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Stormarner Tageblatt

22. November 2017 | 00:25 Uhr

Nütschau : Wie die Wehr professionell wurde

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Kreisfeuerwehrverband Stormarn feiert sein 125-jähriges Bestehen. In den 90er Jahren begann die moderne Entwicklung.

von
erstellt am 13.Sep.2017 | 06:00 Uhr

„Ganz zu Anfang“, sagt Kreisbrandmeister Gerd Riemann, „konnte man nicht einfach in die Feuerwehr eintreten. Man musste Land besitzen oder brauchte einen Leumund.“ Zu Anfang – das war am Ende des 19. Jahrhundert. 1891 war im preußischen Holstein die Gründung von Freiwilligen Feuerwehren verordnet worden. 61 waren es Ende 1892 in Stormarn, als sich 31 von ihnen in Bargteheide trafen, um einen Kreis-Feuerwehr-Bezirk zu gründen.

So kann der Kreisfeuerwehrverband Stormarn, wie er seit 1908 heißt, im Jahr 150-jährigen Kreisbestehens selbst seinen 125. Geburtstag feiern (am Freitag in der Stormarnhalle). Die Geschichte ist sowohl von der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung sowie von den Brüchen in der deutschen und der regionalen Geschichte gekennzeichnet. 1901 wurde Wandsbek ein eigenständiger Stadtkreis und schied aus. 13 Jahre später begann der 1. Weltkrieg, und von den seinerzeit 2139 Aktiven in 83 Wehren wurde umgehend weit mehr als die Hälfte eingezogen. 148 Stormarner Feuerwehrleute kehrten nicht wieder zurück.


Technische Hilfspolizeitruppe

Im Dezember 1933 machte das „Preußische Feuerlöschgesetz“ aus den demokratisch verwaltenden Freiwilligen Feuerwehren Löschzüge, die dem Reichsführer SS und der Polizei unterstellt wurden. Auch in den Wehren, die schon zu Kaiserzeiten die Hauptleute gewählt hatten, galt nun das Führerprinzip.

Nach Jenfeld und Tonndorf-Lohe, die 1927 zu Wandsbek eingemeindet wurde, verliert Stormarn 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz seine einwohner- und wirtschaftlich stärksten Gebiete an Hamburg. Mit Bergstedt, Billstedt, Bramfeld, Duvenstedt, Hummelsbüttel, Lehmsal-Mellingstedt, Lohbrügge, Poppenbüttel, Rahlstedt, Sasel, Steilshoop und Wellingsbüttel verlassen auch deren 22 Wehren den Verband. Nur zwei kommen hinzu: Großhansdorf und Schmalenbeck, die vorher zu Hamburg gehörten. Mit dem Reichsfeuerlöschgesetz Ende 1938 wurden auch die Feuerwehrverbände und -vereine aufgelöst und zur technischen Hilfspolizeitruppe.

Nach dem Krieg kamen die Feuerwehren zu den Gemeinden zurück und wurden 1948 eine Pflichtaufgabe. Im Mai 1949 fand dann der erste Kreisfeuerwehrverbandstag nach dem Krieg in Elmenhorst statt. Schon ein Jahr später entstand die erste Schlauchpflegerei in Ahrensburg. Sie blieb dort, bis zum Umzug im Oktober 1967 nach Nütschau, wo neben dem Kreisfeuerwehrverband auch die Ortswehr Tralau einzog. Bis in die 70er Jahre gab es die Tragkraftspritzen, die von einem Trecker zum Einsatz gezogen wurden. Dann setzte eine rasante Professionalisierung ein, sowohl bei der technischen Ausrüstung als auch bei der Ausbildung. In den 90 Jahren gab es die ersten Fahrzeuge mit Wasser an Bord und mit dem LF  8 kam das erste „echte“ Löschfahrzeug. Mittlerweile ist das LF  10 Standard.

