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Stormarner Tageblatt

18. Dezember 2017 | 06:42 Uhr

Wo Gott regiert und der Sohn strahlt ...

vom

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise durch Nordamerika / Erste Eindrücke aus Nova Scotia / Zwischen Leuchtturm, Hummer, Lunenburg

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erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil sechs Monate in Nordamerika unterwegs und berichten von dort. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen - heute startet Folge 1.

Wie kommen wir auf den Titel "Lighthouse - Lobster - Lunenburg"? Ganz einfach: Wir haben Menschen vor Ort gefragt, mit welchen Begriffen sie ihre Provinz charakterisieren würden. Die überwiegende Mehrheit unserer Gesprächspartner nannte mehr oder minder spontan diese Begriffe. Also machen wir sie uns auch zu eigen und berichten überwiegend hierüber.

Route der Leuchttürme Fast über die gesamten 14 Tage dieser Rundtour auf der Küstenstraße meinte das Wetter es gut mit uns. Bei fast sommerlichen Tagestemperaturen (nachts natürlich noch bitterkalt) und häufig strahlendem Sonnenschein reiht sich ein wunderbarer Ausblick an den anderen. In die unzähligen Buchten schmiegen sich von buntfarbigen Häusern geprägte Fischerdörfer. Schroffe, felsige Caps an der Süd- wie an der Nordküste bilden die Standorte mindestens ebenso farbenfroher Leuchttürme. Und damit erklärt sich auch der erste Begriff. Das Ganze nennt sich demzufolge auch "Lighthouse Trail", also "Route der Leuchttürme".

Jetzt, in den ersten Maiwochen haben erwartungsgemäß noch fast alle touristischen Einrichtungen geschlossen, wie z.B. National oder Provincial Parks, Museen oder Campingplätze. Die Saison beginnt erst Ende Mai, häufig noch später.

"Lighthouse" macht sich auch die Kirche als Begriff nutzbar. Sie stellt sich dar als "Leuchtturm des Lebens". Ein besonders ausgewiesener "Evangeline Trail" führt zu den schönsten Kirchen der Region. Oftmals beherbergt ein kleiner Ort zahlreiche Gotteshäuser unterschiedlicher Glaubensausrichtung. Heftig wird um neue Mitglieder geworben, die Vielfalt der Werbesprüche kennt kaum Grenzen. Zwei von ihnen seien hier erwähnt. Eine Baptistengemeinde ließ uns wissen: "Come in as You are, leave renewed" - "komm herein, wie du bist, und gehe wie neugeboren wieder hinaus". Kurz danach entdeckten wir das Wortspiel: "God reigns, Son (sun?) shines" - "Gott regiert, der Sohn strahlt".

Küste, Meer und Fischerei bilden eine Einheit. Besonders ausgeprägt zeigt sich in Nova Scotia der Hummerfang, womit wir beim Begriff "Lobster" wären. Die 300 Kilometer südwestlich von Halifax gelegene Gemeinde Barrington nennt sich "Hummerhauptstadt Kanadas". Aber eigentlich lebt hier jede Küstengemeinde von diesem Erwerbszweig. Wie wir in einem Gespräch mit einem dieser Fischer erfuhren, gilt ab Ende Mai das saisonale Fangverbot. Also wird bis dahin "geerntet, was das Meer hergibt", ergänzte er augenzwinkernd. Auf die Frage nach Fangquoten blieb er auffallend wortkarg.

Ortsteil Ostberlin

Hummerfallen ähneln Käfigen aus stabilem Draht, denn natürlich werden die Tiere lebendig gefangen, in großen Strömungsbecken zwischengelagert und in der Regel auch lebendig verkauft. Bei den moderaten Preisen im Direktverkauf vom Fischer (mit Gehäuse ca. 15 Euro/kg, ohne 30 Euro) schmeckt diese Delikatesse gleich doppelt so gut. Wer einen noch lebenden Hummer erwirbt, sollte aufpassen, dass feste, breite Gummibänder um die Scheren gespannt sind. Sonst kann es noch schnell einmal einen Finger kosten.

Randbemerkung: Eigentlich dachten wir, wir tourten durch Kanada. Doch plötzlich tauchten wohlbekannte Ortsnamen auf: Westberlin und als Ortsteil davon Ostberlin. Hat man hier die Geschichte verschlafen?

Es gab und gibt einen Orden, der sich dem "vermehrten Lebensgenuss" verschrieben hat. Er nennt sich "Lordre de bon Temps" (frei übersetzt: "Vereinigung für Fröhlichkeit und gutes Essen"). Das Ganze reicht zurück in das 16./17. Jahrhundert, als Franzosen und Engländer sich noch um die Vorherrschaft Nova Scotias bekriegten. Die Briten behielten schließlich die Oberhand. Heute respektieren sich beide Kulturkreise uneingeschränkt, was sich unter anderem in der Zweisprachigkeit zeigt.

Der Ursprung dieses Ordens besitzt einen durchaus ernsten Hintergrund, denn zu jener Zeit gab es über mehrere Jahre hinweg eine ungewöhnlich hohe Sterberate, nicht durch den Krieg, sondern durch Skorbut hervorgerufen. Besonders die Franzosen vermuteten die Ursache für die Krankheit in dem eintönigen, erlebnisarmen Alltagsleben und nicht in einseitiger, schlechter Ernährung. Daraufhin gründete sich der Orden mit dem Ziel, "bessere Lebensqualität" zu schaffen, einerseits durch Überwachung der Moral, andererseits stärker noch durch ausgedehnte Festmahle mit Musik und Theater für die gesamte Bevölkerung. Auch heute lebt diese Tradition als eine Form der französischen "Acadienkultur" fort.

