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Sylter Rundschau

24. August 2017 | 09:30 Uhr

55 Tage im Zickzack bis nach Sylt

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Der Ludwigsburger Daniel Tschepe machte sich zu Fuß auf den Weg nach Sylt. Knapp zwei Monate dauerte die Reise quer durch die Republik, an deren Ende seine Tochter auf ihn wartete.

Die wohl längste Anreise von allen sich zur Zeit auf der Insel befindenden Urlaubern hatte wohl er: Acht Wochen dauerte es, bis Daniel Tschepe (50) von Ludwigsburg bei Stuttgart am Hörnumer Weststrand ankam.

Aber der Reihe nach: Was schenkt man sich selbst zum 50. Geburtstag? Mit dieser Frage beschäftigte sich Tschepe schon zwei Jahre bevor überhaupt gefeiert werden durfte. Die Antwort, die er nach einigen Wochen für sich fand, war simpel: Zeit! Er beschloss, eine Reise zu machen, ein passendes Ziel war auch schnell gefunden: seine zweite Heimat Sylt.


Mehr als 500 Überstunden


Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte er nämlich auf der Insel, ging sogar drei Sommer auf die Grundschule in Hörnum und kam auch danach jedes Jahr auf die Insel. Denn seine Eltern hatten über Jahrzehnte ein Foto-Fachgeschäft in dem südlichsten Inselort betrieben. „Obwohl ich in Ludwigsburg geboren und dort die meiste Zeit zur Schule gegangen bin, fühle ich mich nicht als Schwabe“. Ihn einen halben Sylter zu nennen, wäre wohl übertrieben, aber „ein Stückchen sicherlich“, sagt er.

Ihm war klar, dass die „normalen“ 30 Urlaubstage nicht ausreichen würden, um seinen Wunsch nach einer ausgiebigen Reise und Zeit für sich zu erfüllen. Vor dem Gespräch mit seinem Arbeitgeber stand aber noch eine viel wichtigere Einwilligung bevor: die seiner Frau. „Klar war es ok für mich, ich hätte es aber eher verstanden wenn er ins Ausland gegangen wäre“, sagt sie lachend. Nachdem anschließend noch das Einverständnis der Firma, in der der Diplom-Ingenieur als Architekt arbeitet, kam, fing er, an Überstunden zu sammeln.

Und er brauchte eine Menge, denn er wollte nicht einfach mit dem Auto, Zug oder dem Flugzeug verreisen – zu Fuß wollte er sein Ziel erreichen. So sparte er in anderthalb Jahren 500 Stunden um seinen Traum von der dreimonatigen Reise zu verwirklichen.


1615 Kilometer im Zickzack


Am 30. Mai war es dann soweit: Nach einer gemeinsamen Geburtstagsfeier mit seiner Tochter – sie zelebrierte mit 18 ihre Volljährigkeit und er das halbe Jahrhundert – war der richtige Zeitpunkt um sich auf den Weg zu machen. Sein einziger Begleiter auf der Tour war ein umgebauter Kinder-Fahrradanhänger (siehe Foto), in dem er seine Ausrüstung transportierte. „Durch den Fahrradanhänger war klar, dass ich mich an den Fernfahrradwegen orientieren muss. Querfeldein geht es damit leider nicht, aber ich wollte meinem Rücken keinen schweren Rucksack über eine so lange Strecke zumuten“, erklärt er.

Insgesamt 1615 Kilometer schob Daniel Tschepe den zirka 50 Kilo schweren Kinderanhänger vor sich her. Er wählte nämlich nicht den direkten Weg, drei Zwischenziele plante der 50-jährige auf seiner Reise ein: Eine Fahrraderoute entlang des Werratals, den Brocken im Harz und die Externsteine im Teutoburger Wald, so durchquerte er Deutschland im Zickzack. Täglich schaffte er 20 bis 50 Kilometer in fünf bis dreizehn Stunden.

„Im Harz habe ich durch die Berge an einem Tag nur 18 Kilometer geschafft, das war meine kürzeste Tagesstrecke. Auf den Brocken habe ich meinen Wagen natürlich nicht hoch geschoben, Ich hab ihn einfach auf dem Campingplatz gelassen“, erzählt er.

Bis auf kleinere Zwischenfälle, einen Platten und einen Bruch am Wagengestell, die er beide schnell beheben konnte, waren ein paar Blasen an den Füßen das Schlimmste, was ihn auf seiner Tour ereilte.


Richtungswechsel: Ein Kurzurlaub zu Hause


Besonders beeindruckend: Er verlief sich auf dem gesamten Weg nur ein einziges Mal. Direkt am ersten Tag und in noch vertrauter Umgebung bog er falsch ab und musste so rund zehn Kilometer Umweg in Kauf nehmen. „Das war am ersten Tag natürlich besonders demotivierend, da kam ich schon kurz ins zweifeln, ob das Ganze so eine gute Idee ist“, erzählt er. Danach sorgte ein genauerer Blick auf eine seiner 25 Karten und das GPS-Gerät dafür, dass sich dieses kleine Unglück nicht wiederholte.

Ansonsten genoss er die Zeit im Freien sehr: „Ich hatte sehr viel Glück mit dem Wetter, die ersten vier Wochen schien quasi nur die Sonne. So habe ich auch die gesamte Reise fast nur auf Campingplätzen geschlafen.“ Einmal sei er so durchnässt gewesen, dass er sich ein Zimmer nehmen musste. Bei der zweiten Ausnahme sei kein Campingplatz in der Nähe gewesen.

Von den restlichen 52 Nächten übernachtete er noch vier Nächte bei Freunden und sogar zwei bei sich zu Hause in Ludwigsburg: „Ich musste meiner Tochter versprechen, dass ich zu ihrer Abi-Entlassungsfeier komme. Das Gepäck konnte ich bei einem Freund in Gifhorn lassen.“


Die Ankunft am Hörnumer Weststrand


Zurück im Norden machte er noch eine Abstecher nach Helgoland und trat dann den letzten Streckenabschnitt auf dem Nordsee-Küsten-Radweg an. Zu gerne hätte er, wie die französischen Familie in der vergangenen Woche, den Weg entlang des Hindenburgdamms genommen (wir berichteten). Da er aber nicht gegen Regeln verstoßen wollte, ging es mit Zug von Klanxbül auf die Insel.

„Mein Vater fragte, ob er mich in Westerland vom Bahnhof abholen soll, das wollte ich aber nicht – mein Ziel war der Weststrand in Hörnum, dort habe ich die meiste Zeit auf Sylt verbracht.“ Seine tiefe Verbundenheit zu diesem Stück Insel geht bei ihm sogar unter die Haut: Die Koordinaten hat er sich schon vor Jahren auf die rechte Schulter tätowiert.

Kurz vor dem Ziel wurde es nochmal besonders hart: „Ich hatte nicht mit der Flut gerechnet und musste den Wagen die letzten Kilometer durch den Sand ziehen.“

Doch die Anstrengung lohnte sich. Am 23. Juli nahm ihn seine Tochter am Strand in die Arme. Bis Ende August kann er nun noch seine restlichen Urlaubstage auf Sylt genießen, seine Frau und jüngere Tochter kommen ihn selbstverständlich auch besuchen.

Wenn man ihn nach seinem Highlight fragt, muss er lachen: „Das haben mich schon viele gefragt. Eine schwierige Frage! Die ‚Zeit für mich‘, das war mein Highlight.“

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