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Stormarner Tageblatt

18. August 2017 | 14:55 Uhr

Westerau : Wer hat an der Uhr gedreht ...?

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Maschinenbauingenieur Gerhard Ewers repariert in seiner Werkstatt die historische Turmuhr aus Westerau

„Die historische Turmuhr aus Westerau ist schon ganz schön verschlissen“, sagt Gerhard Ewers. Er hat das Prunkstück in seiner Werkstatt (kl. Foto) – eingerichtet in einem ehemaligen Schweinestall – aufgebaut und bereits mit dem Restaurieren begonnen. Für Laien eine wahre Sisyphos-Arbeit. Für den 71-jährigen, gelernten Maschinenbauingenieur eine wahre Freude. Mit Leidenschaft kümmert er sich seit mehr als 25 Jahren um die Reparatur alter, mechanischer Uhren.

Von der Kirchenuhr über die Standuhr bis zur Taschenuhr: Gerhard Ewers kennt sich aus. „Da ist vom Wissen her kaum ein Unterschied zum Maschinenbau“, sagt er bescheiden. Nur die Teile seien natürlich viel kleiner. Für ihn sind alte Uhren ein faszinierendes Hobby. Von weit her kommen die Kunden und fragen nach Rat. Für nur wenig Geld repariert er das eine oder andere Prunk- und Erbstück. So wie die Westerauer Turmuhr, die wahrscheinlich aus dem Jahre 1870 stammt. Ganz genau weiß Ewers es nicht, denn es gibt keinerlei Unterlagen über Herstellungsort- und Firma. Er vermutet, dass ein kleinerer Uhrmacher-Betrieb die historische Uhr gebaut hat. „Vielleicht weiß doch noch ein alter Trenthorster, wer sie gebaut hat und wie alt sie genau ist“, so Ewers.

In seiner Werkstatt steht alles, was das Uhrmacher-Herz begehrt: Von der voll funktionstüchtigen Drehbank aus den 20er Jahren bis hin zu Bürsten und Fräsen, filigranem Werkzeug und Materialen. Die Westerauer Uhr stammt aus dem Reinfelder Heimatmuseum. Klar, dass der Uhrmacher aus Leidenschaft sie repariert: „Dafür kann ich bis auf Materialkosten natürlich kein Geld nehmen.“ Ein neues, weißes Zifferblatt muss gefertigt werden, die Zahnräder schleift Ewers alle einzeln ab und lackiert sie hinterher, damit sie auch noch viele Jahre glänzen. Viele kleinere Zahnräder in Kegelform bestellt er im Internet nach. Das sei gar nicht so einfach, denn jeder Uhrmacher habe damals seine eigenen Zahnräder und Schrauben verwendet.

Noch ist er bei den Berechnungen, wie die Gewichte sicher angebracht werden können. Sie wiegen immerhin 20 und 30 Kilogramm. Auch die Glocke soll am Ende der Restauration, für die er rund drei bis vier Monate braucht, wieder läuten. Ewers: „Ich schätze, dass ich im Herbst fertig bin. Ich bin nicht in Eile.“ Schließlich fällt zwischendurch ja auch noch die eine oder andere dringende Reparatur an. Schlag- und Gehwerk der Westerauer Turmuhr, die später wieder im Heimatmuseum ausgestellt werden wird, müssen erneuert wer
den. Das Holzpodest, auf dem die Turmuhr befestigt ist, wird selbstverständlich wieder im alten Glanz erstrahlen. Ehrensache für den Heilshooper, der schon als Kind alte Wecker reparierte und vor 25 Jahren ernsthaft mit seinem Hobby begann. „Eine alte Dame vermisste damals in meinem alten Haus das Schlagen einer Standuhr. So begann es für mich“, erinnert sich Ewers.

Er hatte das Glück, von einer Uhrmacher-Witwe eine gesamte Werkstatt zu erwerben. „Damals für ’n Appel und ’n Ei“, so Ewers. In einem separaten Raum – Werkstatt für die Taschenuhren – sammelt er über 10  000 Mineral-Uhrengläser und noch mal so viel filigrane Schrauben und Zeiger. Alle Utensilien sind säuberlich in Schubladen geordnet. Hier hat jedes noch so kleine Werkzeug seinen Platz. „Da kommen immer mal Menschen vorbei, die etwas repariert haben wollen“, sagt er. Und das macht er gern. Inzwischen haben sich sein handwerkliches Geschick und seine herzliche Art längst herumgesprochen. Er reparierte bereits die Zarpener Uhr, als diese plötzlich ausfiel „für eine Tafel Schokolade“ und sanierte die Reinfelder Glockenturmuhr.

Sammeln wolle er die Uhren jedoch nicht. Trotzdem stehen seltene Exemplare in seinem schönen Haus aus dem Jahre 1925 – hier hat er auch alles selbst restauriert. Im Wohnzimmer hängt eine Uhr von einem US-Zerstörer aus dem Jahre 1942. In der Werkstatt stehen ein Spionage-Wecker der Bundeswehr aus den 60er Jahren, eine seltene Uhr mit hydropneumatischem Antrieb aus den 40er Jahren und diverse französische Comptoise-Uhren mit dem berühmten Blechschild. Ein Besuch auf Flohmärkten oder beim Trödler lohne sich immer, schmunzelt Ewers. Deutschlandweit beherrschten nur noch wenige das Reparieren von alten, mechanischen Uhren, in Norddeutschland noch weniger. Wie gut, dass es Gerhard Ewers aus Heilshoop gibt.

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erstellt am 18.Mär.2015 | 12:19 Uhr

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