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Wahnsinn Wacken: Sieben Stunden bis zum Höhepunkt

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Sie wissen ganz genau, auf welchen Wahnsinn sie sich da einlassen. "Ab jetzt wird fast nichts mehr getrunken, nur noch ab und zu etwas Wasser in Mini-Schlücken, damit wir nicht umkippen", sagt Jessica Schmitz Ochoa völlig gelassen. "Ansonsten drückt die Blase, wir müssen aufs Klo und verlieren unseren Platz hier." Es ist Donnerstagnachmittag, kurz nach 15 Uhr. Die 15-jährige Schülerin aus Aachen steht mit sieben Freunden direkt vor der True Metal Stage in der dritten Reihe beim Wacken Open Air. Dort will die Gruppe bis Mitternacht ausharren, um den Auftritt von Rammstein aus nächster Nähe beobachten zu können. Um dies zu erreichen, gehen sie ein hohes Risiko ein: Am Himmel lassen sich nur vereinzelte Wolken blicken, die Sonne brennt gnadenlos. Von Schatten ist keine Spur, die Temperatur liegt daher deutlich über 30 Grad. Kühlender Wind ist ebenso Fehlanzeige. Die meisten Menschen, die bei so einem Wetter nicht arbeiten müssen, liegen jetzt am Strand, sonnen sich zu Hause im eigenen Garten oder kühlen sich im Schwimmbad ab. Wieso also muten sich Jessica Schmitz Ochoa und ihre Freunde dennoch diese Strapazen zu? "Ich habe Rammstein einmal live erlebt. Die ziehen eine dermaßen geile Bühnenshow ab, die muss man von ganz nah miterleben", erklärt die 17-jährige Irene Ackermann. "Das Konzert wird der absolute Höhepunkt des Festivals", ergänzt Pascal Bosbach, der zum siebten Mal bei dem Festival dabei ist.

Vier Stunden später: Trotz der Hitze ist die Laune bei der Gruppe nach wie vor prächtig. Sie machen Späße, lachen zusammen und gröhlen mit bei den Konzerten von Skyline, Annihilator, Thunder und Deep Purple, die vor Rammstein auf der Nachbarbühne spielen. Die Freunde werden langsam ungeduldig. Ständig wandert der Blick nun auf die Uhr. "Wie spät ist es?", will Irene Ackermann wissen. "19.09 Uhr. Sie rollt kurz die Augen, stöhnt einmal auf. "Na gut, immerhin haben wir schon mehr als die Hälfte rum." Und noch gibt es keine Anzeichen für drohende Kreislaufprobleme bei den Freunden. Kein Wunder, schließlich achtet jeder von ihnen sorgsam auf den anderen - und auch auf die in ihrer direkten Umgebung stehenden Festival-Besucher, die sie nicht kennen. Auch dem Reporter bieten sie regelmäßig etwas von ihrem Wasser an, teilen ihre Laugenbrezel mit ihm und erkunden sich nach seinem Wohlergehen.

Um 21 Uhr passiert es dann doch: Pascal Bosbach beklagt sich über Hunger und Durst, Jessica Schmitz Ochoa hat vom langen Warten Rücken- und Fußschmerzen. Doch sie beißen auf die Zähne. "Jetzt dauert es ja nur noch etwas mehr als eine Stunde bis Rammstein auftritt", sagt Pascal Bosbach mit einem freudigen Lächeln. Doch ihm ist deutlich anzusehen, dass die Hitze langsam ihren Tribut fordert. Die nassgeschwitzten Haare kleben ihm an der Stirn fest, sein Gesicht ist gerötet. Ein Blick ins Publikum zeigt: Etlichen anderen Fans geht es genauso.

"Peng! Peng! Peng!" Auf der Bühne explodieren die ersten Feuerwerkskörper mit lautem Knall - das Konzert beginnt. Jessica Schmitz Ochoa, Pascal Bosbach und die anderen reißen schlagartig ihre Arme in die Höhe und schreien, was ihre Kehlen hergeben. Auf einen Schlag sind alle Schmerzen und Strapazen der sieben Stunden Wartezeit vergessen. Doch der Moment währt nicht lange. Schon beim ersten Lied nimmt das Gedränge und Geschubse in den ersten Reihen immer mehr zu. Fanatische Fans drängen weiter und weiter nach vorn. Dicht an dicht gedrängt stehen die Besucher in den ersten Reihen, es bleibt kein Zentimeter Bewegungsfreiheit. Der imposante Rammstein-Auftritt mit ihren extravaganten Kostümen, viel Pyrotechnik und Feuer lässt einige Fans immer mehr ausflippen. Sie schubsen, schieben und drücken zunehmend rabiater, fast sekündlich kommt es zu Beinahe-Stürzen mit womöglich verhängnisvollem Ausgang. In der Luft liegt ein penetranter Schweiß-Geruch.

Obwohl das Konzert unter freiem Himmel stattfindet, wird der Sauerstoff auf Augenhöhe immer knapper. Nach einer Viertelstunde geben mehrere Fans auf und lassen sich von anderen Besuchern über die Köpfe der anderen aus dem Publikum tragen. Dazu gehören auch Pascal Bosbach, der vor dem Rammstein-Auftritt noch den friedlichen Charakter des WOA betont hat. Die Panik steht ihm bei seiner Herausnahme ins Gesicht geschrieben. Gleiches gilt für eine 16-jährige Schülerin aus der Nähe von Karlsruhe. Zusammengekauert, am ganzen Körper zitternd und mit blauunterlaufenem Gesicht hockt sie direkt nebem dem Konzertgelände und wird von drei Freunden betreut. "Seit ich zehn Jahre alt bin, liebe ich Rammstein und bin der weltweit größte Fan", stammelt sie. "Ganz sicher stellen wir uns aber nicht noch einmal so weit nach vorn", sagt einer ihrer Begleiter. Spätestens jetzt wissen auch sie, auf welchen Wahnsinn sie sich da eingelassen haben.

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erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

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