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Sylt Sylt und seine "Neubürger"

Von Rita Jensen | 10.11.2012, 02:05 Uhr

Problem oder Bereicherung? Fast immer ist der Mensch für die Verbreitung gebietsfremder Arten verantwortlich

Jeder kennt sie - die auf Sylt fast überall präsente, duftende, pink blühende Kartoffelrose (Rosa rugosa). Auch die zeitweilig massenhaften Schalen der Amerikanischen Schwertmuschel (Ensis americanus) am Strand hat der eine oder andere schon beim Spaziergang gesehen und sich vielleicht gewundert. Sie gehören zu jenen Neubürgern, die sich durch menschliches Zutun verbreitet haben; man nennt sie auch Neophyten beziehungsweise Neozoen. Von "Invasiven Arten" spricht man laut Bundesnaturschutzgesetz, wenn Arten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes die hier vorkommenden Arten und Lebensräume erheblich gefährden. Die Frage, ob eine Art wirklich invasiv ist, kann aber nicht immer eindeutig beantwortet werden.

Im Nationalpark Wattenmeer vor Sylt haben sich beispielsweise die Pazifische Auster (Crassostrea gigas) und die sogenannte Amerikanische Schwertmuschel angesiedelt. Die Amerikanische Schwertmuschel kam mit dem Ballastwasser der Schiffe auf die Insel und besetzt jene Lebensräume, die die Europäische Schwertmuschel bis zu ihrem Aussterben aufgrund kalter Winter dort ehemals inne hatte. Die Pazifische Auster wurde vom Menschen bewusst ausgebracht, um sie als Speisemuschel kulinarisch zu nutzen. Man ging davon aus, dass sie in dem kalten Nordseewasser zwar wachsen, sich aber nicht vermehren würde. Das war leider ein Irrtum. Sie vermehrt sich jetzt nahezu explosionsartig und überwuchert die heimischen Miesmuschelbänke mit der Folge, dass aus Muschelbänken Austernriffe, gemischt mit Miesmuscheln, wurden. Die Entwicklung dieser beiden Arten wird regelmäßig über ein Muschelmonitoring beobachtet; eine abschließende Bewertung ist derzeit aber noch nicht möglich. Der Rückgang der heimischen Miesmuschelbänke kann mehrere Ursachen haben - auf alle Fälle hat er bereits Konsequenzen für einige Vogelarten: Austernfischer und Eiderenten sind im Bestand zurückgegangen.

Als Problempflanzenart erweist sich seit langem die fernöstliche Kartoffelrose (Rosa rugosa). Diese Rose wird leider gern in Gärten, an Straßen sowie zu Küstenschutzzwecken gepflanzt. Da sie ausgesprochen wüchsig und ausbreitungsfreudig ist, hat sie inzwischen längst die Landschaft erobert und stellt für konkurrenzschwache heimische Wildrosen eine echte Gefahr dar. Die auf Sylt vorkommende weiß blühende und gefährdete Dünenrose (Rosa spinosissima) ist schon in Bedrängnis. Für eine wirkungsvolle Bekämpfung kommen nicht viele Maßnahmen in Frage. Die Beweidung durch Robustrinder und -schafe auf geeigneten Flächen ist eine Möglichkeit.

Aber in manchen Fällen sind es noch nicht einmal exotische Arten, die alles durcheinander bringen. So wurde der Fuchs (Vulpes vulpes), obwohl bei uns in Schleswig-Holstein heimisch, für bodenbrütende Vogelarten wie Möwen auf Sylt zum Problem, seitdem er den Hindenburgdamm als Landbrücke nutzen kann.

Die Amphibien und Reptilien der Insel Sylt sind seit langem dokumentiert; einige Arten sind jedoch erst seit neuerem aufgetaucht oder zeigen "Besonderheiten". So sind die Farbgebungen und Abmessungen des auf Sylt heimischen Moorfrosches (Rana arvalis) eher typisch für die östliche Unterart (Rana arvalis woltersdorfi) aus Ungarn und nicht für die bei uns heimische Unterart (Rana arvalis arvalis). Hier kann man vermuten, dass die neue Art über Reet-Transporte aus Ungarn zu uns gekommen ist. Zur Zeit wird von Sylter Moorfröschen genetisches Material untersucht, die Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.

Ringelnatter-Importe über Reetmaterial sind für Sylt für die Jahre 2006 und 2011 nachgewiesen. Für weitere Arten hat es gezielte Freilassungen aber auch schon vorher gegeben. Von Ringelnattern (Natrix natrix), einer östlichen Unterart, wird vermutet, dass sie mit Faschinenmaterial aus Polen in den Beltringharder Koog gelangt sind. Eine Bedrohung für die Tierwelt der Inseln geht von ihnen nicht aus, zumal sie nach wie vor eher selten zu beobachten sind.

Eine typische Art der Geestinseln, vor allem auf Sylt, ist dagegen die Kreuzkröte (Bufo calamita). Sie gilt als gefährdet und ist nach Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Art. Vor allem der Ausbau touristischer Infrastruktur sowie der zunehmende Straßenverkehr sind eine Bedrohung für den Bestand. Die dadurch entstehenden Bestandslücken besetzt zunehmend die nicht bedrohte Erdkröte (Bufo bufo). Sie ist hinsichtlich ihres Lebensraumes flexibler und toleriert sogar Fischbesatz in ihren Laichgewässern. In günstigen Jahren kann es zu regelrechten Massenvermehrungen kommen. Faschinenmaterial ist für den Transport von Erdkröten nach Amrum im Jahre 2001 verantwortlich. Punktuelle Ansiedlungen auf Sylt (an Bauhöfen des Deichbaus) sprechen für einen ähnlichen Importweg.

Die Transportwege der einwandernden Arten sind vielfältig und oft überraschend. Neben dem Transport über Ballastwasser, Reet oder Faschinenmaterial gelangt manche Art unbemerkt mit dem Reisegepäck zu uns.

Immer und überall verschwinden Arten oder kommen neue in einem langsamen Evolutionsprozess hinzu. Veränderte Lebensbedingungen, wie etwa Klimawandel oder veränderte Nahrungsangebote, bieten ihnen neue Chancen - oder auch nicht. Aber fast immer ist der Mensch für die Verbreitung gebietsfremder Arten verantwortlich. Entweder gezielt oder unbeabsichtigt, in vielen Fällen mit gravierenden Folgen für die betroffenen Ökosysteme. Neuseelands flugunfähige Vögel kämpfen mit eingeschleppten Ratten, und in den Everglades Floridas fressen freigelassene Tigerpythons die Tierwelt leer. Die amerikanische Aga-Kröte in Australien ist hinsichtlich ihrer Nahrung ebenso wenig wählerisch wie der sich in Europa ausbreitende Ochsenfrosch aus den USA. Beide nehmen so ziemlich alles. Verglichen mit diesen Problemen können sich Fauna und Flora auf und vor Sylt wohl glücklich schätzen.

Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume.