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Interview Dänemark hat keine Seehund-Auffangstationen

Von str | 20.03.2014, 06:00 Uhr

Im Interview spricht Seehund- Experte Sascha Klöpper über den Umgang mit den Wildtieren in den  Nachbarländern Dänemark und den  Niederlanden.

Die Aufregung um die Arbeit der Sylter Seehundjäger hat sich ein bisschen gelegt. Die drei Ehrenamtler mussten Anfang des Jahres zahlreiche todkranke Seehunde schießen (wir berichteten). Über den Umgang mit den Seehunden in Schleswig-Holstein wurde ausgiebig berichtet. Der Lebensraum der Wildtiere umfasst ja nicht nur das deutsche Wattenmeer, sondern auch das dänische und niederländische. Melanie Steur-Fiener hat mit Sascha Klöpper, Koordinator der trilateralen Seehund-Expertengruppe, gesprochen. Thema: Wie gehen die Wattenmeer-Anrainerstaaten mit den Seehunden um.


Für Seehunde sind die Ländergrenzen kein Thema. Also sollte man die Population auch im trilateralen Kontext sehen. Trotzdem gibt es keine einheitliche Politik: In Deutschland und den Niederlanden gibt es Seehundstationen, in Dänemark meines Wissens nach keine...
In Dänemark gibt es tatsächlich keinerlei Seehundstationen zu Rehabilitationszwecken. Im Fischereimuseum in Esbjerg werden einige Tiere gehalten, aber lediglich zu edukativen Zwecken als Teil der Ausstellung. Kranke Tiere, die an Stränden aufgefunden werden, werden normalerweise erlöst.

In Deutschland und den Niederlanden gibt es jeweils zwei, von den Ländern autorisierte Zentren, welche auf die Rehabilitation spezialisiert sind, aber eben auch edukative Zwecke verfolgen.

Das Wattenmeer macht in den Niederlanden einen viel größeren Teil des Gesamtküstengebietes aus und ist für die dortige Bevölkerung entsprechend präsenter. Dies führt unter anderem dazu, dass die Diskussion um die Behandlung von Seehunden noch intensiver geführt wird.

In Dänemark spielt das Wattenmeer aufgrund seiner relativen Größe eine weniger gewichtige Rolle. Die offizielle Haltung gegenüber Rehabilitationsmaßnahmen ist hier eher kritisch – man könnte auch sagen pragmatisch.

Sie haben die Berichterstattung über die Diskussion der Sylter Seehundjäger verfolgt. Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Tierärzte und nicht Seehundjäger den Gesundheitszustand der Tiere beurteilen sollen?
Die Seehundjäger sind für ihre Aufgaben sehr gut ausgebildet und frischen ihr Wissen in regelmäßigen Schulungen von fachkundiger Seite auf. Das halten wir für durchaus ausreichend. Diese Qualifikation wird auch immer wieder von Tierärzten bestätigt. Der ehrenamtliche Einsatz der Seehundjäger kommt in einigen sehr kritischen Berichten entschieden zu schlecht weg. Sie stellen sich der Verantwortung, kranke Tiere zu erlösen. Außerdem ist es sicherlich sehr bedenklich, geschwächte Tiere auch noch zusätzlichem Transportstress auszusetzen.

Sollten sich die Seehundjäger umbenennen? Der Jäger im Name schreckt schon viele Leute ab.
Der Begriff Seehundjäger wird ausschließlich in Deutschland in Schleswig-Holstein verwendet, während man in Niedersachsen von ’Wattenjagdaufsehern’ spricht. In Dänemark werden diese Leute als ’Ranger’ bezeichnet, in den Niederlanden geht die Begrifflichkeit in Richtung ’Seehundretter’.

