Weiße Erde veränderte das einstige Bauerndorf

 In diesen Beton-Unterständen auf der Bergwiese wurden früher Kreide/Ton-Klüten getrocknet und gepresst.
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In diesen Beton-Unterständen auf der Bergwiese wurden früher Kreide/Ton-Klüten getrocknet und gepresst.

150 Jahre Zementproduktion in Lägerdorf - Bürgermeister Heiner Sülau schaut zurück und blickt in die Zukunft

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11. Oktober 2012, 06:40 Uhr

Lägerdorf | 150 Jahre Zementproduktion haben das Erscheinungsbild Lägerdorfs geprägt. Wo der Boden Mitte des 19. Jahrhunderts noch eben war, entstanden im Laufe der Jahrzehnte tiefe Kreidegruben. Einige sind wieder verschwunden oder liegen brach, wie die Grube Saturn. Die Gruben Schinkel und Heidestraße werden bewirtschaftet. Eine Karte von 1793 aus der Lägerdorfer Chronik zeigt, dass die Gemeinde damals wenig besiedelt war, mehrere der damaligen Straßen bestehen heute noch. Verzeichnet sind in der Karte bereits Steenkamp - heute Steinkamp - und Bergwiese.

Ortschronist Reimer Wentorp schrieb 1976: "In Lägerdorf, der Katenansiedlung zwischen Wald, Moor und Marsch, sollte sich durch die Kreidefunde ein Umwälzungsprozeß von soziologischer und wirtschaftlicher Struktur in Gang setzen, den in diesem Ausmaß und diesem Entwicklungstempo wohl kaum jemand hat erahnen können. Das Bauerndorf, von dem heute noch vereinzelte Überbleibsel vorhanden sind, hat sich gewandelt zu einem bedeutenden Industrieort unter dem ersten Einfluß und Wirken seiner vielen kleinen und größeren Kreidewerke besonders durch den späteren Aufbau seiner Zementfabriken."

Lägerdorfs Bürgermeister Heiner Sülau war über viele Jahrzehnte in der Zementindustrie beschäftigt. Bei einem Rundgang auf historischen Spuren sagt er: "Die Förderung und weitere Behandlung der Kreide ist bei uns im Ort eng mit dem Wort Arbeit verbunden. In vielen Familien ist es Tradition, in diesem Industriezweig ihr Geld zu verdienen." Zwar hätten der technische Fortschritt und Rationalisierungen Arbeitsplätze gekostet, doch es sehe so aus, dass in Lägerdorf noch Jahrzehnte lang in den Kreidevorkommen gearbeitet werden könne. Das sei auch der Grund dafür, dass sich die Holcim Deutschland AG - der aktuelle Nachfolger der Pioniere Fewer und Aspdin - weiterhin Gedanken mache, wie sie die Produktionsprozesse wirtschaftlich gestaltet.

Arbeit in der Kreide - die führt laut Aufzeichnungen auf das Jahr 1737 zurück. Reimer Wentorp: "Die gegrabene Witteer’ (weiße Erde) wurde nach Itzehoe, Krempe, Hamburg und Altona verkauft. Die Einheimischen jedoch verwendeten sie bereits weit früher nach Reinigung von Sand und anderen Bestandteilen als Anstrichmittel für ihre Häuser, getrocknet und gemahlen als Düngekalk oder als Mörtel. Der Verkauf lag damals ausschließlich in den Händen der Breitenburger Gutsherrschaft."

Die stellte 1827 ihre Aktivitäten ein, nachdem sich unter anderem der Kreidefabrikant Eggers in Lägerdorf niedergelassen hatte. Graf Rantzau schrieb damals an den Vogt Ritter über die Zielsetzung: "Um diesen Industriezweig zum Nutzen ihrer Untergehörigen zu heben und den Tagelöhnern daselbst vermehrt Arbeit durch den von mehreren Leuten versuchten und weiter ausgedehnten Betrieb der Fabrikation zu schaffen." Doch es gab Probleme. Chronist Wentorp: "Da die Kreide nur ein bis zwei Meter unter der Erdoberfläche lang, an manchen Stellen noch höher, begannen viele Leute mit dem Graben, um sich durch eigenmächtigen Verkauf einen Nebenverdienst zu verschaffen. Auf Beschwerde der Fabrikanten, die an den Grafen Konzessionsgelder zahlen mussten, deren Geschäft aber während des Raubbaus stockte, wurde 1847 das allgemeine Kreidegraben untersagt, allerdings mit wenig Erfolg, da die gesetzliche Grundlage fehlte. Wie wir in einem Industriebericht Lägerdorfs aus dem Jahre 1842 sehen, gab es zu dieser Zeit in Lägerdorf schon neun Kreidefabriken mit insgesamt 27 Arbeitern und einer Jahresproduktion von 640 000 Pfund." Laut Wentorp produzierten 1837 in sechs Kreidemühlen beziehungsweise Schlämmereien 13 Arbeiter pro Jahr 350 000 Pfund und 1984 dann 27 Arbeiter in einem Betrieb 360 000 Tonnen. Eine gigantische Steigerung.

Gestiegene Produktion bedeutete auch gute Gewerbesteuereinnahmen für den Ort. Lägerdorf konnte ein eigenes Rathaus und einen hauptamtlichen Bürgermeister unterhalten. 1956 wurde das Freibad gebaut. Heiner Sülau stellt auch die Begeisterung des früheren Generaldirektors der Breitenburger Portland-Cement-Fabrik, Friedrich Wilhelm Sicks, für den Fußballsport heraus: "Mitarbeiter, die in seinem Werk beschäftigt waren, bekamen dienstags und donnerstags nachmittags für das Training frei. Wenn Punktspielbetrieb am Sonntag war und sie hätten arbeiten müssen, bekamen sie ebenfalls frei und zudem noch bezahlt. Für Auswärtsfahrten stellte das Werk für Fanbegleitung ein bis zwei Busse zur Verfügung, die vom Betriebsrat organisiert wurden."

Die Steuerreform 2002 der rot-grünen Regierung Schröder/Fischer hatte auch für Lägerdorf finanzpolitisch fatale Folgen. Sülau: "Sie hat dazu geführt, dass die Alsen AG beziehungsweise die Holcim Deutschland AG leider kaum noch Steuern zahlten - und das ganz legal. Wir konnten uns die hauptamtliche Stelle nicht mehr leisten und schlossen uns verwaltungsmäßig dem Amt Breitenburg an."

Ihrer Verantwortung für Lägerdorf hätten sich die Konzerne aber nicht verweigert. Heiner Sülau: "2002 wurde mit der Alsen AG ein Dorfentwicklungsplan aufgestellt, weil das Dorf durch die großen Gruben westlich und östlich des Ortskerns beeinträchtigt ist." Ziel ist, die innerörtliche Entwicklung gemeinsam zu gestalten. Dazu gehört die Bebauung des Kampgeländes und der Bergwiese. Entstehen sollen dort Einfamilien- und Doppelhäuser, teilweise barrierefrei.

Im Anschluss an den Dorfentwicklungsplan sei ein Kooperationsplan aufgestellt worden, der die Unterstützung des Dorfes durch das Werk regele. Heiner Sülau: "Daraus erwachsen ist unter anderem der Wendehammer um die Monarcheneiche’. Die Aufstellung einer Aussichtsplattform an der Grube Heidestraße ist in Planung."

Viele erinnern sich an das Bild des Ortes in den 1960er Jahren: Graue Dächer und Straßen, graue Blätter an den Bäumen, ganz Lägerdorf wie von einer Mehlschicht bedeckt. "Schuld an dem Anblick waren die Immissionen", erklärt Heiner Sülau. Ab 1966 verlor Lägerdorf durch verbesserte Filtertechnik sein weiß-graues Gesicht. "Heute arbeitet nur noch der Ofen 11. Die Messgeräte zeigen, dass null Staub aus den Schornsteinen kommt." Als Bürgermeister und Einwohner des Ortes sei er sehr daran interessiert, dass Holcim auch die Schwermetallemissionen weiter senkt: "Ich hoffe, dass es schon bald die Filter gibt, die die bei dem Verbrennungsprozess anfallenden Schadstoffe minimieren können."

Den Planungen des Werkes, an der Autobahn einen Windpark zu errichten und die Grube Schinkel für ein Pumpspeicherkraftwerk zu nutzen, steht er positiv gegenüber. "Aus beiden Projekten verspreche ich mir zusätzliche Arbeitsplätze - auch für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Denn eines ist sicher: Gerade das Pumpspeicherkraftwerk wird Besucher - auch von weit her - anziehen." Und: "Ein Betrieb, der seine eigene Energieversorgung organisiert, steht besser da als andere, die von den unkalkulierbaren Märkten abhängig sind."

