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Stormarner Tageblatt

18. Dezember 2017 | 18:06 Uhr

Wiedersehen nach 68 Jahren

vom

Am Tag des Fliegerangriffs überlebten in der Oldesloer Berufsschule nur sieben von 100 Menschen. Vier von ihnen trafen sich nun wieder.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Sattenfelde | "Nicht klagen und sagen! Beginnen und wagen, die Fahnen tragen, in Sonne und Sturm" steht in dem kleinen blau gemusterten Poesiealbum von Hilde Wulf geschrieben. Der Eintrag von Ilse Schwed (damals noch Quooß) ist vom 4. Januar 1945. 68 Jahre ist das nun her. Und seit 68 Jahren haben sich die ehemaligen Klassenkameradinnen nun das erste Mal wieder getroffen.

Es war das Jahr 1945. Iles Schwed und Hilde Wulf besuchten gemeinsam die Oldesloer Berufsschule in der Königsstraße. Sie wollten Kindergärtnerinnen werden. Doch es war auch das Jahr des Bombenangriffs auf Bad Oldesloe. Am 24. April entkamen Ilse Schwed und Hilde Wulf nur knapp dem Bombenhagel. Sie hatten in einem kleinen Raum im Keller der Berufsschule Zuflucht gefunden (wir berichteten). Von den 100 Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Einschlags in dem Gebäude befanden, überlebten nur sieben. Darunter Ilse Schwed (83), Hilde Wulf (83) und ihre damalige Lehrerin Gisela Schmitz (92).

Durch den Artikel im Stormarner Tageblatt fanden sich die drei nun wieder. Schnell schwelgen die ehemaligen Klassenkameradinnen in Erinnerungen. "Ach guck Mal, da ist Annelie - an die erinnere ich mich noch. Die war doch aus Trittau, oder", sagt Ilse Schwed und deutet auf einen Eintrag auf den vergilbten Seiten des Poesiealbums. "Und hier, das ist Lilli. Das war meine Freundin, die bei dem Angriff ums Leben gekommen ist."

Es gibt viel zu erzählen nach der langen Zeit. "Wissen Sie noch, wie ich Ihnen ins Bein gebissen habe, als es überall um uns herum gekracht hat?", fragt Ilse Schwed ihre damalige Lehrerin und lacht. Überhaupt wird viel gelacht bei diesem Wiedersehen, obwohl es ein schrecklicher Tag im Leben aller Überlebenden war. "Heute kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen", sagt Gisela Schmitz. "All die Toten und die Zerstörung." Dennoch habe sie auch positive Erinnerungen an die Zeit kurz nach dem Krieg. "Wir hatten alle nichts und waren daher alle gleich. Jeder hat dem anderen geholfen."

Auch Hans-Werner List hatte sich nach dem Bericht bei Ilse Schwed gemeldet. "Ich hatte am 24. April 1945 meinen ersten Berufsschultag", erzählt er. Der damals 14-Jährige hatte gerade als Junghelfer bei der Deutschen Reichsbahn zu arbeiten begonnen. "Zum Glück war ich an diesem Tag an der Berufsschule, denn die meisten, die sich am Bahnhof aufgehalten haben, sind in den dortigen Tunnel gelaufen und dort alle nicht mehr lebend rausgekommen", erzählt der 80-Jährige. Er selbst sei aber nicht in der Berufsschule geblieben, sondern zum Ströh Bunker.

Nach dem Krieg hatten sich die Klassenkameradinnen aus den Augen verloren. Hilde Wulf arbeitete als Kinderpflegerin, Ilse Schwed machte eine Ausbildung zur Schneiderin, Hans-Werner List deckte bei der Dachdeckerei Fleischfresser Dächer und Gisela Schmitz arbeitete bis zu ihrer Pensionierung vor rund 30 Jahren als Lehrerin.

Bis zum nächsten Treffen werden wohl nicht wieder 68 Jahre vergehen. "Wir sehen uns bestimmt wieder", sind sich Ilse Schwed, Hilde Wulf, Gisela Schmitz und Hans-Werner List einig.

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