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Unterwegs in den USA : Wo die amerikanischen Poeten wohnen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise durch Nordamerika. In Maine und Massachusetts gibt es viel Natur, idyllische Dörfer, aber auch Probleme

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2013 | 16:00 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil monatelang in Nordamerika unterwegs und berichten aus der Ferne. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen – heute Folge 7.

Idylle und Probleme

Beginnen wir mit einem Ratschlag zum Bundesstaat Maine, den uns ein Bekannter aus Detroit erteilte: „Wenn Ihr Natur liebt, dann werdet Ihr auch Maine lieben. Dringt in jedem Fall ins tiefe Inland ein. Viele Leute fahren nur die Küste entlang und meinen, sie hätten Maine kennengelernt. Nichts da! Aber wenn Ihr denn in die inländische Natur hineinfahrt, stellt sicher, ein gutes GPS-Navigationssystem zu haben. Die Straßen sind nur spärlich ausgeschildert. Viele Touristen verirren sich dort oft“.

Recht hat er gehabt! Trotz Navi und Beschilderung sind wir nicht nur einmal auf irgendeiner Schotterpiste mit „Dead End“ gestrandet. Aber das ist der Schnee von gestern, bzw. eigentlich des vorherigen Abschnittes. Nunmehr sind wir ja an der Küste in Lubec angekommen.

Die Bundesstaaten Maine und Massachusetts bilden das Zentrum dieses Teils der Atlantik-Küsten-Fahrt. In Lubec (ME) hatten wir wieder den Atlantik erreicht. Dieses Lubec spiegelt neben der Schönheit seiner Lage und einigen idyllischen Dorfecken aber auch die Problematik einer niedergehenden Küstenfischerei bzw. des Lobsterfanges wieder. Von den ehemals wohl sechs Fisch verarbeitenden Betrieben sind vier stillgelegt, Bootsstege und Fischhallen dem Verfall preisgegeben. Im Hafenbecken erblickt man eine Reihe freier Anlegeplätze für Fangkutter. In der Main Street steht viel freie Ladenfläche zur Verfügung.

Ungleiche Partner

Aber dieses Lubec repräsentiert nicht das gesamte Maine. Wenn man an diesen State denkt mit seinen 90 Prozent Waldflächen, spricht man auch gern von einer „Liebesaffäre zwischen Erde und Wasser“. Hier umarmen sich die beiden Elemente und bilden so eine der schönsten Küstenszenerien der USA. Und wie es in einer Beziehung ungleicher Partner eben so ist, es kann sehr stürmisch werden. Mit etwas Glück genießt man in einem Blickradius von weißer Gischt gekrönte Wellen direkt neben tief grünem Nadelwald, aus dem einer der 60 Leuchttürme des States hervorlugt.

Majestätisches Purpur

Ja, es sind diese Tage des Herbstes, die den Besucher in ihren Bann ziehen. Es ist sicherlich nicht so sehr das Wetter, welches nunmehr sich flux ändern kann. Die Temperaturen sollten eigentlich beständig fallen. In diesem Jahr scheint aber alles anders zu sein, versichern uns die Einheimischen. Tageswärme bis zu 30 Grad Cesius und Nachtkühle nicht unter 20 Grad stellen die Ausnahme von der Regel dar.

Majestätisch in Purpurrot verabschiedet sich der Sommer. Die Buntfarbigkeit der Natur präsentiert sich nunmehr im Mittelpunkt des „Fall-Foliage-Schauspiels“, bei uns besser bekannt als „Indian Summer“, nachdem die zahlreichen Freilichtbühnen, die sommerlichen Theaterfestivals und Open Air- Konzerte den Vorhang gesenkt haben bzw. der letzte Ton verklungen ist.

Die schwülheißen, von Mücken und Moskitos getränkten „Hundstage“ („Dog Days“) sind vorüber, die Heerscharen an Touristen wieder heimgekehrt. Es eröffnet sich eine fast majestätische Ruhe in den Urlaubsorten, in den endlosen Wäldern sowieso. Wenn sich die Morgennebel erst einmal verzogen haben, erstrahlt mit etwas Glück ein kristallklarer Himmel im glänzenden Sonnenlicht und lässt den rötlichen Königsmantel, der die Bäume umhüllt, noch kräftiger leuchten.

Poetische Köpfe

Ist es bei so viel inspirativer Umgebung dann ein Wunder, dass hier in Maine einige der hervorragendsten poetischen amerikanischen Größen angesiedelt sind? Die in Portland beheimatete Wohn- und Wirkungsstätte des Romantikers Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882) freut sich über interessierte Besucher. Seine Erzählungen und Gedichte sind durchflutet von dieser Landschaft. Auch Harriet Beecher Stowe verfasste große Teile von „Onkels Toms Hütte“ in einer solchen Umgebung in der Nähe von Brunswick. Was den in der Stadt Bangor ansässigen Stephen King in solch friedvoller Natur zu seinen Horror-Romanen veranlasst hat, mag sein Geheimnis bleiben. Waren es vielleicht eher seine früheren Drogen- und Alkoholprobleme?

Prachtstück der Natur

Diese Bezeichnung für den „Acadia National Park“ erscheint nicht übertrieben. Schon im südlichen Maine gelegen, krallt sich die per Brücke verbundene Insellandschaft wie die Finger in die Weite des Atlantiks. Raue Kliffs wechseln ab mit riesigen Sandstränden. Eine gut 40 Kilometer lange Rundfahrt führt zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten des Naturparks, ob nun zum Cadillac Mountain, zum Mount Desert, zum Somes Sound oder dem Jordan Pond und The Bubbles, natürlich auch zum malerischen Bass Harbor Lighthouse oder der Schoodic Halbinsel, und nicht zu vergessen das Thunder Hole. Sie alle sind eigentlich, jede für sich genommen, eine eigene Reise wert.

So viel Spektakuläres in der Natur will geschützt werden. Mit viel Geld und Organisationsaufwand unterhält man deshalb u. a. ein aufwendiges Shuttle-Bus-System. Insgesamt acht verschiedene Linien transportieren in mit Propangas betriebenen Bussen meistens im 30-Minuten-Rhythmus die Besucher in jeden Winkel, an jeden Ausgangspunkt für Wanderungen, zu jeder Sehenswürdigkeit. Eine Buslinie ist dabei ausschließlich für den Abholservice von den zahlreichen Campingplätzen oder Hotels der Umgegend zuständig. Da das Ganze für den Parkbesucher kostenfrei ist, erscheint es umso unverständlicher, warum immer noch auffallend viele Touristen ihr Auto nicht stehen lassen und lieber das nicht unerhebliche „Auto-Eintrittsgeld“ bezahlen als den kosten- und stressfreien Busservice zu genießen. Warum dieser Küstenstreifen „The Bold Coast / Die kühne, mutige Küste“ genannt wird, bleibt aber ein Geheimnis.

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