zur Navigation springen
Stormarner Tageblatt

18. August 2017 | 07:23 Uhr

Bad Oldesloe : Wege aus der Schuldenfalle

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Den Beratungsstellen der Awo und der Sönke-Nissen-Park-Stiftung gehen die Klienten nicht aus

1986 wurde die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt Stormarn gestartet. Das auf zwei Jahre angelegte Pilotprojekt wurde nicht nur fristlos verlängert, sondern auch ausgebaut. Seit 30 Jahren es die Beratungsstelle in Bad Oldesloe, seit 20 Jahren auch die Anlaufstelle der Sönke-Nissen-Park-Stiftung für den Südkreis.

460 Anfragen kamen im vergangenen Jahr bei Ute Lehmann und Kolleginnen in Bad Oldesloe an, 115 Fälle wurden angenommen. Die Zahlen lagen schon mal höher, bewegen sich seit mehr als zehn Jahren aber auf ähnlichem Niveau. In Reinbek waren es 262 Kurzberatungen und 133 neue Fälle. Damit gab es 774 langfristige Vorgänge, von denen 148 abgeschlossen werden konnten.

Das ist entweder die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens oder die Endphase des sechsjährigen Entschuldungsprozesses. Die Gläubiger gucken dabei fast immer in die Röhre. Wenn überhaupt bekommen sie nur einen kleinen Teil ihres Geldes zurück. Die 115 neuen Kandidaten bei der Awo hatten insgesamt Schulden in Höhe von 4,1 Millionen Euro bei 1294 Gläubigern, meist Einzelhandel und Handwerker, Banken, Telefonanbieter und Behörden.

Aus gerechnet an letzteren scheitert oft eine Einigung im Vorfeld. „Öffentliche Gläubiger sind sehr zäh in den Verhandlungen“, sagt Ute Lehmann. Häufig sind es zu viel gezahlte Leistungen von Arbeitsamt oder Jobcenter. „Es handelt sich um Steuergelder. Da kann der Sachbearbeiter nicht einfach entscheiden, das zu erlassen. Wenn jemand seit zehn Jahren nicht gearbeitet hat, kann man auch nicht einfach mal annehmen, dass er nun eine Stelle findet und Geld zurückzahlt“, sagt Dr. Edith
Ulferts, Leiterin des Kreissozialamts.

Krankheit, Sucht, eine gescheiterte Selbständigkeit, sowie Trennung, Bürgschaft und Arbeitslosigkeit bringen Menschen in die Schuldenfalle. Als häufigste Ursachen konstatieren die Berater allerdings eine unwirtschaftliche Haushaltsführung: Die Menschen geben regelmäßig mehr Geld aus als sie einnehmen oder kalkulieren zu großzügig. Dann können unerwartete Reparaturen oder Nachzahlungen für Strom und Gas der Einstieg in die Schuldenspirale sein. Da jeder versucht ist, erst mal allein mit der Situation fertig zu werden, folgt der schambehaftete Weg zur Beratungsstelle meist erst, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.

Dass trotz der medialen Präsenz und der Fernsehformate die Hemmschwelle nach so vielen Jahren noch so hoch ist, wundert nicht nur Ute Lehmann, die von Anfang an dabei ist. Immerhin zeigt eine 2016 erstmals gemachte Befragung, dass die Klienten mit der Beratung zufrieden sind.

Die Kundschaft dürfte ihnen ohnehin nicht ausgehen. „Junge Leute wissen nicht, was ihre Eltern für Lebensmittel , Miete und Strom ausgeben. Für sie ist alles selbstverständlich“, sagt Monique Hoening aus Reinbek. Die Präventionsveranstaltungen der Beratungsstellen kämen zwar gut an bei den Jugendlichen, mit 30 Terminen im Jahr werde aber nur ein kleiner Teil erreicht.

Mehr Beratungen aufgrund Altersarmut gebe es auch bereits. Das werde in den nächsten Jahren ebenso zunehmen wie die Beratung von Flüchtlingen. Und in zehn Jahren werden jene eine Beratungsstelle aufsuchen müssen, die bei den jetzigen Minizinsen ein überteuerte Immobilie gekauft haben und bei denen der Kredit ausläuft.

zur Startseite

von
erstellt am 01.Feb.2017 | 13:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen