbild unterschied sich die Rote Siedlung von den Häusern der Hörnumer Weißen Siedlung, deren Gebäude mit weiß getünchten Ziegeln errichtet wurden und hauptsächlich von den höheren Angestellten des Fliegerhorstes bewohnt wurden.

Entworfen wurden die Rote und Weiße Siedlung von Ferdinand Keilmann, einem Architekten der Bauverwaltung des Reichsluftfahrministeriums, der ab 1950 als Architekt im Hochbauamt das Stadtbild Bochums entscheidend prägte.

Die Bewohner der Roten Siedlung rund um die Budersandstraße, Hangstraße und Steintal waren hauptsächlich Zivilbedienstete und Handwerker. Der fünfjährige Hörnumer Thomas Hansen war 1939 einer der ersten, der mit seinen Eltern eine der Wohnungen im Steintal bezog. Ursprünglich aus Flensburg fand sein Vater in Hörnum eine Stelle als Vorarbeiter in einer Tischlerei. Hansen lebt wieder am Steintal und erinnert sich noch gut an die alte Zeit: „Die weiße Siedlung war das eigentliche Dorf“, erzählt der heute 80-Jährige, „dort wohnten hauptsächlich Unteroffiziere und Angestellte und dort waren der Lebensmittelladen, der Schlachter und der Milchmann. In der Roten Siedlung wohnten wir, also hauptsächlich Handwerker. Und dann gab es noch den Lamettahügel.“ Die Häuser auf dem „Lamettahügel“ waren dem Kommandeur und den ranghöchsten Offizieren vorbehalten. Aufgrund ihrer Orden und Ehrenzeichen erhielt die Düne, die das Ortsbild des Dorfes prägt, bei der Bevölkerung ihren Namen.

Der Wohnraum in Hörnum reichte 1939 allerdings kaum noch aus, da weitere Einheiten in den Sylter Süden verlegt wurden und in dem – touristisch noch nicht erschlossenen – Dorf nicht wie andernorts Hotels oder Pensionen beschlagnahmt werden konnten. Geplant war die Fertigstellung weiterer Häuser, für die die Steine schon angeliefert waren, doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht gebaut werden konnten.

Fast alle Wohnhäuser überstanden die Kriegsjahre unversehrt. Lediglich, als am 19. März 1940 fünfzig britische Bomber Kurs auf Sylt nahmen und über Hörnum Bomben und Brandsätze abwarfen, vermerkte der „Bomber Command Intelligence Report“ am folgenden Tag vereinzelte Beschädigungen an Wohngebäuden.

Mit der Nachkriegszeit kamen die Opfer von Flucht und Vertreibung nach Hörnum und eine Familie wurde auch bei Familie Hansen im Obergeschoss ihres Hauses in der Roten Siedlung einquartiert.

„Nach dem Krieg, als es alles auf Marken gab, gab es einen regen Handel mit Tabak. Alle Häuser im Steintal hatten Gärten mit circa 20 Zentimeter Mutterboden. Dort haben alle in der Nachbarschaft Tabak angebaut, denn nach dem Krieg waren Zigaretten für uns wie eine Währung“, berichtet Hansen.

Die Rote Siedlung wurde aufgrund des Zweiten Weltkriegs nie in der Weise fertiggestellt, wie es sich der Architekt vorgestellt hatte. „Die Straßen des heutigen Berliner Rings in Hörnum waren schon zementiert, überall lagen rote Backsteine“, erinnert sich Hansen, „es war alles schon geplant, gebaut wurde es aber nicht.“

 

 

 


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erstellt am 19.Nov.2014 | 06:10 Uhr

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