Ein Artikel der Redaktion

Mark Medlock Karrierewechsel und Wahnsinn

Von Friederike Reußner | 20.04.2013, 08:20 Uhr

Silvio Berlusconi war früher Sänger auf Kreuzfahrtschiffen, Nana Mouskouri ("Weiße Rosen aus Athen") saß zwischen 1994 und 1999 als Abgeordnete für die griechischen Christdemokraten im EU-Parlament und Sonny Bono (der von Cher) wurde 1994 in den US-Kongress gewählt.

Aussage dieser Liste: Wenn’s mit der Musik nicht mehr läuft, gehen Musiker gern in die Politik.Ist das der Weg, den nun auch Mark Medlock gewählt hat? Dieser Eindruck entsteht zumindest beim flüchtigen Blick aus dem Autofenster: Wer auf dem Bahnweg nach Westerland rein fährt, sieht aus den Augenwinkeln Folgendes an sich vorbei wuschen: Wahlplakat der Piraten, wusch, noch mal Piraten, ach, anderes Piraten-Wahlplakat, ist wohl der Spitzenkandidat - huch, die haben den Medlock aufgestellt? Nach einer Vollbremsung klärt sich die optische Täuschung: Das Medlock-Plakat hat zwar die gleiche Größe und hängt auf gleicher Höhe am Laternenmast, wirbt aber für das nächste Konzert des Inselbarden.

So ganz falsch war die Einschätzung aber doch nicht, dass der Superstar a. D. eine Zweit-Karriere sucht - allerdings die von Dylan, Lennon, Lindenberg: Medlock malt. Darüber, dass die Ausstellung seiner Werke in einem Brillengeschäft ist, wird an dieser Stelle nicht gewitzelt. Diese Steilvorlage ist zu einfach...

Als am 7. Dezember 1835 die erste deutsche Dampflok zwischen Nürnberg und Fürth über die Gleise stampfte, da unkten zeitgenössische Kommentatoren, die Fahrt in dem eisernen Vehikel werde die Fahrgäste krank machen. Der Mensch sei für die rasend schnelle Überwindung langer Strecken schlicht nicht geschaffen. Auch wenn keine unmittelbaren organischen Folgen zu befürchten seien - so müssten die Reisenden doch zumindest wahnsinnig werden. Heute, im 21. Jahrhundert, gilt diese Meinung selbst als wahnsinnig. Spitzt man auf der Fahrt von oder nach Sylt aber einmal die Ohren, so gewinnt die alte These wieder an Schwung: "Ich persönlich halte ja gar nichts von Horoskopen", sagt da eine gut frisierte Dame mittleren Alters zu ihrer Sitznachbarin. "Nein - das ist natürlich Schwachsinn", antwortet diese. "Aber heute, da ist das anders", sie schlägt die Zeitung auf und tippt auf das Papier. "Heute sagt mein Horoskop, das ich meine Karten getrost auf den Tisch legen kann. Die Befürchtung, dass jemand in einer besseren Position ist, brauche ich nicht haben." Als der Schaffner sie kurz darauf um ihr Ticket bittet, hat sie ihre Brieftasche "auf dem Küchentisch liegen lassen". Der helle Wahnsinn eben.