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Stormarner Tageblatt

20. Oktober 2017 | 05:55 Uhr

Wegen Spielschulden zum Schleuser geworden

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

43-Jähriger zeigt sich vor Gericht reumütig und erhält Bewährungsstrafe sowie 2500 Euro Geldbuße

Karim B. (Name geändert) hatte Spielschulden. Deshalb kam ihm das Angebot eines Bekannten gerade recht, drei Ägypter aus Italien nach Deutschland zu schleusen. „Ich bin mit meinem Golf zum Mailänder Hauptbahnhof gefahren, habe sie dort abgeholt und in Hamburg-Rahlstedt abgeliefert“, sagt er vor dem Schöffengericht in Ahrensburg. Dort muss er sich wegen gewerbsmäßiger Schleusung von Ausländern verantworten. Mit ihm steht auch sein Bekannter vor den Richtern, der ihn angeworben hat.

Im Mai 2014 erhielt der 43-Jährige aus der Nähe von Bad Oldesloe dafür 1900 Euro für Fahrtkosten und als Lohn. Das war leicht verdientes Geld für den damals Arbeitslosen, und deshalb blieb es nicht bei einem Fall. Schon beim zweiten Mal scheiterte die Schleusung von vier Syrern am österreichischen Grenzübergang Kiefersfelden. B. verbrachte dort eine Nacht im Gefängnis und außer einem Vorschuss von 600 Euro gab’s kein Geld dafür.

Sein Mittelsmann versprach ihm den restlichen „Lohn“ und weitere 2350 Euro, wenn er eine dritte Fuhre übernähme. So fuhr er am 5. August 2014 erneut nach Mailand und holte vier Personen ab. Diesmal scheiterte die Schleusung an der deutsch-österreichischen Grenze und es gab wieder kein Geld.

„Ich wurde gefragt, ob ich Verwandte fahren kann“, sagt B. Wegen seiner Spielsucht habe er 6000 Euro Schulden gehabt, die er begleichen wollte. Bei einem vierten Mal habe er ein solches Angebot abgelehnt. Inzwischen hat er eine feste Arbeit als Pflegehelfer und ein Kind mit seiner Lebensgefährtin. „Wir wollen heiraten und eine gemeinsame Wohnung beziehen“, sagt der tunesische Staatsbürger.

Er spiele auch nicht mehr und habe seine Schulden zum größten Teil abgetragen. „Ich möchte nicht, dass mein Kind ohne mich aufwächst“, sagt er, „ich habe eine feste Arbeit und eine Wohnung.“ Er sei glücklich und zufrieden, jetzt habe er große Angst, seinen Aufenthaltstitel zu verlieren. Dass eine Ausweisung möglich ist, habe er anfangs nicht bedacht. Das wäre in diesem Fall eine Ermessungsentscheidung der Ausländerbehörde. Zwingend wäre die Ausweisung bei einer Verurteilung zu einer Haftstrafe ohne Bewährung. „Eine Heirat könnte ihren Status verändern“, gibt der Vorsitzende Richter Ulf Thiele B. einen Tipp.

Das Gericht folgt dem Antrag des Verteidigers Patric von Minden, das Verfahren gegen den nicht vorbestraften Mitangeklagten wird eingestellt. Der 46-Jährige muss eine Geldbuße von 600 Euro bezahlen. Er hatte die Kontakte hergestellt. Die Geschleusten stammten alle aus seinem Heimatdorf in Ägypten. Und er regelte die Bezahlung für den geheimnisvollen Mittelsmann, das Geld kam ebenfalls aus Ägypten. „Das war ein Fehler, ich wusste dass es illegal war“, entschuldigt er sich. Er selbst habe keinen Cent damit verdient. „Er war kein Strippenzieher“, stellt der Richter fest.

Gegen einen solchen Drahtzieher werde getrennt ermittelt, sagt ein Beamter der Bundespolizei aus. Die hatte den Schleuserring observiert und Telefongespräche überwacht. Wegen kleinerer Delikte wurde B. bereits mehrfach zu Geldstrafen verurteilt, die allerdings länger zurückliegen.

Der Staatsanwalt fordert acht Monate Bewährungsstrafe und fünf Jahre Bewährungsfrist für B. und 2000 Euro Geldbuße. Verteidigerin Sophia Lamp lobt das Augenmaß der Staatsanwaltschaft. „Der Angeklagte wollte sich nicht bereichern, sondern menschlich handeln.“ Eine Abschiebung würde alles vernichten, was sich B. inzwischen aufgebaut habe. „Ich habe daraus gelernt“, sagt B. in seinem Schlusswort.

Das Gericht entscheidet auf acht Monate Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Außerdem muss er 2500 Euro Geldbuße in Raten zahlen und die Verfahrenskosten tragen. Zu seinen Gunsten wird die umfassende Aussagebereitschaft gewertet. Entscheidend sei aber, dass B. sich Geldvorteile verschaffen wollte, so der Richter: „Dafür muss es ein deutliches Urteil geben.“


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