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Stormarner Tageblatt

17. August 2017 | 18:11 Uhr

Aufeinander zugehen : „Wer ist das Volk?“

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Ex-Bundespräsident Christian Wulff redet in Reinbek zu Integration.

Hoher Besuch im St. Adolf-Stift. Beim 14. Reinbeker Frühjahrsvortrag warb Altbundespräsident Christian Wulff für das Aufeinanderzugehen der Kulturen und für mehr Religionstoleranz.

Die Bremer Rede „Vielfalt schätzen – Zusammenhalt fördern“ von Christian Wulff am 3. Oktober 2010 zum 20. Tag der Deutschen Einheit, war Anlass für das Reinbeker Krankenhaus, den Altpräsident zu bitten, über Integration zu sprechen und darüber, was ihn dazu bewegte, den Satz zu sagen: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“.

Krankenhaus-Geschäftsführer Lothar Obst begrüßte die mehr als 200 Zuschauer in der Aula der Pflegeschule und gab einige Beispiele aus der Preußischen Geschichte, wie das Zitat König Friedrich II. zur Religionsfreiheit: „Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden“. Es wurde deutlich, dass die Integration von Andersgläubigen eine sehr lange Tradition in Deutschland habe.

Christian Wulff bedankte sich für die Einführung: „Ich fand es sehr hilfreich sich vor Augen zu führen, welche Irrungen und Wirrungen auch wir in Europa zurückgelegt haben, bis zu Gegenwart, in der wir gut und recht religionstolerant zusammen leben.“ Diese Entwicklung hätten andere Länder zum Teil noch vor sich. Der gesamte arabische Raum könne Lehren ziehen aus der Zeit der Aufklärung in Europa.

Wulff gab zu, dass die Integration viele Herausforderungen aufwerfe. „Aber diese können wir nicht umgehen, indem wir sagen ‚wir wollen unter uns bleiben‘ und ignorieren, was auf dieser Erde durch Globalisierung und Bevölkerungswachstum passiert.“ Natürlich sei es einfacher den Menschen, populäre Dinge zu sagen, aber die Multikulturalität sei ein unumkehrbarer Prozess. „Man muss sich fragen: Wer ist das Volk, wer sind wir? Das verbindende Element für unser deutsches wir ist nicht die Religion, auch nicht die Staatsbürgerschaft, auch nicht die Sprache allein, sondern unsere Werteordnung, unser Grundgesetz, unsere Grundrechte, die für alle gelten.“

Er wundere sich über die Montagsdemonstranten in Leipzig, die das christliche Abendland gegen den Islam verteidigen wollten. „Die tun so, als wären sie die Vorkämpfer des Grundgesetzes. Aber wenn ich in das Grundgesetz reingucke, finde ich dort, dass jeder glauben kann, was er will, und auch gar nichts glauben muss.“ Es sei eine zivilisatorische Errungenschaft, dass das dem einzelnen selbst überlassen bliebe.

Der Altbundespräsident führte aus, dass in Bundesländern, in denen bis zu ein Viertel der Bewohner ausländische Wurzeln hätten, kaum Probleme mit der Integration bestünden. „Offenkundig spielt es eine große Rolle, ob Menschen, die hierher kommen, Ausbildung und Arbeitsplatz finden, ob sie deutsche Kollegen haben, ob sie sich integrieren können. Und für die Deutschen stellt es offenbar einen Unterschied da, ob sie Ausländer treffen, erleben und sich mit ihnen anfreunden können, also die positive Erfahrung haben ‚Es sind Menschen wie du und ich‘; oder ob sie gar keine Ausländer im Umfeld haben.“

Wulff verstünde, dass Menschen angesichts der Terrorakte muslimischer Fundamentalisten auch Angst hätten, aber: „Nach den Pariser Anschlägen haben wir recht daran getan, dass Christen, Muslime und Juden gemeinsam demonstriert haben.“ Es gäbe viele gemeinsame Überzeugungen von Christen, Muslimen und Juden: „Dass man später einmal Rechenschaft ablegen muss, dass man an einen Gott glaubt, der die Erde und die Menschen erschaffen hat, und dass man die Schöpfung zu bewahren hat – Das sind doch schon eine ganze Menge Gemeinsamkeiten, über die man sich austauschen kann.“

Christian Wulff schloss mit den Worten: „Wir brauchen Signale des Aufeinanderzugehens, des Füreinanderverständnishabens, keine Signale der Ausgrenzung, der Abschottung und der Verängstigung. Ich bleibe bei meiner damaligen Einschätzung, dass man in unserem Land frei ist zu glauben, dass wir weniger Abgrenzung und mehr Integration brauchen. Wenn sich alle einbringen, dann kann Integration gelingen.“

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