Ein Artikel der Redaktion

Mein Sylt Personal Wetterexperte

Von Miriam Köthe | 20.04.2013, 08:24 Uhr

Na bitte, es geht doch.

Endlich deutliche Plusgerade und Sonne. Ich habe eine Glückshormonausschüttung wie bei einem Lotto-Sechser. So stelle ich mir das Gefühl zumindest vor. Meinem Fahrrad geht’s hoffentlich genauso. Muss es. Ich habe es nämlich so doll geputzt, dass es blitzt wie ein Silberpfeil. Und ich habe es eigenhändig grundüberholt (meint: ich habe die Reifen aufgepumpt). Hiermit gebe ich an dieser Stelle öffentlich bekannt: meine Drahtesel-Saison 2013 ist eingeläutet. Ab jetzt bleibt das Auto in Morsum vor der Tür stehen. Und ab jetzt ist auch wieder morgens beim Frühstück mein persönlicher Wetterexperte (er trägt den Namen Carsten und zufällig den identischen goldenen Ring wie ich) gefragt. Andere haben auf Sylt einen Personal-Trainer, um morgens auf Trab zu kommen, ich dagegen habe einen Personal-Wetterexperten, den ich allerdings immer wieder neu auf Trab bringen muss.

Das gemeinsame Frühstück sieht bei uns auf Sylt nämlich wie folgt aus: Carsten sitzt links am Tisch mit Blick auf den Deich. Ich sitze rechts - mit Blick auf die Nachbarn. Dass er den schöneren Blick (Natur pur) hat, macht mir nichts aus. Die Nachbarn haben schließlich wunderhübsche reetgedeckte Häuser. Was mir aber etwas ausmacht ist, dass Carsten seinen tollen Deichblick nicht genießt, da er ausschließlich nach unten starrt. Und genau an dieser Stelle würde er jetzt entsetzt widersprechen. "Also, das stimmt jawohl überhaupt nicht. Ich gucke sehr wohl aus dem Fenster."

Bitte glauben Sie mir: Er tut es nicht. Zumindest nicht während des Frühstücks. Kann er auch gar nicht, denn die Tageszeitungen hängen schließlich nicht draußen vorm Fenster. Sie liegen quasi neben seiner Kliffkante (sein Lieblings-Körnerbrötchen) und zwar in Form eines IPads. Sylter Rundschau, Flensburger Tageblatt, BILD- Zeitung, die Welt, und und und. Carsten ist ein Zeitungsjunkie. Während er also per e-paper einen Artikel nach dem nächsten liest, habe ich bereits zwei Brötchen und ein Ei verdrückt, drei Becher Kaffee getrunken (und weggebracht), mit Mutti telefoniert, abgeräumt, den Geschirrspüler eingeräumt, die Wohnung gelüftet, geduscht und meinen Fahrradkorb für die Radtour bestückt. Damit ich Letzteres erledigen kann, brauche ich unbedingt seine Wetterdaten.

Ich frage also zwischen dem Regionalteil der Sylter Rundschau und dem Sportteil der BILD, ob er mir mal kurz den Kachelmann machen kann - wettertechnisch gesehen. Er scrollt dann wild in seinem IPad herum, ruft eine Wetterdatenbank nach der nächsten auf und liefert mir nach ca. zehn Minuten eine lupenreine Zusammenfassung, die kein studierter Meteorologe besser machen könnte. Er erklärt mir überzeugend wann der Wind wie stark aus welcher Richtung kommt, und was das Regenradar sagt. Danach packe ich entweder Regenjacke, Sweatshirt oder Windjacke in meinen Fahrradkorb. Ich erinnere mich allerdings an einen Morgen, als Carsten beim Tasche packen mein Regencape erblickte. "Es gibt heute alles, aber mit Sicherheit keine Regentropfen". Wobei, eigentlich hatte er auch in diesem Fall recht: es regnete auf dem Rückweg unserer Hörnum-Radtour ab Höhe Rantum- Ortsmitte keine Tropfen, sondern Sturzbäche. Er beneidete mich. Ich hatte nämlich vergessen, mein Cape aus der Tasche zu nehmen.

Ein anderes Mal hatte er sich in Sachen Wind verhauen. Wir fuhren mit leichtem Gegenwind Richtung List - und mit starkem Gegenwind zurück. Uups. Da hatte er doch tatsächlich übersehen, dass der Wind drehen sollte. Und auffrischen würde! Falls Sie sich jetzt fragen, warum wir nicht samt Rädern den Bus genommen haben, ganz einfach: Aus Sicherheitsgründen. Carsten fragte ernsthaft: "Man stellt die Räder doch nur in den Anhänger, oder muss man sie auch befestigen?". Ein gut gemeinter Tipp: Carstens Wetterdaten können Sie wirklich (fast immer) vertrauen. Von seiner handwerklichen Unterstützung würde ich Ihnen allerdings entschieden abraten.

Mein Personal- Wetterexperte sagt übrigens einen Bomben-Sommer 2013 voraus. Ich glaube ihm ... und an ihn!

Jeden Sonnabend beschreibt Miriam Köthe exklusiv für die Sylter Rundschau, was ihr auf Sylt so auffällt und gefällt. Die Kieler Journalistin besucht mit ihrem Mann, dem R.SH-Morningman Carsten Köthe, in jeder freien Minute die Insel.