Auf dem Spaziergang durch Lägerdorf weist der Bürgermeister auf Gebäude hin, die eng mit der Geschichte der Zementproduktion verbunden sind: So die von den Industriellen errichteten Arbeiterhäuser in der Norderstraße, der Bockskoppel und im Steinkamp; die Rentnerwohnheime der Alsen’schen Portland-Cement-Fabriken sowie die der Breitenburger Portland-Cement-Fabrik in der Stiftstraße. Beide sind seit rund 30 Jahren in privater Hand.

Noch heute gibt es das zwischen Kamp-Gelände und Bergwiese in der Breitenburger Straße gelegene ehemalige Haus von Kapitän Hermann Sengstacke, der am 15. November 1862 an Gustav Ludwig Alsen 29,75 Hektar Kreideland verkaufte. Alsen beantragte in Kopenhagen eine "Königliche Conzession für die Betreibung einer Cement- und Kalkfabrik" in Lägerdorf, orientierte sich aber bereits im Folgejahr geschäftlich nach Itzehoe um.

Erhalten ist westlich der Landesstraße 116 und gegenüber den Straßen I. und II. Moorwiese ein früheres Produktionsstättengebäude der "Englischen Fabrik", heute privat bewohnt. Die Trasse der einst von Lägerdorf über Münsterdorf nach Itzehoe fahrenden "Kreidebahn" ist entlang der Bockskoppel ebenso noch gegenwärtig, wie der Breitenburger Schifffahrtskanal, über den einst Frachter Güter für die Zementindustrie nach Lägerdorf brachten und den Ort mit Kreide und Zement verließen. Heute dient der Kanal, wie vor der Erweiterung zur Wasserstraße bis Lägerdorf, wieder ausschließlich der Entwässerung weiter Landflächen. Als "Moorkanal" hat er für Spaziergänger, Paddler und Angler hohen Freizeitwert.

Im hinteren Bereich der Bergwiese stehen auf Privatgelände Unterstände aus Beton. "Hier, auf ehemaligem Alsen-Grund", so erklärt Heiner Sülau, "trocknete das Werk früher Kreide/Ton-Rohmaterial und presste Ziegel für die automatischen Schachtöfen auf dem Kamp."

Eine Sehenswürdigkeit, zum Jubiläum errichtet, steht östlich der Rethwischer Straße, in der II. Moorwiese. wo Edward Fewer und William Aspdin 1862 den ersten Zementbrennofen aufstellten. Mitarbeiter der Holcim Deutschland AG - es waren Meister Axel Schnell mit seinen Kollegen der Schicht 5 - bildeten im Zuge der Vorbereitungen auf das Jubiläumsfest ihrer Firma, diesen Zementbrennofen im Maßstab 1:2 nach. Sie stellten die Nachbildung des seinerzeit 15 Meter hohen Schachtofens auf das kurz zuvor wiederentdeckte Originalfundament.

Ein markantes Zeugnis vergangener Zeit ist in der Dorfstraße der Alsenhof, heute Alt&Wert. 1933/1934 wurden die Backsteingebäude errichtet. Hier stand 1862 ein Bauernhaus, in dem Edward Fewer und sein Maschinenmeister "Mick" wohnten. Chronist Reimer Wentorp: "Seine (Anm.: Fewers) Mutter, unterstützt von der Nichte Miss Julia Theresa Nugent, die von der Bevölkerung das englische Fräulein’ genannt wurde, führten den Haushalt. Fewer starb schon 1872. 1889 hat Julia Theresa Nugent auch noch nach ihrer Heirat mit Heinrich Wessel dort gelebt. Man nannte das Gebäude damals den "Wesselhof". Die zugehörige Landwirtschaft wurde von einem Verwalter bewirtschaftet. Der alte Hof wurde etwa 1910 von Alsen gekauft und landwirtschaftlich weiter betrieben. Es war dann der alte Alsenhof. 1933 wurden die Gebäude des Alsen hofes abgerissen, ebenso die auf dem Grundstück liegende Arbeiterkaserne und das Alsen’sche Gesellschaftshaus. Innerhalb eines Jahres entstand an dieser Stelle der heutige Gebäudekomplex des landwirtschaftlichen Betriebes der Firma Alsen, der aufgrund der hervorragenden Ausstattung und Einrichtung zum landwirtschaftlichen Musterbetrieb erklärt wurde." Die bewirtschaftete Fläche betrug rund 320 Hektar. Nach 1950 wurde der Hof mehrfach verpachtet. Der letzte Pächter war Fritz Jessin, der bis 1982 aktiv war.

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