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Archsum Sylt: Rudolf Augsteins Wiese ist jetzt Bauland

Von str | 13.03.2014, 06:00 Uhr

Neben dem Archsumer Herrenhaus werden in Kürze sieben weitere Häuser auf dem 15.000 Quadratmeter großen Grundstück am Ortseingang gebaut.

Rudolf Augstein würde sich vermutlich in seinem Grab auf dem Keitumer Friedhof umdrehen. Rund um das Herrenhaus am Bob Terp, das dem 2002 verstorbenen Verleger jahrzehntelang als Rückzugsort diente, sollen in Kürze sieben Neubauten entstehen. „Wenn er wüsste, was da jetzt mit seinem Grundstück passiert, wäre er damit sicher nicht einverstanden“, sagt einer seiner engsten Sylter Vertrauten. Rudolf Augstein habe die Ruhe Archsums und den freien Blick über die Wiesen geliebt. „Er hat damals rund um das Haus alles gekauft, damit dort nichts gebaut wird.“

Jetzt sind der Bau von zwei Einzel- und fünf Doppelhäusern geplant. Das zirka 200 Jahre alte Herrenhaus ist bereits verkauft, erklärt Uwe Gerth, von Ralf Schultz Immobilien. Ein weiteres Grundstück sei ebenfalls bereits veräußert, so Martin Lange vom neuen Eigentümer, der Firma „Plus Bau Kaiserkai GmbH“ aus Ellerau. Anfragen für die übrigen Häuser gebe es ebenfalls, erklärt Gerth. Allerdings nur von außerhalb, so dass der Wohnraum wohl nicht für Sylter zur Verfügung stehen wird. „Wir stehen gerade ganz am Anfang mit der Vermarktung“, erklärt Immobilienmakler Peter Peters. Sorge, dass die Nachfrage wegbreche, habe er nicht, „solange die Zinsen nicht steigen.“ Der Preis für eine Doppelhaushälfte beginnt bei gut 1,7 Millionen Euro, für ein Einzelhaus müssen gut 4,1 Millionen auf den Tisch gelegt werden. Bis zu 200 000 Euro könnten jeweils noch mal dazu kommen, falls der Käufer einen Keller haben möchte.

Das 15.000 Quadratmeter große Areal samt Herrenhaus im Westen Archsums gehörte lange Zeit der Familie des Journalisten und Verlegers Rudolf Augstein (1923 – 2002). Der Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hat seine letzte Ruhestätte auf dem Kirchhof von St. Severin. Im Mai letzten Jahres wurde das Archsumer Familien-Anwesen von der Erbengemeinschaft um Augsteins Sohn Jakob verkauft.

Auf der Internetseite www.bob-täärp.de heißt es: Die Neubauten werden „in typischer Sylter Bauart“ errichtet und „mit alten Ziegeln verklinkert, mit Reet gedeckt und (...) als Firstabdeckung Friesensoden oder Heide“ benutzt. Obwohl also allem Anschein nach keine Bausünde geplant ist, ist Archsums Ortsbeiratsvorsitzender Jürgen Kamp nicht glücklich über die Pläne. „Was da jetzt gebaut wird, ist ortsbildprägend. Es wäre schön gewesen, wenn man das im Vorfeld abgesprochen hätte.“ Immobilienmakler Ralf Schultz beschwichtigt: „Das werden ganz edle, schöne Häuser, sie werden sich harmonisch in die Umgebung einpassen.“ Martin Lange sieht in dem Vorhaben die Vollendung des planerischen Gedankens, der bei der Aufstellung des B-Plans verfolgt wurde. „Das jetzige Bauvorhaben schließt die Lücke im Straßenzug Bob Terp und verleiht Archsum an dieser Stelle den gewünschten und definierten Ortsrand.“

Unumstritten ist der Bau der Häuser auch im Bauamt und Bauausschuss jedoch nicht gewesen. „2013 gab es eine Bauvoranfrage, in der es um die grundsätzliche Bebauung der Fläche ging“, erklärt Peter Andresen vom Bauamt. Für die Errichtung von sieben Gebäuden gab es dann einen Bauvorbescheid vom Kreis, dem die Gemeinde auch zugestimmt habe. Daraufhin wurden Bauanträge für drei Häuser gestellt. In der Zwischenzeit – also zwischen Bauvorbescheid und Bauantrag – habe man beschlossen, einen qualifizierten B-Plan für Archsum-Süd aufzustellen, so Andresen. „Der B-Plan 105 soll alle bisher bestehenden B-Pläne zusammenfassen und auf einen aktuellen Stand bringen. Gleichzeitig wurde bis zur Fertigstellung für das gesamte Gebiet eine Veränderungssperre erlassen.“ Für das Augstein-Areal kam diese Sperre jedoch zu spät, der Kreis erteilte die Baugenehmigung.

Dass die Bebauung der Wiese nicht im Sinne von Rudolf Augsteins gewesen wäre, ist sich Jürgen Kamp trotzdem sicher. Der Blick aus dem Herrenhaus Richtung Norden sollte immer unverbaut sein.