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Zu teuer: Modellprojekt für Quereinsteiger abgebrochen

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Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Zwar fehlen, Kita-Fachkräfte, die bezahlte Ausbildung war den Kommunen aber zu teuer und uneffektiv

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erstellt am 27.Jul.2017 | 14:58 Uhr

War es der falsche Ansatz oder war die Zeit noch nicht reif? Trotz des Arbeitskräftemangels im Erzieherbereich endet das Modellprojekt „Questo“ vorzeitig. Die Abkürzung steht für „Quereinstieg in Stormarn – Männer und Frauen in Kitas“. Gefördert vom Bundesfamilienministerium und den Europäischen Sozialfonds (ESF) sollten Frauen nach der Familienphase und Männer, die einen Berufswechsel anstreben, für die Arbeit mit Kinder gewonnen werden.

Zwölf Projekte sind es bundesweit, in Stormarn übernahm die Awo die Trägerschaft, die theoretische Ausbildung erfolgt in der Kreisberufsschule in Bad Oldesloe, die Awo bietet ergänzende Angebote zu Praxis- und Querschnittsthemen an, zu denen auch Nachhaltigkeit und Gleichstellung gehört.

Ziel war es, bis 2020 rund 75 Quereinsteiger auszubilden, um damit die Situation in Kitas zu verbessern. Eine dritte Klasse wird es nach den Sommerferien allerdings nicht geben, und in den ersten beiden Jahrgängen werden es nicht wie geplant 50, sondern wohl nur 30 Quereinsteiger zu staatlich anerkannten Erziehern ausgebildet.

Dabei war das Interesse zum Auftakt überragend, die Anfragen überstiegen die Platzzahl um ein Vielfaches. „Wir hatten im ersten Jahrgang aber eine sehr hohe Abbrecherquote“, sagt Tobias Reichardt, Questo-Koordinator bei der Awo.

„Das Projekt hat unsere Erwartungen nicht erfüllt“, begründet Bürgermeisterin Ulrike Stentzler, warum Lütjensee sich nicht weiter engagiert. Von den 55 Stormarner Kommunen hatten ohnehin nur fünf mitgemacht. Neben Lütjensee waren das Ahrensburg, Barsbüttel, Großhansdorf und Trittau. Ahrensburg mit den meisten Questo-Teilnehmern hätte weitergemacht, aber das reichte nicht.

„Zu teuer“ ist ein wesentlicher Grund für den Ausstieg. Um die Ausbildung attraktiv für jene zu machen, die bereits im Berufsleben standen, bekommen die Teilnehmer 1250 Euro brutto im Monat. Im ersten Jahr wurde das mit bis zu 900 Euro bezuschusst, im zweiten mit bis zu 450 Euro, das dritte Jahr geht voll zu Lasten der Kommunen. Der Kita stehen die Quereinsteiger allerdings nicht voll zu Verfügung. „Auch die Kita-Leiterinnen sagen, dass sie fast nichts von den Questo-Kräften haben“, so Ulrike Stentzler.

Politisch umstritten war Questo ohnehin, denn die Ausbildung von Erzieherinnen ist keine originär kommunale Aufgabe. Wer mitmachte und von gesellschaftlicher Verantwortung sprach, hegte natürlich die Hoffnung, die personelle Situation in seinen Kitas zu verbessern. „Aber man kann die Leute natürlich nicht für sich verpflichten“, sagt Trittaus Bürgermeister Oliver Mesch. Verständlich, dass kaum ein Politiker Lust hat, Kommunales Geld auszugeben, um dem Fachkräftemangel in einer Nachbargemeinde abzuhelfen.

Dabei ist das eigentliche Problem des Fachkräftemangels weiterhin ungelöst. Durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ist die Zahl der Beschäftigten im Kita-Bereich von 1990 bis 2015 bundesweit um 78 Prozent auf 642  300 gestiegen. Davon entfallen 227  300 Stellen auf die Zeit seit 2006. In Schleswig-Holstein fehlten 2015 nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 1700 Fachkräfte. „Wir brauchen Sozialpädagogen für die Ganztagsbetreuung“, sagt auch Ulrike Stentzler, „und das muss auch schnell was passieren.“

Von den bundesweit zwölf Quereinsteiger-Projekten war die Hälfte von Anfang nur für zwei Jahrgänge geplant. Von den anderen sechs ist Stormarn das einzige, das vorzeitig „abgebrochen“ wird. „Viel zu wenige Akteure waren bereit zu investieren“, sagt Tobias Reichardt, „unser Projekt kam vielleicht zu früh.“

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