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Unterwegs in den USA : Zwischen Brandy-Trail und Popcorn-Route

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise. Auf ihrem Weg durch die Seenlandschaft an der kanadischen Grenze, lernen sie nicht nur das Devil’s Island kennen.

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erstellt am 20.Sep.2013 | 18:28 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil monatelang in Nordamerika unterwegs und berichten aus der Ferne. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen – heute Folge 5.

„The Great Lakes“ – diese Seenplatte an der Grenze zwischen Kanada und USA ragt rund 1000 Meilen vom St. Lorenz Strom ins Binnenland hinein. Lakes Superior, Michigan, Huron, Erie und Ontario heißen sie und bilden das größte Süßwasserreservoir der Erde. Es heißt auch, dass sie lediglich einen einzigen See darstellen mit der schmalen „Mackinaw Straße“ in Michigan. Sie sichern einen Wasserweg von der atlantischen Ostküste über den mächtigen Sankt Lorenz Strom bis tief hinein nach Minnesota, Wisconsin und Michigan. Das einzige größere Hindernis, die Niagara-Fälle, wird geschickt durch den ca. 600 km langen Erie-Kanal umschifft.

Viel belebender als trockene Daten wirkt der Werbeslogan für diese Region: „Unsalted! Shark Free ! / Die Großen Seen – Ungesalzen! Frei von Haifischen!“ Wir haben ihn überprüft. Er entspricht der Wahrheit. Wir wollen einige aus unserer Sicht bemerkenswerte „Begegnungen“ herausgreifen.


Schneeschuh-bischof


Weit blickt er, der katholische „Bishop Braga“, über den Lake Superior. Sein Spitzname lautete „Snowshoe Priest“. In dem Örtchen L‘Anse hat man ihm zu Ehren eine riesige Statue errichtet, so hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Dieser „Mann Gottes aus Slowenien“ aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat viele damalige Indianerstämme zum Christentum bekehrt. Seine Missionsarbeit ließ ihn mangels anderer Möglichkeiten bis zu 700 Meilen auf Schneeschuhen (daher sein Spitzname) umherziehen, um in seine Gemeinden zu gelangen. Das Areal um die Statue, ein kleiner Park, hat sich zum Wallfahrtsort entwickelt.

Bei der Lektüre des Flyers, erstellt durch die kirchliche „Bishop Baraga Foundation“ rieben wir uns allerdings die Augen, war dort doch zu lesen (Zitat): „Frederic Baraga, geboren am 29. Juni 1797 in Slowenien, einer ehemaligen österreichischen Provinz, nunmehr in Jugoslawien gelegen, ...“ Oh, oh, oh! Was die Slowenen wohl dazu sagen würden, sind sie doch bereits 2004 der EU beigetreten. Und Jugoslawien hörte bekanntermaßen ja auch bereits 2003 auf zu existieren.

Himmlisches: Im wahrsten Sinne die Glocken läuten kann der Besucher im „Bell Museum“ in Germantown (Wisconsin) (dicht bei Milwaukee am Michigansee). Eingebettet in den „Dheinsville Historic Park“ lassen sich mehr als 5000 Glocken aus aller Welt bewundern, die kleinste so groß wie eine Nadelkuppe. Die Größte hat ein Gewicht von rund einer Tonne. Alle Glocken sind aus Metall, Holz, Stein, Keramik und Vulkangestein gefertigt. Einige Kilometer südöstlich, in Beloit, bietet sich die Gelegenheit, im „Angel Museum / Engelsmuseum“ der Welt größte Sammlung an Engelsdarstellungen zu erleben. Untergebracht in einem ehemaligen, renovierten historischen Kirchengebäude, blicken die rund 12 000 Engelsfiguren auf den Betrachter.

Und als dritte im Bunde begegnen wir Aposteln. Nicht zwölf Apostel, sondern immerhin 22 künden von der Schönheit des Lake Superior an dessen Südküste bei der Bayfield-Halbinsel. Diese Inselgruppe steht durch das „Apostle Islands National Lakeshore“ wie ein National Park unter besonderem Naturschutz des National Park Service. Die einst nur von den Ureinwohnern dünn besiedelten Inseln und Inselchen haben sich zum Teil in aktive Urlaubsparadiese verwandelt, besonders die größte unter ihnen, die Madeleine. Die meisten jedoch bleiben unbewohnt als Naturforschungsgebiet.

Auf dem Weg zur Hölle


Devil’s Island in diesem National Park zeichnet sich durch seine Höhlen aus, die sich über Millionen Jahre hinweg in das felsige Ufer gewaschen haben. Der Inselname rührt aber nicht vom Äußeren der Insel her, sondern von den Geräuschen, die dort zu vernehmen sind. Schon bei wenig Wind geben die Uferhöhlen geheimnisvolle Pfeiftöne von sich, in etwa so, „wie das Fegefeuer in Teufels Hölle lodert“.

Wer dem Genuss auf dem „Brandy-Wein-Trail“ nicht weit vom Engelsmuseum entfernt zu stark zuspricht, könnte bald dort landen. Zurückhaltung heißt das Gebot der Stunde, nicht so sehr wegen des angekündigten Brandy-Weines. Die Versuchung liegt eher im „Rural Route 1 Popcorn“ in Montfort. Natürlich, wo Mais in Hülle und Fülle angebaut wird, gedeiht auch das Popcorngeschäft vortrefflich. Eine solche Auswahl an Sorten wird kaum ein weiteres Mal zu finden sein. An der Popcornbar gilt freie Selbstbedienung. Maisprodukte sollen ja ausgesprochen gesund sein, egal ob mit Caramel-, Honig-, Schokoladen-, Erdbeerüberzug oder käsig, salzig, süß-sauer als Geschmacksrichtung.

Führt dieser Weg tatsächlich schnurstracks in die Hölle? Nun, das nicht gerade, aber direkt in ihre örtliche Nähe unter die Erde. Ja, wenn „Hölle“ so aussieht wie die „Cave oft the Mounds“, dann möchte man dort gern länger verweilen. Bei konstanten 11°C sind diese Höhlen eher kühl zu nennen. Die kristallene Schönheit ihrer Formationen schlägt den Besucher in ihren Bann.


Lauernde Gefahren


Genau in der Mitte zwischen Himmel und Hölle wandeln wir auf der „Shipwreck Alley“. Wenn man die Great Lakes so paradiesisch wie wir erlebt, mag man an die in ihnen lauernden Gefahren kaum glauben. Aber die Seen können wohl zur wahren Hölle werden. Nicht umsonst sollen in den letzten 400 Jahren rund 6000 (!) Schiffe untergegangen sein. Besonders heftig schlug das Untergansgschicksal in der Periode 1825 bis 1925 zu, dem Zeitraum der Umstellung von Holzschiffen auf stählerne Giganten und damit auch eines heftigen Anwachsens des Schiffsverkehrs. Insofern spricht man vom „Shipwreck Century“, also dem Jahrhundert der Schiffswracks. Auffallend schwere Havarien gab es jeweils im Monat November.

In Alpena, einer kleinen Stadt am östlichen Lake Huron – und nicht nur dort – werden so genannte „Glass Bottom Boat Tours“ entlang der „Shipwreck Alley“ angeboten. Durch den Schiffsboden aus Glas sind im kristallklaren Wasser nicht wenige Wracks mit bloßem Auge auszumachen, eine lohnende zweistündige Rundtour.

Holocaust-Fragen


Die dunkle Seite der deutschen Geschichte holt uns ein in Farmington Hills bei Detroit mit dem Holocaust Memorial Center. Das spröde Äußere des Gebäudes soll an die Rauheit der Konzentrationslager erinnern. Die zu einem Kunstwerk umgestalteten Eisenbahnschienen legen Zeugnis ab von den unmenschlichen Transporten. Der Museumsteil klagt nicht so sehr an, sondern stellt vielmehr Fragen, wie das alles geschehen konnte. Nicht ausgelassen wurde auch die Frage nach der eigenen Verantwortung oder des „Nicht-Wissen-Wollens“ angesichts der Nazi-Herrschaft mit der systematischen Judenvernichtung. Ein einprägsamer Spruch lieferte die entsprechende Antwort: „Responsibility – it’s not only up to us. It’s up to you! / Verantwortung – Das ist nicht nur unsere Sache. Es ist deine Angelegenheit!“ Diese Aufforderung hat an Aktualität nichts eingebüßt.

Am unteren Ende des Ringfingers, in Big Rapids, wird ein weiteres dunkles Kapitel der jüngsten Geschichte, dieses Mal der amerikanischen, aufgeschlagen.

„Jim Crow“ steht als Synonym für die 90 Jahre währende Diskriminierung und Verfolgung (zirka 1870 bis 1960) der afro-amerikanischen Bevölkerung. Die dortige Ferris State University hat sich mit dem „Jim Crow Museum“ dieses Themas angenommen.

Das „System der Rassentrennung“ war mehr als eine „Nur-für-Weiße“-Forderung. Mit dem militanten Arm insbesondere durch den „Ku Klux Klan“ unterstützte die Bewegung jede Form von Gewalt gegen die farbige Bevölkerung. Daneben werden authentische Exemplare der Millionen von Alltagsgegenständen ausgestellt, welche die „African Americans“ ins Lächerliche zogen.

Aus und vorbei? Mitnichten! Die „Jim Crow Ära“ reproduziert sich scheinbar bis in die Gegenwart und richtet sich nicht zuletzt auch gegen den aktuellen amerikanischen Präsidenten. Eine Graphik zeigt Vertreter des Ku Klux Klan in ihren Kutten, die einen fliehenden Barak Obama bedrohen. Betitelt ist die Darste llung mit: „Run Obama Run!“





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