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Problemfall Ehrenamt : „Wir werden wie Steuersünder gejagt“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Stormarner Schützenvereine kritisieren das komplizierte und unverständliche Steuerrecht. Gespräch mit dem SPD Bundestagsabgeordneten Franz Thönnes.

Die Bargteheider Schützen mussten nach einer Steuerprüfung einen hohen fünfstelligen Betrag ans Finanzamt nachzahlen. Folge: Das Schützenfest wurde verkürzt, das Kinderfest fiel ganz aus, und die Mitglieder mussten einen halben Jahresbeitrag als Umlage zahlen, um den Verein vor der Pleite zu retten.

Kein Einzelfall: In Vereinen und Gilden hat man mittlerweile das Gefühl, wie ein Wirtschaftsunternehmen behandelt zu werden. Es gebe vermehrt Betriebsprüfungen, die Vorstände würden dabei „mit Begriffen konfrontiert werden, die sie noch nie gehört haben und nach Unterlagen befragt, die sie noch nie gesehen haben“, so Margrit Kunde, Pressewartin des Kreisschützenverbands. Zudem würden von den Prüfern steuerpflichtige Geschäftsbereiche konstruiert, wenn man Sportarten infrage und Vermietung von Sportstätten unterstelle.

Und wer sich im Vorstand engagiert, läuft Gefahr, richtig draufzuzahlen: Im deutschen Recht haften Vorstandsmitglieder persönlich für nicht abgeführte Steuern und Sozialabgaben. Dabei seien die Vorschriften so kompliziert, teilweise sogar widersprüchlich, dass allenfalls Experten sie noch verstehen. „Wir werden teilweise wie Steuersünder gejagt. Das macht die Vereine kaputt“, beklagt ein stellvertretender Kreisvorsitzender der Stormarner Schützen.

„Zum Teil wird schon mehr Geld für den Steuerberater als für das Schützenfest ausgeben“, sagt Margrit Kunde. Dabei arbeiteten die Vereine rein ehrenamtlich und würden zudem kostenlos sozialpolitische Aufgaben des Staates übernehmen. Auf dem Verbandstag der Stormarner Schützen in Elmenhorst hatte Kreisvorsitzender Rolf-Peter Fröhlich das Problem angesprochen. Woraufhin der SPD-Bundestagsabgeordnete Franz Thönnes, der als Gast dabei war, ein Gespräch zu dem Thema anbot.

Zu dem Treffen lud Rolf Peter Fröhlich alle Vereine ein. Einstimmiger Tenor: Die Politik erschwere das Ehrenamt, das Vereins- und Steuerrecht sei viel zu kompliziert. Um es richtig anzuwenden, bräuchte man eine Ausbildung zum Steuerfachmann. „Selbst für mich ist es sehr schwierig, durch den Paragraphendschungel durchzukommen“, sagte eine Schützin, die von Beruf Steuerfachgehilfin ist.

Wenn für vier Jahre rückwirkend geprüft werde, warum werde nicht früher danach gefragt, wo ein gemeinnütziger Verein verpflichtet sei, seine Mittel spätestens innerhalb zwei Jahren auszugeben und man aufgrund der Steuerbescheide davon ausgehen konnte, dass alles seine Richtigkeit hatte? Vorstände würde die Steuererklärungen nach bestem Wissen abgeben, deshalb dürfe man Sportvereinen keine grobe Fahrlässigkeit unterstellen, die Vorstände in die persönliche Haftung bringt.

Warum können Mitgliedsbeiträge nicht steuerlich abgesetzt werden, wenn das im EU-Recht möglich ist? Nach EU-Recht sei auch die kurzzeitige Vermietung von Sportstätten umsatzsteuerfrei, während man in Deutschland zahlen soll.

Als Bundesvorsitzender der Norwegisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft wisse er aus eigener Erfahrung, dass das Vereins- und Steuerrecht sehr kompliziert sei, sagte Thönnes: „Wenn die Kritik so zutreffend ist, würde ich mir wünschen, dass die Mitarbeiter des Finanzamtes den Vereinen bei Steuerfragen behilflich sind.“ Bei Konflikten sollte man die Kritik nicht für sich behalten, sondern direkt mit den Verantwortlichen in der Kommune sprechen. Und falls man kein Gehör oder keine Lösung finde, sollte man sich an die Kommunalpolitik wenden, so Thönnes, der anbot, bei Problemen vermittelnd tätig zu werden.

In einem Fall habe er mit dem Bürgermeister telefoniert, hat Thönnes den Schützen inzwischen schriftlich mitgeteilt, und die Umsatzsteuerfreiheit für die Vermietung von Sportanlagen sei durch die Umsetzung europäischer Vorschriften ebenfalls geklärt. Dem Eindruck, dass Vereine verstärkt geprüft werden, habe das Finanzministerium klar widersprochen, so Franz Thönnes. Er versprach den Schützen zudem, ein Treffen zwischen Vereinen und der neuen Leiterin des Finanzamts Stormarn zu organisieren.

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erstellt am 26.Sep.2013 | 13:00 Uhr

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