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Stormarner Tageblatt

17. Dezember 2017 | 07:10 Uhr

Bad Oldesloe : Zeuge und Kenner eines Zeitalters

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der gebürtige Oldesloer Ramon Schack war mit Peter Scholl-Latour befreundet und hat ein Buch über den Journalisten geschrieben.

Seine erste Begegnung mit Peter Scholl-Latour hatte Ramon Schack als Zwölfjähriger in der Oldesloer Stadtbücherei. Vor 30 Jahren wollte er das Buch „Tod im Reisfeld“ von Peter Scholl-Latour ausleihen. „Das wollte man mir aber nicht rausgeben, weil ich zu jung wäre. Erst durch die Intervention meiner Mutter habe ich es bekommen“, sagt Schack.

Welchen Einfluss das Buch auf sein Leben haben sollte, ahnte der Zwölfjährige damals nicht. Nach dem Politologie-Studium in Hamburg zog es den Oldesloer erstmal nach London. In der britischen Metropole fand er einen Job als Consulter bei Eurostar: Er sollte den Zug durch den Eurotunnel von London nach Paris und Brüssel in Deutschland bekannter machen.

Sein Traumberuf blieb aber der freie Journalist, der aus der ganzen Welt berichtet. Ramon Schack kündigte in London und zog nach Hamburg, in die Nähe seiner Eltern. Sein eigentliches Ziel war aber Berlin, wo auch Scholl-Latour wohnte. Von Oldesloe aus startete er 2003 gen Hauptstadt. Für die Fahrt hatte er sich das Buch „Allah ist mit den Standhaften“ mitgenommen.

Als er am Hauptbahnhof aus dem Regionalexpress stieg, sah er im abfahrbereiten ICE auf dem Gleis gegenüber Peter Scholl-Latour – im Speisewagen sitzend und Zeitung lesend. Schack stieg spontan ein, sprach ihn an, bat um eine Signatur des Buches und erwähnte, dass er schon mal eine Interview-Anfrage gestellt habe – vergeblich. Scholl-Latour signierte das Buch nicht nur, er gab ihm auch seine Privatnummer.

Einige Wochen später führte Ramon Schack sein erstes Interview mit dem bewunderten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, der in Wien im Gestapo-Gefängnis saß, für die Franzosen in Vietnam kämpfte, WDR-Fernsehdirektor, ZDF-Chefkorrespondent sowie kurzzeitig „Stern“-Chefredakteur war. Scholl-Latour berichtete vor allem aus Südostasien und der Arabischen Welt und gehörte zu den Journalisten, die Ayatollah Chomeini bei seiner Rückkehr in den Iran im Flugzeug begleiteten.

Ramon Schack traf sich nun immer wieder mit seinem Idol. Aus den Gesprächen sind die „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“ geworden. „Die Idee zu einem Buch kam mir unmittelbar nach dem Tod dieses großen Chronisten. Es ist meine persönliche Würdigung“, sagt Ramon Schack. In Wochen nach Scholl-Latours Tod sei ihm „erst richtig bewusst geworden, welchen Einfluss er auf mein Leben hatte. Nie wieder werde ich einem Menschen begegnen, der ein so intimer Zeuge und Kenner seines Zeitalters war, der alle Länder der Welt bereist hatte und über ein derart epochales Wissen und historischen Weitblick verfügte“, schreibt Schack, der in dem Buch auch viel aus seinem Leben einfließen lässt.

Scholl-Latour bewundert er nicht nur als als Beobachter und Analysten, sondern auch als jemanden, der Gegenpol zu einem „modernen Gesinnungsjournalismus“ war. „Er unterschied sich vorteilhaft von jenen Kollegen, die ihr fest gefügtes Weltbild nicht durch eigene Recherche vor Ort durcheinanderbringen lassen, dafür aber von Fehlprognose zu Fehlprognose taumeln“, schrieb Schack in dem Nachruf, den er für die „Welt“ verfasste.

Ähnlich wie sein Vorbild berichtet er für deutschsprachige Publikationen, aus Asien, dem Nahen Osten und Osteuropa über den Islam, Gesellschaft und Politik und schreibt zudem klassische Reisereportagen. Die goldenen Zeiten, als man damit viel Geld verdienen konnte, sind allerdings vorbei, „aber der Beruf ist sehr interessant“, sagt Schack.

2013 hatte er bereits „Neukölln ist nirgendwo“ veröffentlicht, eine Replik auf Buschkowskys „Neukölln ist überall“. Sein neues Buch ist im eigens dafür gegründeten „3 Seiten-Verlag“ erschienen, „weil mir die Konditionen und die gewünschte Einflussnahme bei den großen Verlagen nicht gefallen haben“, sagt Schack. Für das Vorwort konnte er übrigens Gregor Gysi gewinnen. Sowohl eine gute Marketing-Idee als auch Ausweis dafür, dass guter, fundierter Journalismus auch von jenen geschätzt wird, die eine andere Meinung haben.

Am Dienstag, 8. März, liest Ramon Schack ab 19.30 in der „Schanze“ aus seinem Buch.

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