Wasserturm lebt in Erinnerung weiter

Jetzt nur noch auf alten  Ansichtskarten: der Wasserturm.
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Jetzt nur noch auf alten Ansichtskarten: der Wasserturm.

Die Lägerdorfer Johann Friedrichs und Wilhelm Dittmann sind überzeugt: Abriss des massiven Gebäudes wäre nicht nötig gewesen

shz.de von
30. Juli 2011, 08:19 Uhr

Lägerdorf | Nach dem Abriss eines der höchsten Bauwerke von Lägerdorf erinnern an den Wasserturm nur noch Ansichtskarten. Dabei hätte das massive Gebäude durchaus erhalten werden können. Davon jedenfalls ist Johann Friederichs überzeugt. "Das war für unsere Gemeinde ein Wahrzeichen", trauert der frühere Leiter des Zementwerks einem vertrauten Anblick nach. Der zuletzt herrenlose Wasserturm war in den vergangenen Wochen auf Betreiben des Kreises abgebrochen worden. Begründung: Das Gebäude stelle für seine Umgebung ein Sicherheitsrisiko dar, die jährlichen Unterhaltungskosten seien zu hoch. Knapp 100 000 Euro kostet der Abbruch. Wegen der beengten Lage musste der Bau zum Teil per Hand abgetragen werden. Johann Friederichs hält das für eine unnötige Ausgabe. "Der Turm hätte auch in 100 Jahren noch gestanden." Allein mit den Zinsen aus den Abbruchkosten hätte man den Bau erhalten können. Friederichs schwärmt von der zeitlosen Schlichtheit des Turms, der Generationen von Schülern als Aussichtsplattform für den Heimatkundeunterricht gedient habe. Für Johann Friederichs ist aber nicht nur ein das Ortsbild mit prägendes Bauwerk, sondern auch ein wichtiges Stück Ortsgeschichte für immer verschwunden, das auch eng mit dem Zementwerk verbunden war. Weil die Gruben immer tiefer wurden, kamen die Lägerdorfer in den 30 Jahren nämlich mit ihrer Wasserversorgung in immer größere Not. Die eigenen Hausbrunnen reichten schließlich nicht mehr aus. Das Unternehmen Alsen musste Geld für einen Wasserturm zur Verfügung stellen. In Richtung Dägeling wurde ein Pumphaus errichtet. Es steht noch heute und wird als Jagdhütte genutzt.

Einer, der die Geschichte des Wasserturms in allen Facetten hautnah miterlebt hat, ist Wilhelm Dittmann. Der inzwischen 87 Jahre alte Klempnermeister erinnert sich noch gut daran, wie er als junger Handwerker dort selbst Reparaturen am Dach vorgenommen hatte. Moderne Sicherheitsvorkehrungen waren seinerzeit allerdings ein Fremdwort. "Für den Fall, dass man runterfiel, hatten wir uns einen Tampen ums Bein gebunden", schmunzelt er. Wäre er abgerutscht, hätte er kopfüber am Wasserturm gebaumelt. Bestimmt dreimal habe er innerhalb seiner Berufsjahre den Wasserbehälter im Inneren des Ziegelbauwerks entrostet und neu gestrichen. Am liebsten hätte er den Turm sogar noch selbst gekauft - nur um ihn zu erhalten. "Man hätte dort ein Museum für örtliche Industriegeschichte einrichten können." In Nordrhein-Westfalen habe er solche Türme gesehen, die zur optimalen Nutzung außen mit einem Fahrstuhl versehen worden seien. Weil Dittmann, der sich in seiner Heimatgemeinde sehr engagiert, aber bereits mit der Wiederherstellung des "Deutschen Hauses" befasst sei, habe er den "Turm nicht auch noch kaufen können".

So ist auch ein Stück Kriegs- und Nachkriegsgeschichte verschwunden. Dittmann weiß zu berichten, dass in den 40er Jahren auch die Nachbargemeinde Rethwisch an die Lägerdorfer Wasserversorgung angeschlossen werden sollte. "Das ganze Material dafür lag schon bereit." Dann sei Hamburg im Bombenhagel untergegangen, und die Baustoffe wurden in der Hansestadt dringender gebraucht. Nach dem Krieg, so fügt Dittmann hinzu, hätten unterschiedliche politische Ausrichtungen zwischen dem traditionell "roten Lägerdorf und den CDU-Bauern im Nachbarort" eine gemeinsame Wasserversorgung verhindert. Später sei dann das Wasserwerk in Horstmühle gebaut worden, und der Wasserturm wurde überflüssig. Pikanterie am Rande: Der Turm sei seinerzeit auf dem Terrain eines örtlichen Politikers errichtet worden. Dabei, so ist Dittmann überzeugt, wäre ein erhöhter Standort im Raum Münsterdorf viel sinnvoller gewesen. "Dann hätte man sogar Dägeling noch mit anschließen können."

Wie Friederich ist auch Wilhelm Dittmann davon überzeugt, dass der Turm mit wenig Aufwand hätte erhalten werden können. "Den haben sie jetzt kaputt gekriegt, dann kriegen sie den Rest auch noch weg", verschwindet für ihn nach und nach die Lägerdorfer Identität. Dem will Johann Friederichs nur beipflichten. Er verweist auf die massiven Einschränkungen auf der Absturzgefährdeten Landesstraße 116. Die Schuld dafür gibt er rückblickend früheren Gutachtern. Das Zementwerk habe seinerzeit die Grube an der Landesstraße mit einer Spundwand absichern wollen. Laut Expertenmeinung von damals sei das aber nicht erforderlich gewesen. Friederichs befürchtet, dass auch das "rote Rathaus" im Ortszentrum bald das Schicksal des Turmes teilen könnte. Ende vergangenen Jahres wurde die dort untergebrachte Polizeistation geschlossen, weil Beamte über gesundheitliche Probleme klagten. In dem Gebäude hat sich Hausschwamm eingenistet. Laut Bürgermeister Heiner Sülau soll in Kürze ein Architektengutachten über den Umfang der erforderlichen Sanierungsarbeiten vorliegen. Davon werde letztlich abhängen, ob wenigstens das Rathaus noch eine Zukunft hat. Die Geschichte der Wasserversorgung jedenfalls lebt schon jetzt nur noch in Überlieferungen und Erinnerungen weiter - oder in Anekdoten, die Wilhelm Dittmann nur allzu gerne präsentiert: "Am Deutschen Haus konnten sich die Lägerdorfer früher aus einem 50 Meter tiefen Brunnen mit Wasser versorgen. Da gab es zwei Schilder: Einritt frei, Austritt zehn Pfennig." Der 87-Jährige schmunzelt: "Dafür bekam man dann allerdings auch einen Lütt un Lütt."

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