Stormarn : Zahl der Rentenanträge ist so hoch wie noch nie

Helmut Uder.
Helmut Uder.

Ehrenamtliche Versichertenälteste müssen ausbügeln, dass es zu wenig DRV-Berater gibt

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02. August 2018, 06:00 Uhr

Die ehrenamtlichen Rentenberater in Stormarn können sich zurzeit vor Arbeit kaum retten. Zum Jahreswechsel hatte die Deutschen Rentenversicherung (DRV) ihr Büro in Bad Oldesloe geschlossen, „seitdem hat sich die Zahl der Anträge verdoppelt“, sagt Hermann Stahmer, der ehrenamtlich in der Kreisstadt tätig ist.

In Bad Oldesloe gibt es mit Veronika Knödler und Jürgen Kröger immerhin noch zwei weitere ehrenamtliche Rentenberater, im Süden des Kreises sieht es anders aus. Für die Berater in Oststeinbek, Neuschönningstedt und Wentorf konnten keine Nachfolger gefunden, so dass sich viele Versicherte aus diesen Orten und inzwischen auch aus Bergedorf im Reinbeker Rathaus melden. Bei Helmut Uder, dem Versichertenältesten der DRV Nord, kamen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 223 Rentenanträge auf den Tisch, 100 mehr als im Vorjahr.

Zu Anfang hatte Uder noch Sprechstunden in Ahrensburg, Bargteheide und Reinbek angeboten. Der Bedarf ist in wenigen Jahren aber stark gewachsen, und Uder stellte zuerst Ahrensburg und 2016 auch Bargteheide ein, da die Zahl der Beratungen in Reinbek um 50 Prozent gestiegen war. In Ahrensburg kann man sich an Holger Hannemann wenden, in Bargteheide an Hans-Uwe Grüger.

Bad Oldesloe war das einzige hauptamtlich besetzte Büro der Rentenversicherung im Kreis Stormarn. Wer direkt zur DRV will, muss jetzt nach Lübeck, Norderstedt oder Hamburg. In der Hansestadt liege die Wartezeit aber bei drei und sechs Monaten, so Uder. Das ist äußerst versichertenunfreundlich, sagt der 68-Jährige, der zusätzliche Beraterstellen bei der DRV fordert, „um diesen dauerhaften unhaltbaren Zustand zu beseitigen.“

Warum das nicht geschieht und warum die DRV Nord im Gegensatz zu Schleswig-Holstein in Hamburg keine ehrenamtlichen Versichertenältesten beruft „ist mir schleierhaft“, sag Uder. Die Arbeitsbelastung den ehrenamtlichen Versichertenältesten in Schleswig-Holstein aufzubürden, sei jedenfalls „nicht die feine Methode“.

„Wir springen in die Bresche und bügeln es aus“, kommentiert auch Hermann Stahmer die aktuelle Situation. „Reichlich zu tun“ haben auch Hans-Uwe Grüger in Bargteheide und Klaus Borowski, der in Ahrensburg sowie in Reinfeld und Bargteheide für Stadt und Amt Sprechstunden anbietet.

Die neue Software der Rentenversicherung in Berlin mache es auch einfacher, die Anträge zu stellen, sagt Grüger in Bargteheide. Das verhindere aber nicht die oftmals langen Wartezeiten. „Ich erlebe es, dass mich Leute verzweifelt anrufen, weil sie von der Arbeitsagentur oder Krankenversicherung aufgefordert wurden, einen Antrag zu stellen, aber keinen Termin bekommen“, sagt Grüger. Vor allem Anträge auf Erwerbsminderung seien „nicht einfach mal so“ zu stellen.

Das Problem werde noch durch das Jobcenter verschärft, kritisiert Uder. Sie wollten kranke Arbeitnehmer selbst dann in die Erwerbsminderungsrente schicken, wenn wegen fehlenden Pflichtbeiträgen gar kein Anspruch besteht. „Da wird bürokratischer Aufwand verursacht, nur weil man einen formalen Bescheid der Rentenversicherung haben will. Das Jobcenter versucht auf Teufel komm raus zu sparen und bürdet diese Lasten lieber den Beitragszahlern auf“, ärgert sich Uder.

Bei der Altersrente sollte der Antrag drei Monate vor Beginn gestellt werden. Die Berater prüfen, ob die Daten im Versicherungsverlauf vollständig sind. Zum Beispiel werden Zeiten der beruflichen Ausbildung höher bewertet werden. Bei Frauen sind die Pflichtbeiträge für Kindererziehungszeiten wichtig. Für ab 1992 geborene Kinder gibt es drei Rentenjahre. Das entspricht einer monatlichen Rente von 96 Euro je Kind. Eine Frau mit zwei Kindern, die vor 1992 geboren wurden, kann auch dann eine Rente beziehen, wenn sie nicht gearbeitet hat. Dafür muss ein Jahr jeden Monat der Mindestbeitrag für freiwillig Versicherte in Höhe von von 83,70 Euro eingezahlt werden.

Vor dem „Wust an Formularen“ kapitulieren viele, vor allem Ältere, die Hinterbliebenenrente beantragen möchten. „Die wollen und können nicht nach Lübeck oder sonst wohin fahren. Also machen wir es – in unserer Freizeit“, sagt Stahmer.

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