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Bad Oldesloe : Wie die Bauern aus der Ecke des Bösen kommen

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Der Direktor des Thünen-Institut, Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, empfiehlt den Landwirten eine andere Kommunikationsstrategie und kritisiert die Politik.

von
erstellt am 25.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Ausgerechnet die Chemieindustrie! Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten gedacht, dass ein Professor am Kreisbauerntag den Landwirten empfiehlt, sich ein Beispiel an der Chemie-Industrie zu nehmen? Die hatte in den 70er Jahren einen ähnlich schlechten Ruf wie jetzt die Nutztierhalter im Allgemeinen und die Schweinehalter im Besonderen. Die Chemie hat es aber mit professionellen Marketing geschafft, ihr Image grundlegend zu ändern.

Und das, so Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, ist auch die einzige Chance für die Landwirtschaft. Ansonsten führen sie immer nur die Diskussion nach dem Motto böser Kapitalismus gegen gute Tierschützer.“ Und wer da gewinnt, sei von vornherein klar. Eigentlich sollte der Präsident des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, kurz Thünen-Institut, über die Agrarreform reden. Da hatten Hans-Joachim Wend, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, und Jung-Landwirt Marcus Babbe aber schon längst das Fass mit dem Titel „Politik gegen uns Landwirte“ aufgemacht.

Mit der angekündigten Agrarwende hätten die Grünen „zum Frontalangriff auf die deutschen Landwirte geblasen“, so Wendt. Es würden Ansichten wie aus einem Kinderbuch vertreten, die mit der Realität nichts mehr gemein hätten, sagte Babbe. „Uns Landwirten wird jegliche Kompetenz abgesprochen“, so der 26-Jährige, der Landwirtschaft studiert hat und den elterlichen Hof in Schlamersdorf übernehmen will. Eine Politik, in der es „nur um Wählerstimmen, nicht um Fakten geht“, sorge aber für große Unsicherheit, so Babbe, der im Namen der jungen Landwirte forderte: „Unser gesamter Berufsstand steht vor der Aufgabe, sich gegen die Unterstellungen zur Wehr zu setzen.“

Nur wie? „Aus den Schützengräben zu ballern, nützt nichts“, so Isermeyer,. Es reiche heute nicht mehr aus, „dem Volk zu erklären, warum das richtig ist, was wir mit den Tieren tun.“ In den westeuropäischen Ländern habe es einen Wertewandel gegeben, „die Gesellschaft mischt sich ein“, so Isermeyer. Darauf könne die Landwirtschaft nur durch eine andere Art der Kommunikation reagieren, und zwar auf mehreren Ebenen. Das beginnt beim Bauern auf dem Dorf („Niemand ist glaubwürdiger“), geht über ein professionelles Marketing nach dem Beispiel der Chemie-Industrie, und es brauche einen überparteilichen Runden Tisch.

„Tierschutz ist kein Wahlkampfthema, sondern eine ethische Wertefrage. Wir brauchen einen gemeinsamen Diskurs an höchster Stelle, um mit ruhiger Hand entscheiden zu können, wohin man als Gesellschaft wolle“. Dann könne man Parteien auch auf die Finger hauen, wenn die im Wahlkampf mit Dingen wie Filtererlässen kommen. Das große Manko der Politik, so der Wissenschaftler Isermeyer: Es werden keine Ziele definiert, für die man dann eine Strategie entwickelt, sondern es werden nur Einzelthemen gesetzt, „womit man auch den größten Schwachsinn legitimieren kann“. Das gilt für den einzelnen Schweinestall ebenso wie für die europäische und deutsche Klimapolitik. „Ohne globale Strategie kann man sich den ganzen Kram sparen“, so Isermeyer.

An einen grundsätzlichen Politikwandel glaubt er aber nicht, auch deshalb nicht, weil es in der EU-Agrarpolitik um zehn Milliarden Euro geht und Politiker nun mal gerne Geld (der Steuerzahler) verteilen würden. Was auf der anderen Seite die Bauern aber auch beruhigen mag, weil der Professor grundsätzlich für eine Abschaffung der Direktzahlungen plädiert. So aber werde auch bei der nächsten Reform wohl wieder nur an dem herumgeschraubt, was da ist. Und wenn es ein bisschen mehr Greening und ein bisschen mehr Umverteilung gibt, würden wohl wieder alle zufrieden sein, auch wenn davon weder der Landwirtschaft noch die Umwelt profitieren würden.

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