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Stormarner Tageblatt

22. Oktober 2017 | 09:20 Uhr

  Weihnachten im Schützengraben

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

    Bewegender Feldbrief an Wilhelm Spiering: Geschrieben vor genau 100 Jahren / „Schwer ist mir der Gang geworden“

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2016 | 13:20 Uhr

Es ist Weihnachten und heute Heiligabend. Start der Festtage zur Geburt Jesu Christi. Die Menschen gehen in die Kirche, feiern im Kreise ihrer Lieben und erfreuen sich an ihren Gaben. Gottlob – es sind Friedenszeiten! Am heutigen Tag vor genau 100 Jahren sah das ganz anders aus – schlimm, schrecklich: Es war Krieg, der 1. Weltkrieg, und nichts mehr wie es war. Daran erinnern historische Unterlagen: Feldpost und Fotos. Die hat uns Hildegard Unverhau (geb. Wolgast) – gute Seele und Hobby-Historikerin aus Fischbek – nach Absprache mit ihrer Familie zur Verfügung gestellt.

Im Nachlass ihrer Mutter Erna Wolgast, geborene Spiering, hatte Hildegard Unverhau den Brief – in Anlage, in Kopie – gefunden. Dieser Brief an Erna Wolgasts Vater Wilhelm Spiering geschrieben, ist am heutigen Heiligabend genau 100 Jahre alt. Ein Zeitdokument aus einer anderen Welt, einer Welt des Schreckens – voller Tod, Trauer, Tränen, das wir Ihnen, liebe Leser, nicht vorenthalten wollen. Ein Zeitdokument, das uns Demut lehrt oder lehren sollte. In diesem Sinne schöne Weihnachten!

    *****
Lieber Onkel!
Heute am Heiligen Abend konnte ich dir endlich deinen Wunsch erfüllen. Nachmittags gegen 5 Uhr war ich in Romagne und habe unseren lieben Hans besucht. Ein Kamerad ging mit mir dahin. Ich liege jetzt nicht weit davon und habe es mir zur ersten Aufgabe gemacht, Hans Grab aufzusuchen. Wie schön, dass ich gerade am Heiligen Abend dorthin gehen konnte.  Schwer ist mir der Gang geworden. Aber für mich und besonders für Euch doch ein Trost, dass ich Euch den Wunsch erfüllen konnte. Es ist ein großer Friedhof mit einer sehr schönen Kapelle, s. anl. Karte. Es ruhen dort bereits über 2000 deutsche Krieger, Offz. Und Mannschaften, alles durcheinander. Der Friedhof ist sehr schön angelegt. Ich habe mit dem Friedhofswärter gesprochen. Hans ist ohne Sarg beerdigt. Für die Überführung hat es keinen Einfluss. Im Gegenteil, soll es noch besser sein. Ach, Hans musste so früh sein junges Leben fürs Vaterland dahingeben. Er starb als Held!

 Welch traurige Weihnachten! Gestern erhielt ich von Mutter die traurige Nachricht, dass auch unser lieber Johannes tot ist. Zwei Tage vorher erhielt ich eine Karte zurück mit dem Vermerke „den Heldentod gestorben“. Es ging mir durch Mark und Bein. Doch dachte ich, dass es wohl ein Versehen sei. Doch nun kam die Bestätigung von Mutter. Wenn doch dieses Ringen bald ein Ende hätte!

  Unsäglich hart sind die beiden Schläge für uns. Fürchterliche Lücken reißt dieser Krieg. Welche Freude war es

doch damals für uns, als Johannes und ich uns in Thiaucourt, in Feindesland, treffen konnten. Schwer wurde mir der Abschied von Johannes, als wir uns auf der Chaussee Xammes-Beney Lebewohl sagten. Johannes Stimme bebte bei diesen Worten. Er neigte sich noch einmal vom Pferde zu mir herab und drückte mir noch einmal recht kräftig die Hand, dann ritt er fort. Ich sah ihn noch, bis er im Dorfe noch einmal winkend verschwand. Dort sah ich ihn das letzte Mal.

  Schwer, schwer trifft mich diese Nachricht. Vielleicht wird seine Leiche in die Heimat überführt werden. Wie sind doch Gottes Wege so wunderbar. Wir in unserem Schmerze können es nicht fassen. Die Zeit wird diese Wunde heilen. Gott möge uns Kraft geben, diesen Schmerz zu überwinden.

 Heute, am heiligen Abend, sitzen wir hier zu 4 Mann in einer Wellblechbude und schreiben oder lesen. Ein Weihnachtsbaum fehlt. Ganz allein liegen wir hier im Walde. Keine Weihnachtsglocken tönen hier. Die umliegenden Ortschaften sind zerschossen. Die Geschütze donnern. Das ist Weihnachten 1916.  Gebe Gott, dass wir bald den langersehnten Frieden hätten!

 Für heute erst genug. In den nächsten Tagen gehe ich wieder hinüber nach Romagne. Es liegt etwa 5/4 Stunden von hier. Wenn Du einen besonderen Wunsch hast, so

schreibe mir bitte sofort. Denn ich weiß nicht, wie lange ich noch hier liege. Die Aufnahme von dem Grab schicke ich später.


>Der Schreiber des Briefes ist aus Frankreich zurückgekehrt und 1950 in Hamburg verstorben.


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