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Bad Oldesloe : Wie St. Jürgen zum Pflegefall wurde

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Misswirtschaft, Fehlentscheidungen, mehr als 50 000 Euro unterschlagen – und der damalige Vorstand verzichtete auf Anzeige.

Die Notlage der St. Jürgen Stiftung (wir berichteten) schlägt hohe Wellen. Am Mittwoch, 18. März, wird sich der Hauptausschuss abermals mit dem Thema beschäftigen. Die FBO hat einen ganzen Katalog mit Fragen eingereicht. „Wie konnte es passieren, dass das einstmals gesunde und renommierte Alten und Pflegeheim dermaßen gegen die Wand gefahren wurde, dass nun nach Darstellung des Bürgerworthalters nur noch ein Notverkauf in Frage kommt?“, fragt FBO-Fraktionsvorsitzende Patricia Rohde: „Es ist traurige Pflicht aller Stadtverordneten, den Fall schonungslos aufzuklären, auch wenn es weh tut. Das sind wir den Mitarbeitern, den Bewohnern und den Stiftern sowie allen Oldesloern schuldig. Eine Schließung oder ein Verkauf des Hospitals darf nur als allerletztes Mittel in Frage kommen.“

Doch mit Informationen ist das so eine Sache. Der Oldesloer Bürgerworthalter ist Kraft Amtes Vorstandsvorsitzender. Vier weitere Vorstandsmitglieder werden von den Stadtverordneten gewählt. Mit Verweis auf die Verschwiegenheitspflicht, wurde eine Information der Stadtverordneten über die Stiftung durch Bürgerworthalter Rainer Fehrmann in der Vergangenheit abgelehnt. In jüngster Zeit weicht der Christdemokrat von dieser Linie ab. „Ich betreibe auf freiwilliger Ebene Öffentlichkeitsarbeit, um die Zusammenarbeit auf gute Füße zu stellen“, so Fehrmann. Deshalb habe er „die Hosen runter gelassen“ und in einem Bericht für die Stadtverordneten alle Fakten zusammengestellt. Für einen Verkauf des St. Jürgen Heims soll die Satzung geändert werden – das geht nur mit Zustimmung der Stadtverordneten.

Konkret will die FBO wissen, welche Maßnahmen seitens des geschäftsführenden Vorstands diskutiert, dokumentiert, beschlossen oder verworfen wurden, um das jährliche Defizit zu senken. Dazu will die Fraktion wissen, welche Einsparungen das gebracht hat oder hätte. Sie hinterfragt, ob ein modernes Insolvenzverfahren diskutiert wurde, ob ein Sanierungsgutachten vorliegt und warum der Tarif des Öffentlichen Dienstes gezahlt werde. Außerdem will die FBO wissen, warum nur mit einem einzigen potenziellen Käufer verhandelt werde und ob der Bürgerworthalter als Vorstandsvorsitzender überhaupt berechtigt ist, freihändig das Heim zu verkaufen.

Seitens der Stadtverwaltung wird nur eine der 15 Fragen beantwortet: Ja, der Vorstand kann in alleiniger Verantwortung die Gebäude verkaufen. Beim Verkauf sei alleinig der Stiftungsvorstand für die Wahl des Vergabeverfahrens verantwortlich.

Insider aus St. Jürgen, die namentlich nicht genannt werden möchten, gehen mit dem aktuellen und früheren Vorständen hart ins Gericht. „Das Heim ist in den vergangenen fünf Jahren in die Pleite gewirtschaftet worden.“ Die Mitglieder seien nicht vom Fach, teilweise seit vielen Jahren aus ihren Berufen heraus und hätten trotzdem den Fehler gemacht, sich ins Tagesgeschäft einzumischen.

Hauptverlustbringer ist der Neubau. „Der wurde damals komplett auf Pump gebaut“, erzählt der Experte. Ob die Zimmer bewohnt sind oder leer stehen, interessiert die Sparkasse nicht, die will ihr Geld zurück, das sei der Hauptkostenfaktor. Nach Ansicht eines Insiders schlägt jeder Leerstand monatlich mit 1000 Euro zu Buche. 12  000 Euro jährlich – pro Zimmer. Warum die kleinen Appartements leer stehen, ist der Fachkraft schleierhaft: „Das ist doch mitten im Leben, ein paar Schritte und man ist in der Fußgängerzone. Der Neubau war sechs Jahre voll belegt. Dann macht man jetzt ja wohl was mit der Werbung falsch. Da muss man natürlich Akquise betreiben, den Leuten auch Angebote machen und was bieten.“ Früher habe der Betrieb satte Gewinne abgeworfen. 10- bis 12  000 Euro sollen monatlich auf das Festgeldkonto überwiesen worden sein. Die Sanierung der Villa für 120  000 Euro habe beispielsweise aus laufenden Mitteln bezahlt werden können, ebenso der Bau von zwei Pflegezimmern für 70  000 Euro. Heute ist die Stiftung nicht mehr in der Lage, 400  000 Euro für Brandschutzmaßnahme aufzubringen. Die Verluste übersteigen die Erlöse der Stiftung.

Die Probleme der Stiftung begannen allerdings schon viel früher. Eine Verwaltungsleiterin soll kräftig in die Kasse gegriffen haben. Bei der Einstellung sei darauf verzichtet worden, ein polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen. Vier-Augen-Prinzip? Fehlanzeige, die Frau hatte Alleinvertretung für das Geldmarktkonto. Unter Sammelüberweisungen versteckte sie immer mal Zahlungen an sich selber. Mehrere tausend Euro für Ebay-Käufe wurden über das Heim gezahlt, insgesamt entstand ein Schaden von mindestens 52  000 Euro. „Dass die geklaut hat, war bekannt“, berichtet ein Insider. „Es gab Geldabflüsse“, sei die interne Sprachregelung gewesen. Gegen die Frau wurde keine Anzeige erstattet. „Das hat der Vorstand totgeschwiegen, weil der Ruf des Hauses halt alles war.“

Ein Nachfolger fiel 2010 in Ungnade und wurde gekündigt. „Im Winter mussten Erdbeeren auf den Tisch und der Kuchen wurde eingekauft, statt selber zu backen – das war alles viel zu teuer“, heißt es aus Vorstandskreisen zur Begründung. Außerdem sollen da noch mehrere tausend „mutwillig angesammelte Überstunden“ beim Personal gewesen sein. Vor dem Arbeitsgericht zählte das nicht – St. Jürgen musste eine fünfstellige Abfindung bezahlen.

Der Vorstand entschied sich anschließend für eine Frau als Heimleiterin: jung, dynamisch, gut aussehend. Das ging nur ein paar Wochen gut. „Sie hatte eine unangenehme Art mit Menschen umzugehen“, ist aus Vorstandskreisen zu hören: „Die hatte ganz viele Leichen links und rechts liegen gehabt.“ Die Bewohner sind auf der Zinne, sammeln Unterschriften und drohen damit, an die Presse zu gehen. Schon war die Probezeit für die Heimleiterin vorbei.

Nach einer weiteren personellen Fehlentscheidung für den Heimleiterposten wurde Harald Krüchten mit der Aufgabe betreut.

 

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23-2176993_Bad Oldesloe_Andreas_Olbertz_Redakteur.JPG von
erstellt am 14.Mär.2015 | 08:00 Uhr

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