Das Fehmarn Kanadas

Verlassen wir "Neuschottland" für einen Abstecher, um einen winzigen Blick auf die nordwestlich gelegene Prince Edward Island (PEI) zu riskieren. Diese Insel stellt eine eigene Provinz dar. Sie gilt als "Fehmarn Kanadas". Über die 13 km lange kostenpflichtige "Costitution Bridge" erreicht man das grüne Eiland. Den gesamten Inselausflug über hatten wir das Gefühl, durch eine englische Parklandschaft oder eine Gartenbauausstellung zu schlendern, so gepflegt und farbenfroh präsentierte sich die Insel. Saftig grüne Felder, umgeben von ebenso grünen Nadelwäldern, prägen die Natur. Und am "Nordkap" mit der angrenzenden Gemeinde "Norwegen" dient der dort errichtete Windpark als Prototyp für die immer wieder betonte politische Ausrichtung "Natur & Technologie in perfekter Harmonie". Auffallend sind in der Tat auch als sichtbares Resultat der vorherrschend regenerativen Energiegewinnung die zahlreichen Ladestationen - privat wie öffentlich - für Elektroautos.

Fracking ungefährlich Demgegenüber beurteilt man aber auch als überwiegend "politisch ökologisch korrekt" die Argumente eines jungen Insulaners, Kartoffelfarmer von Beruf, der in den Wintermonaten im Ölfördergeschäft sein Brot verdient: "Fracking" gilt in Kanada als umweltschonende, ungefährliche Technologie. So haben wir es bei abendlichen small talks gleichermaßen von der Land- wie der Stadtbevölkerung bestätigt bekommen. Was einige Kilometer Ortswechsel doch bewirken können!

Doch widmen wir uns wieder Nova Scotia zu. Es fehlt noch der dritte Begriff: "Lunenburg". Das pittoreske Fischerstädtchen steht unter Denkmalschutz als Unesco-Weltkulturerbe. Schon im Vorfeld waren wir auf die dort angesiedelte Geschichte der "Bluenose" gestoßen, konnten uns aber keinen rechten Reim darauf machen. Nun, woher könnte man bessere Informationen erhalten als von der örtlichen Presse?

Gedacht, getan - wir hinein in die Redaktion des "The Lunenburg County Progress Bulletin". Lassen wir den Redakteur Robert Hirtle die Geschichte kurz erläutern: "Bluenose war ein Schiff, ein Schooner, welches 1921 erbaut wurde. Es diente zwar auch der Fischerei. Eigentlich aber war es ein Regatta taugliches Schiff für die jährlichen Wettrennen in der Klasse "Fischflotte" gegen die Amerikaner. Bis zu seinem Verkauf 1938 hat das Schiff nicht eine einzige Regatta verloren. Dem neuen Besitzer ging aber das Geld zur Unterhaltung und Teilnahme an diesen Regatten aus. Folglich verkaufte er es an einen Bootshändler in die Karibik. Dort sank das Schiff 1946 aus bis heute unerklärlichen Gründen. Die "Bluenose" als Symbol kanadischer Überlegenheit über den US-Nachbarn sollte aber nicht einfach auf dem Meeresboden in der Vergessenheit verschwinden. Also entschloss man sich, durch einen Schiffsnachbau die glorreichen Zeiten wieder aufleben zu lassen. In Anwesenheit hoher Prominenz, nicht zuletzt des kanadischen Verteidigungsministers, erfolgte 1963 der Stapellauf der "Bluenose II". Die Presse jubelte mit der Überschrift: "Eine kanadische Ikone wird ein zweites Mal zu Wasser gelassen." Soweit die nicht ohne hintergründiges Lächeln gegebenen Erläuterungen des Journalisten.

Zum Schluss noch zwei Begriffe, die bei der Nennung den ersten dreien nur knapp unterlegen waren. Der eine heißt "Louisburg" mit dem Cape Breton. Die ehemalige Festung beherbergte nicht nur das Flottenhauptquartier der jeweils gerade übermächtigen Kriegspartei, sondern bildete im dauernden Wechsel zwischen Franzosen und Engländern die wichtigste Schlüsselposition zur Beherrschung Nova Scotias. Mehrmals völlig geschleift und wieder aufgebaut, lockt sie, wie auch der moderne gleichnamige Ort heute Scharen von Touristen an. Und wer dann von Geschichte genug hat, taucht auf dem Cape Breton tief ein in unberührte Natur, bis hinauf zum entsprechenden Nordkap. Parallelen zu schottischen Highlands sind unübersehbar.

Aussprache-training

Der andere Begriff: "Laughing" - Lachen. Ja, und in der Tat, es passt: Tag für Tag erleben wir, wie berechtigt dieser Terminus ist. Neben Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnen wir doch immer überwiegend Menschen mit einem Lächeln in den Gesichtszügen und meistens zu einem Scherz bereit.

Wir verabschieden uns von Nova Scotia, um per Schiff in nördlichere Regionen, d.h. nach Neufundland-Labrador überzusetzen. Von dort melden wir uns dann in etwa vier bis sechs Wochen wieder. In der Zwischenzeit raten wir zu einem Aussprache-Training des folgenden Satzes: "A wife from Western Wentworth waits for a waitress in the Westchester Stations waitingroom."

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