Ich muss zugeben, dass der Begriff Seehundjäger etwas unglücklich ist und vielleicht Vorgehensweisen andeutet, die nicht der Realität entsprechen. Ob nun ein neuer Begriff kreiert werden sollte oder ob konsequente Aufklärung über die Arbeit und Vorgehensweise diese Missverständnisse klären sollten, ist sicher Ansichtssache.

Zur aktuellen Lage der Seehunde: Quälen die Lungenwürmer zur Zeit auch die Tiere in Dänemark und den Niederlanden?

Lungenwürmer sind für die Seehunde Wattenmeer-weit eine Plage, welche aber die Wildpopulation zumindest nicht entscheidend beeinflusst. Das Auftreten von Krankheiten und Parasiten ist in freier Wildbahn ein völlig normaler Sachverhalt, der eben auch dazu führt, dass schwächere Tiere nicht überleben.

Wie steht die Expertengruppe zum Thema Medikamentengabe? Soll man Seehunde als Wildtiere behandeln oder auf die großen Kulleraugen und den unbestreitbaren Niedlichkeitsfaktor „reinfallen“?
Es handelt sich bei Seehunden und Kegelrobben um Wildtiere und Raubtiere und sie sollten auch genau als diese angesehen werden. Medikamentenbehandlung sollte absolut minimiert und kontrolliert bleiben. Die natürliche Selektion wird durch das Aufpäppeln von kranken Tieren beeinflusst.

Der Niedlichkeitsfaktor ist den Tieren nicht abzusprechen, ändert aber nichts an ihrem Status. Auch in der Presse wird diese Karte gerne mal gespielt und weil Kegelrobbenbabys vermeintlich nochmal ein wenig niedlicher sind, werden diese gerne fälschlicherweise als junge Seehunde abgebildet…


In Deutschland gibt es eine Seehundstation in Friedrichskoog und eine in Norddeich. Ist der Bedarf angesichts des hohen und offenbar kranken Populationsbestands eventuell doch größer und man braucht mehr Zentren?
Das ist schon eine recht grundsätzliche Frage, die sich natürlich auch im trilateralen Kontext stellt. Im sogenannten Seehund-Management-Plan der trilaterale Kooperation zum Schutz des Wattenmeers wird gesagt, dass die Aufnahme von Seehunden minimiert werden sollte. Der Grund dafür ist die Vorgabe so wenig wie möglich in natürliche Selektionsvorgänge einzugreifen.

Zum einen ist die Seehundpopulation, auch Dank der intensiven Bemühungen zu ihrem Schutz, sicher nicht gefährdet, zum anderen sind die Folgen der Wiederauswilderung von medizinisch behandelten Tieren auf die Population nicht grundlegend erforscht. Stichworte sind hier Resistenzen oder etwaige Verhaltensänderungen.

Macht der hohe Bestand der Tiere der Expertengruppe Sorge?
Ganz und gar nicht. Wir sehen die Bestandsentwicklungen bei den Seehunden, aber auch bei der wachsenden Population der Kegelrobben, als großen Erfolg. Ein Resultat der ergriffenen Schutzmaßnahmen. Der Schutz des Wattenmeeres umfasst auch die Verbesserung der Wasserqualität und die Schaffung von Schutzzonen. Diese Maßnahmen haben hier einen sichtbaren Effekt. Und die Menschen freuen sich einfach, wenn sie größere Gruppen dieser eindrucksvollen Wildtiere in unseren heimischen Küstengewässern beobachten können.

Aufgrund der hohen Bestände kommt aus Dänemark immer wieder die Forderung nach einer Abschussfreigabe für die Seehunde. Bislang ist daraus ja nichts geworden. Ist das denn noch Thema?
Das Thema kommt in regelmäßigen Abständen wieder auf. Es ist etwas absurd, dass, sobald Schutzbemühungen sichtbar fruchten, irgendjemand auf die Idee kommt die Tiere wieder abzuschießen. Im Übrigens ist der Abschuss auch im trilateralen Seehundabkommen verboten, woran sich die Regionen auch halten werden.