Arbeitsmarkt Stormarn : „Wir brauchen Zuwanderer“

Abschlussdiskussion: (v. l.) Dr. Heike Grote-Seifert (Arbeitsagentur), Friederike Kühn (IHK), Andreas Katschke (HWK), Prof. Herbert Brücker (Arbeitsagentur) und Moderator Sven Radestock.
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Abschlussdiskussion: (v. l.) Dr. Heike Grote-Seifert (Arbeitsagentur), Friederike Kühn (IHK), Andreas Katschke (HWK), Prof. Herbert Brücker (Arbeitsagentur) und Moderator Sven Radestock.

Experten für den Arbeitsmarkt informierten über die Chancen, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben. Gegen den drohenden Fachkräftemangel laufen schon einige Pilotprojekte der Agentur und der Industrie- und Handelskammer.

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07. November 2013, 11:51 Uhr

Die Bevölkerung in Deutschlande altert, die Wirtschaft macht sich Sorgen um den Nachwuchs. Vor diesem Hintergrund hatte die Agentur für Arbeit zu einem Gespräch in den Ahrensburger Marstall eingeladen. Experten für den Arbeitsmarkt informierten über die Chancen, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben. Gegen den drohenden Fachkräftemangel laufen schon einige Pilotprojekte der Agentur und der Industrie- und Handelskammer.

„Wir brauchen die Zuwanderung, schon um die öffentlichen Kassen und die Sozialversicherung zu stärken“, sagt Prof. Herbert Brücker, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Sie profitierten über den Lebenszyklus hinweg mit durchschnittlich 14 000 Euro pro Kopf. Ohne Arbeitsmigranten werde die deutsche Volkswirtschaft noch erheblich stärker schrumpfen, als ohnehin prognostiziert.

Vom derzeitigen Rekordmarkt mit 45 Millionen Arbeitnehmern werde die Beschäftigung bis zum Jahr 2050 auf 36 Millionen Beschäftige schrumpfen. Ohne Zuwanderer sogar auf nur noch 26 bis 27 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland. „Das wären 40 Prozent weniger“, so Brückner. Deutschland habe viel zu lange eine restriktive Migrationspolitik betrieben.

Zurzeit sei die Zuwanderungsquote deutlich größer als in früheren Jahren. Darunter seien überdurchschnittlich viele gut Ausgebildete mit Hochschulabschluss. Das sei auch kein Wunder, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 bis über 60 Prozent in Spanien und Griechenland. Aber das könne sich bei einer wirtschaftlichen Erholung in Südeuropa auch rasch wieder ändern.

Brückner wirft den Blick deshalb auch den Nahen und Mittleren Osten, aber auch auf China und Vietnam. „Das große Lohngefälle macht Deutschland attraktiv.“ Mit den Asiaten gibt es bereits Pilotprojekte. So werden jetzt in China 150 Pflegefachkräfte ausgebildet, in Vietnam 100. „Sie qualifizieren sich zunächst ein Jahr im Heimatland, dann absolvieren sie eine zweijährige Ausbildung in Deutschland“, erklärt Inka de Pedraza von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Agentur.

Weitere Pilotprojekte der ZAV gibt es mit Tunesien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen. „Wir suchen gezielt für die Arbeitgeber im Ausland, wenn sie solche Fachkräfte wünschen“, sagt sie. Die Reisekosten, Sprachkurse und die Sicherung des Lebensunterhalts während einer Ausbildung übernehme die ZAV. Bei der Anwerbung sei die sensibel: „Lieber einer weniger, der dann aber bleibt.“

„Das größte Problem ist jetzt, hier eine Willkommens-Kultur zu etablieren“, sagt Friederike Kühn, Präses der IHK. Bisherige Erfahrungen mit jungen Spaniern, die in Lübeck ausgebildet werden, seien positiv. Sie seien aber auch in ihrer Freizeit gut betreut worden, etwa durch die Spanisch-Deutsche Gesellschaft. „In der Berufsschule haben wir eine eigene Klasse für die Spanier eingerichtet“, so Andreas Katschke von der Handwerkskammer.

Und Menschen aus noch viel unterschiedlicheren Kulturen wie aus Asien hätten noch deutlich höheren Unterstützungsbedarf. Und das A und O bleibe natürlich, die deutsche Sprache zu erlernen, so Inka de Pedraza. „Die Betriebe müssen auch Kümmerer sein“, sagt Friederike Kühn. Kleine Betriebe seien damit überfordert, gibt Brücker zu bedenken, „sie werden die Verlierer sein.“

Mangelberufe in Stormarn gibt es heute besonders in der Gastronomie und im Hotelgewerbe, bei technischen Facharbeitern und in Pflege- und Gesundheitsberufen. „Bei Ingenieuren scheint der Bedarf bisher weniger groß zu sein“, sagt Friederike Kühn.


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