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Stormarner Tageblatt

23. August 2017 | 23:58 Uhr

Wenn Rente nicht zum Leben reicht

vom

Wanderausstellung im Kreishaus in Itzehoe zeigt Gesichter der Altersarmut / 65 000 Rentner in Schleswig-Holstein betroffen

Kreis Steinburg | Klaus S. war 40 Jahre im Baugewerbe tätig. Jetzt sammelt der 65-Jährige Flaschen. Im Schnitt kommt er auf drei bis vier Euro Pfand pro Tag. Agnes B. war ihr Leben lang Hausfrau und Mutter. Heute lebt sie von 241 Euro im Monat. Ingeborg K. war 50 Jahre zusammen mit ihrem Mann selbstständig. Seit der Scheidung ist die 72-Jährige auf die Tafel angewiesen. Fälle wie diese sind kein Einzelfall. Etwa 65 000 Senioren in Schleswig-Holstein können nicht von ihrer Rente leben. Allein in Itzehoe gibt es 278 Haushalte, die die so genannte Grundsicherung erhalten.

Ihre Schicksale hat die Bonner Künstlerin Cynthia Rühmekopf in Fotos festgehalten. In einer Bilderserie zum Thema "Altersarmut hat viele Gesichter" dokumentiert sie das Leben älterer Menschen, deren Einkommen oft nicht einmal für das Nötigste reicht. Ab sofort ist die Wanderausstellung, die vom Sozialen Bündnis für Schleswig-Holstein initiiert wurde, auch im Foyer des Steinburger Kreishauses in der Viktoriastraße in Itzehoe zu sehen. In 23 schwarz-weiß Portraits werden Momentaufnahmen aus dem Alltag solcher Menschen gezeigt. Die Bilder wirken schlicht und erschreckend authentisch.

Entstanden ist das Projekt begleitend zur Kampagne "Altersarmut bekämpfen - heute die Weichen für morgen stellen." "Wir bauen neue Designer-Outlets und riesige Einkaufszentren, aber die meisten Senioren können sich das nur von Weitem angucken", sagte Elfriede Mölln vom AWO Kreisverband Steinburg, der neben DGB und Sozialverband einer der Bündnis-Mitglieder ist. Steigende Energiepreise, fehlender Wohnraum und immer teurer werdende Lebensmittel seien nur einige der Gründe dafür.

Landrat Torsten Wendt sah noch einen weiteren Grund: "Ein Problem ist auch die Kinderlosigkeit in unserem Land." Jüngere Menschen müssten demnach immer mehr Lasten tragen, um die Renten der älteren Generation zu zahlen. Um auf diese Gefahren hinzuweisen, müsse das Thema deshalb in die Öffentlichkeit getragen werden. "Es ist wichtig mit solchen Ausstellungen aufmerksam zu machen." Und das nicht nur unter Rentnern, sondern in allen Altersklassen. "Die Senioren stecken ja schon voll drin, aber die Jüngeren können noch etwas tun", so Elfriede Mölln.

Als "bedrückend" empfindet Bürgermeister Dr. Andreas Koeppen die Bilder der Ausstellung. In seinen Augen sei Armut im Alter immer noch ein Tabu-Thema, das über Fotos besonders effektiv in die Öffentlichkeit transportiert werden könne. "Diese Bilder dokumentieren eine Welt, in die wir sonst gar keinen Einblick haben."

Besonders häufig von der Altersarmut betroffen seien Frauen. Deren Renten fielen durch Familie, Haushalt oder Minijobs besonders niedrig aus - selbst nach 45 Jahren Arbeit reiche es vorne und hinten nicht. Dass Armut unter Frauen kein deutsches Thema ist, zeigt eine bunte Patchworkdecke: Sie wurde von älteren Migrantinnen aus Glückstadt genäht. Wie viele Frauen wirklich betroffen seien, lasse sich nur schwer ermitteln. Elfriede Mölln nennt den Grund: "Viele schämen sich für ihre Armut und nehmen ihre Leistungen gar nicht erst in Anspruch."

> Zu sehen sind die Bilder bis zum 22. August während der Öffnungszeiten des Kreishauses.

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erstellt am 10.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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