„Als ich 1972 als 16-Jähriger anfing, bin ich ins Feuerwehrauto gestiegen und wurde einfach mitgenommen“, erinnert sich Gerd Riemann. Bis 1970 gab es lediglich die Ausbildung in der Landesfeuerwehrschule. Mitte der 70er Jahr wurde beschlossen, ein eigenes Feuerwehrausbildungszentrum in Nütschau zu bauen. 1976 stellte der Kreis einen ABC-Zug auf, aus dem der heutige Löschzug Gefahrgut (LZG) hervorging. Ende September zwei Jahre später wurde die neue Kreisfeuerwehrzentrale eingeweiht, und die Kreisleitstelle startete: „Kater Stormarn“ konnte man über die bundeseinheitlichen Nummern 110 und 112 erreichen.

1987 wurde das erweiterte Feuerwehr-Ausbildungszentrum eingeweiht. 1991 zieht auch der ABC-Zug von Reinfeld nach Nütschau um. 1992 wurde der Feuerwehr-Flugdienst Segeberg-Stormarn gegründet, 1997 startete die Notfallseelsorge. Die größte Erweiterung in Nütschau in den 2000er Jahren mit Feuerwehr-Ausbildungsplatz und neuem Gerätehaus für den Löschzug Gefahrgut hatte Harry Ramm initiiert, der von 1988 bis 2005 Kreiswehrführer war.


Ein Jahr der Zeitenwende

Die letzte Erweiterung erfolgte 2013. Das war in gewisser Weise auch ein Jahr der Zeitenwende, denn erstmals in der 125-jährigen Geschichte löste sich mit Barkhorst eine Freiwillige Feuerwehr auf. Inzwischen hat auch die Westerauer Ortswehr Ahrensfelde beschlossen, sich der Nachbarwehr Trenthorst/Wulmenau anzuschließen. Wie alle Vereine unterliegen auch die Wehren der gesellschaftlichen Entwicklung. Erhöhte berufliche Beanspruchung, länger werdende Arbeitswege und unsichere Beschäftigungsverhältnisse auf der einen, individuelle Lebensentwürfe und hohe Freizeitorientierung auf der anderen Seite lassen die Bereitschaft sinken, sich fest in einer Organisation einspannen zu lassen.

„Wir haben unsere Mitgliederzahl halten können“, sagt Gerd Riemann nicht ohne Stolz. 1989, als es 3653 Aktive in 93 Wehren gab, hatte der Kreis Stormarn allerdings weniger als 200  0000 Einwohner. Mittlerweile sind es mehr als 240  000. Dieser Zuwachs von mehr als 20 Prozent hat sich nicht niedergeschlagen, obwohl man Mitte der 1980er Jahre mit den Jugendwehren und dem gezielten Ansprechen von Frauen Nachwuchsarbeit und -werbung betreibt.

Einfach ins Auto wird niemand mehr gesetzt. Im Gegenteil: Eine umfassende Ausbildung ist Pflicht und die Altersgrenze für Einsätze wurde von 16 auf 18 Jahre angehoben. Aber den Atemschutz-Lehrgang dürfen Jugendliche nur mit Bescheinigung des Arztes absolvieren. Und die bekommen sie erst, wenn sie bereits 18 sind.

Einschneidende Ereignisse der letzten Jahrzehnte für die Stormarner Wehren waren die Schneekatastrophe 1979, die großflächige Kresol-Verunreinigung auf dem A1-Parkplatz Sylsbek 1989 und das Jahrhundert-Hochwasser 2002 in Dresden. In den vergangenen Jahren hatte man vor allem mit der Einführung des Digitalfunks und einer neuen Ausrücke-Ordnung für die Alarmierung via Cobra  4 zu tun.

Und natürlich mit mehr Bürokratie. Nach der Sonderregelung für Führerscheine und der Altersgrenze wurden zuletzt die Kameradschaftskassen zu Sondervermögen der Gemeinden erklärt. Alle Feuerwehren müssen jetzt einen Einnahme- und Ausgabenplan aufstellen, und der Gemeindevertretung muss das Jahresergebnis vorgelegt werden. Und für die Spenden mussten Fördervereine gegründet werden.

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