Schweinezucht und Widerstand In Hoisdorf : Wie viele Keime hätten Sie gern?

Für die Bürgerinitiative wäre die Ansiedlung eines Mastbetriebs für 1490 Schweine eine Sauerei.
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Für die Bürgerinitiative wäre die Ansiedlung eines Mastbetriebs für 1490 Schweine eine Sauerei.

Ein Landwirt empfindet den Flyer der Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung in Hoisdorf als Sauerei.

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31. Januar 2015, 06:00 Uhr

„Wie habe ich fast 40 Jahre Stallarbeit gesund überlebt?“, fragt der Hoisdorfer Landwirt Peter Griem sarkastisch. Denn wie im Flyer der Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung in Hoisdorf zu lesen ist, „bedrohen multiresistente Keime unsere Kinder und uns“ und dabei könnten „Schnittwunden schon zum Tode führen“. „Damit soll wohl die ganze Gegend in Panik versetzt werden“, sagt Peter Griem, der „es langsam satt hat, dass die ganze Landwirtschaft in den Schmutz gezogen wird“.

Griem hat selbst Schweine gemästet. Weil seine Töchter den Betrieb nicht übernehmen wollten, verpachtete er an Jörg Elbers, der im Wastenfelder Redder, hinter der Landgärtnerei Beier, einen Maststall für knapp 1500 Tiere bauen möchte.

Gut 800 Unterschriften

Dagegen gibt es große Widerstände im Ort. Mehr als 800 Unterschriften hatte die Initiative gesammelt. Zur Gemeindevertretung waren etwa 300 Hoisdorfer gekommen, um kritische Fragen zu stellen, obwohl der Punkt überhaupt nicht auf der Tagesordnung

stand. Bürgermeister Dieter Schippmann (DGH), der erst auf Nachfragen die Zwischenwand öffnen ließ, wies auf

die Rechtslage hin, nach der die Gemeinde privilegierte Bauvorhaben nicht grundsätzlich verhindern kann. „Wir haben aber leider auch den Eindruck, dass die DGH dem Projekt sehr wohlwollend gegenüber steht“, sagt Initiativen-Mitgründer Robert Fitz.

Hauptthema waren aber die Keime. Im Flyer heißt es unter „Hintergrundinformationen“, dass gesundheitsgefährdende Keime aus Schweineställen durch Gülle und Abluft ins Freie gelangten, und dass in Europa nachweislich zehntausende Menschen pro Jahr an multiresistenten Keimen sterben.

Es geht um Staphylococcus aureus, ein weit verbreitetes Bakterium, das in seiner resistenten Variante nicht auf die Standard-Antibiotika Penicilline und Cephalosporine reagiert. Die Abkürzung MRSA steht für „Methicillin-resistente Staphylococcus aureus“. Dabei werden drei Gruppen unterschieden:

>haMRSA, die im Krankenhaus übertragen werden
>caMRS, die außerhalb von Kliniken von Mensch zu Mensch übertragen werden

>laMRSA, die bei Nutztieren verbreitet sind.

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung tragen die laMRSA-Typen aber „vergleichsweise selten die typischen krankmachenden Eigenschaften“. Laut Robert-Koch-Institut befindet sich laMRSA in 50 bis 70 Prozent der schweinehaltenden Betriebe. Bei rund 80 Prozent der Bauern und 45 Prozent der dort tätigen Tierärzte fand sich eine „nasale Besiedlung“. Bei Familienangehörigen auf dem gleichen Hof war das aber nur bei vier bis fünf Prozent der Fall.

Im Stall erfolgt die Übertragung sehr schnell. Bei 34 von 199 Stallbesuchern, die keinen regelmäßigen Kontakt zu Nutztieren haben, wurde laMRSA nachgewiesen. Bei einer Nachuntersuchung am Folgetag wurde der Keim aber nur noch bei zwei Personen gefunden.

Leben in Nachbarschaft

Die Keime werden auch mit der Abluft aus Ställen freigesetzt, sind aber nur in einem Umfeld bis zu 300 Meter um die Anlagen nachweisbar. Laut einer Studie aus Niedersachsen lag die Besiedlungsrate in einer ländlichen Region bei einem Prozent der Menschen. Das Leben in Nachbarschaft zu Tierhaltungen ohne direkten Kontakt wurde deshalb nicht als Risiko bewertet. Und das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass nicht nur Nutztiere, sondern auch Haustiere MRSA-Träger sein können.

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