Wie die Flucht genau abgelaufen ist

Verriegelt: Auf diesem Campingplatz hatte sich der Täter versteckt.
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Verriegelt: Auf diesem Campingplatz hatte sich der Täter versteckt.

Drama von Bargteheide endet in Ammersbek / Staatsanwalt wirft Sven S. Heimtücke und Handeln aus niederen Beweggründen vor

shz.de von
10. März 2017, 11:33 Uhr

Dritter
Verhandlungstag im Prozess gegen Sven S. Dem mehrfach wegen häuslicher Gewalt und anderer Delikte vorbestraften 35-Jährigen wird vorgeworfen, am 12. August seine ehemalige Freundin Svea T. (28) getötet zu haben. Die Tat erregte großes öffentliches Aufsehen. Das 28-jährige Opfer arbeitete im Restaurant des Erdbeerhofs Glantz in Delingsdorf, war nicht nur bei den Gästen sehr beliebt. Staatsanwalt Niels-Broder Greve wirft Sven S. Heimtücke und Handeln aus niederen Beweggründen vor – beides Kriterien für Mord.

Mehrere Zeugen sind geladen. Drei Polizeibeamte aus Lübeck können sich genau an die Festnahme des Angeklagten auf einem Campingplatz in Ammersbek sowie an den Fund der Tatwaffe in einem Tümpel einer Parkanlage in Bargteheide erinnern. Bei seiner Vernehmung habe der mutmaßliche Täter nicht beeinträchtigt gewirkt, auch in der Haft habe er keine Entzugserscheinungen gezeigt. Bei der Festnahme habe man bei ihm aber ein Päckchen Koks gefunden.

Nach dem Notruf bei der Einsatzzentrale der Feuerwehr, in dem er selbst mitteilt, seine Freundin in seiner Wohnung getötet zu haben, ist Sven S. wohl zu Fuß bis nach Bargteheide geflüchtet, wo er sich der Tatwaffe in einem Tümpel entledigt. Er führt die Beamten zunächst auf eine falsche Spur, behauptet, völlig zugedröhnt zu sein, so dass das Einsatzkommando vergeblich an der Landstraße zwischen Bargteheide und Ammersbek nach der Waffe sucht.

Wohl um Hafterleichterungen zu erhalten, führt er die Beamten später zum Fundort der Magnum Python. Ein Beamter erinnert sich, dass Sven S. geäußert habe, sein Leben sei nicht mehr lebenswert. Er habe die Frage gestellt, ob man ihn nicht erschießen könne, wenn er einen Fluchtversuch wage. Die Flucht des Angeklagten, so wird berichtet, geht weiter bis nach Ammersbek. Dort sucht er mitten in der Nacht einen Freund in seinem Campingwagen auf und bittet ihn um Hilfe. Der Zeuge sagt mehr als 90 Minuten im Schwurgerichtssaal des Landgerichtes Lübeck aus. Ein halbes Jahr vor der Tat habe man sich auf einem Bauernhof in Lasbek kennengelernt. Dort poliert der Angeklagte in einer separaten Halle Autos auf. Der Zeuge geht ihm bei der Installation der Werkstatt-Elektrik zur Hand. Man unternimmt mit seinen Kindern Ausflüge, hält losen Kontakt. Immer mal wieder habe es Streit zwischen dem Opfer Svea T. und dem Angeklagten gegeben. Es sei eine chaotische Beziehung gewesen, sagt der Zeuge im Gerichtssaal.

Als Sven S. vor seinem Wohnwagen aufgetaucht sei, sei das für ihn völlig überraschend gewesen. Er habe aus Medien schon von der Tat erfahren, sei also auf der Hut gewesen und habe Angst um seine Tochter und sich gehabt. Er habe Sven S. geraten, sich der Polizei zu stellen. Doch dieser habe sich lieber bis Montag verstecken wollen, um dann einen Anwalt zu konsultieren. Der überraschte Freund bietet ihm an, seine nasse und verschmutzte Kleidung zu wechseln und serviert Reste vom Grillfest des Abends. Indessen habe er überlegt, wie er Sven S. schnell loswerden könne. Vor seinen Augen habe der Angeklagte gekifft und außerdem erzählt, dass er schon seit Tagen „total durch“ sei. Über zwei Stunden hätten die beiden dann geredet. Sven S. sei sehr aufgewühlt und dem Weinen nahe gewesen, als er die Frage „Ist Svea tot?“ mit einem Ja beantwortete. Er habe die Tat nicht gewollt, habe sich umbringen wollen, zitiert der Zeuge das Gespräch. Sven S. habe gesagt, dass die Freundin versucht habe, ihm die Waffe zu entreißen und sich dabei ein Schuss gelöst habe. Drei Schüsse könnten kein Versehen sein, habe er, der Zeuge, Sven. S entgegnet. Schließlich habe er Sven S. überreden können, sich im Caddy – einem Firmenauto des Zeugen – zu verstecken. Dabei habe er das Auto verschlossen. Sven S. habe keinen Verdacht geschöpft. Dann habe er einen Freund per WhatsApp gebeten, die Polizei zu informieren. Drei Stunden später sei dann das SEK eingetroffen und habe den Gesuchten überwältigt.

Den Drogenkonsum des Angeklagten bestätigt ein weiterer Zeuge – aus Norderstedt –, mit dem sich der Angeklagte zur Pokerrunde wöchentlich getroffen hat. Sven S. habe ihm etwa eine Woche vor der Tat erzählt, er müsse mal raus, habe schon lange keinen Urlaub mehr gemacht. Sie hätten gemeinsam den Plan gefasst, dass Sven S. sich in einem Norderstedter Hotel einquartiere – völlig abgeschirmt von Freundin und anderen Bekannten. Sven S. habe dann allen mitgeteilt, sich im Italien-Urlaub zu befinden. „Erzähl allen, ich bin in Italien“, habe er gefordert, so der Zeuge.

Dieser holt ihn mehrmals in dem Norderstedter Hotel ab. Zwei Tage vor der Tat, so der Zeuge, habe er auf Anweisung des Angeklagten dem späteren Opfer auf einem Famila-Parkplatz in Bargteheide die Wohnungsschlüssel des Angeklagten übergeben – seines Wissens, damit die junge Frau dort sauber mache und für den angeblich in Italien weilenden Einkäufe erledige.

Ob der angebliche Drogenkonsum des Angeklagten die Mordanklage in eine Anklage wegen Totschlags verwandeln könnte, muss das Gericht bis Mitte Juni klären.


>Termin: Richter Christian Singelmann setzte den nächsten Verhandlungstag für den Mittwoch, 22. März, 9 Uhr an.

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