zur Navigation springen

Bargteheide : Zeugen bringen mehr Licht ins Dunkel

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Fünfter Verhandlungstag im Mordprozess: Die Tatwaffe war ein Colt Python. Damit wurden drei Schüsse auf Svea T. in Bargteheide abgefeuert.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2017 | 06:00 Uhr

Am fünften Verhandlungstag der Großen Strafkammer des Landgericht Lübeck gegen den Angeklagten Sven S. kommt immer mehr Licht ins Dunkel um das tragische Geschehen am 12. August 2016 in Bargteheide. Nachdem am letzten Prozesstag die beiden Ex-Freundinnen, die jeweils ein Kind mit dem Angeklagten haben und ihn zwar als eifersüchtig, besitzergreifend, gewalttätig und aggressiv, aber auch als fürsorglich und lammfromm beschreiben, aussagten, befragt der Vorsitzende Richter Christian Singelmann jetzt drei Zeugen aus dem Umfeld des Mietshauses an der Alten Landstraße in Bargteheide, in dem die Tat geschah.

Dem mehrfach wegen häuslicher Gewalt und anderer Delikte vorbestraften 35-Jährigen wird vorgeworfen, seine ehemalige Freundin Svea T. getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Heimtücke und Handeln aus niederen Beweggründen vor – beides Kriterien für Mord.

Die lebenslustige und fröhliche Frau, wie die Zeugen aus ihrer näheren Umgebung sie beschreiben, soll unter Vortäuschung falscher Tatsachen – der Angeklagte befinde sich in Italien im Urlaub – von Sven S. in seine Wohnung gelockt worden sein, wo er drei Schüsse auf sie abgab. Noch in der Wohnung erlag sie ihren Verletzungen.

Svea T. war eine passionierte Reiterin, arbeitete auf dem Erdbeerhof Glantz in Delingsdorf. Der Fall erregte großes öffentliches Interesse und große Anteilnahme. Noch immer hat der Angeklagte keine weiteren Aussagen zu seiner Person oder dem Tathergang gemacht, weil er auf die Ablösung seines Pflichtverteidigers wartet. Ein Befangenheitsantrag wurde vom Gericht allerdings abgelehnt.

Als erster Zeuge betritt ein Chinese den Schwurgerichtssaal, der nur gebrochen Deutsch spricht und den Richter kaum versteht. Zwar versucht er, seine Beobachtungen am Tattag zu beschreiben, wird aber von Richter Singelmann unterbrochen. Weil der Zeuge die am Anfang jeder Zeugenaussage üblichen Belehrungen nicht versteht, muss er erneut mit einem Dolmetscher vorgeladen werden. Danach berichtet eine Verkäuferin aus der Bäckerei schräg gegenüber des Tathauses, sie habe am Morgen des 12. August zwei kurz hintereinander ertönende metallische Geräusche gehört, habe diese aber der nahen Baustelle zugeordnet.

Eine weitere Zeugin, eine Polizeibeamtin im Ruhestand, die ebenfalls im Mietshaus wohnt, schaute um 10.30 Uhr des Tattages gerade den Film „Liebling, wir haben geerbt“, in dem es um einen heftigen Ehestreit ging. Daher habe sie Mühe gehabt, die Realität von der Filmwelt zu unterscheiden. Sie habe aber definitiv einen Schuss gehört. Sie wisse, wie der sich anhöre. Sie habe außerdem mit dem Blick aus ihrem Fenster einen Mann von einem Balkon springen und weglaufen sehen. Zu diesem Zeitpunkt sei das Haus schon von der Polizei umstellt gewesen. Sie habe nur einen Mann mit Glatze und von stämmiger Statur erkennen können. Richter Singelmann konfrontiert die Zeugin mit dem Angeklagten: „Ja, die Statur erkenne ich wieder.“

Abschließend betritt die Restaurantleiterin des Erdbeerhofes Glantz den Zeugenstand, eine gute Freundin des Opfers. Sie habe Svea das letzte Mal am Abend vor der Tat im Restaurant gesehen, da sei sie unruhig und rastlos gewesen. Svea habe ihr von der Beziehung zu Sven S. erzählt, es sei die Rede von Eifersucht und Bevormundung gewesen. Gemeinsame Unternehmungen seien wegen ihm abgesagt worden. Im März habe sie sich dann endgültig von ihm getrennt. „Sie wollte freier entscheiden können und ein neues Leben beginnen“, ist die Freundin überzeugt. Sie habe den Eindruck gewonnen, dass es sich um keine On-Off-Beziehung gehandelt habe, sondern das dies das endgültige Aus gewesen sei. Doch ihr Ex-Freund habe nicht lockergelassen, sie mit einem großen schwarzen Van von der Straße abgedrängt, bei ihrer Familie randaliert, sie im Erdbeerhof aufgesucht und behauptet: „Wir sind wieder zusammen, alles andere stimmt nicht.“ Sie habe ihn des Hauses verwiesen, weil sie von der bereits bestehenden Wegweisung gewusst habe. Ein Blumenstrauß, den Sven S. in den Erdbeerhof schickte, habe Svea gleich in den Papierkorb geworfen. Die Zeugin kann sich nicht genau an den Tag erinnern, doch der Angeklagte weiß es besser und wirft ein: „Am 13. Mai“. Die Freundin habe Svea sonst ganz anders erlebt: „Sie war bei uns der fröhliche Punkt, wir haben alle viel Kraft aus ihr gezogen.“ Svea sei sehr hilfsbereit, lustig und lebensfroh, bei allen beliebt gewesen. „Bei ihr war das Glas immer halb voll, nicht halb leer“, ergänzt die Freundin.

Ein Gutachter aus Kiel bestätigt im Anschluss, dass es sich bei der in einem Bargteheider Teich gefundenen Waffe um die Tatwaffe – ein Colt Python – handelt. Drei Schüsse seien im Flur der Wohnung des Angeklagten abgegeben worden: Einer in den Oberarm, als das Opfer noch aufrecht stand, und zwei von oben in den Brustbereich, als es bereits am Boden lag. Er schließt einen versehentlichen Schuss aus. Die Waffe habe eine spezielle Sicherung. Da die Tatwaffe kein „Beschusszeichen“ aufweise, habe der Täter sie wohl illegal erworben.

>Termin: Die Verhandlung wird am 24. April um 9 Uhr fortgesetzt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen