Vorsicht – zerbrechlich!

Nach 180 Arbeitsstunden hat Eva-Maria Ziegler die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen.
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Nach 180 Arbeitsstunden hat Eva-Maria Ziegler die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen.

Glaskunst damals und heute / Bleifenster für St. Jacobi-Kirche strahlt in neuem Glanz / Ein Stück eigene Historie für die Expertin

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26. November 2019, 13:15 Uhr

lübeck | Die Zeiger der Turmuhr von St. Jakobi sind zurück, das sieht jeder. Weniger auffällig, aber mindestens so spektakulär: Das bleiverglaste Fenster glänzt restauriert über dem Westportal: Sit dem Advent kann die alte Seefahrerkirche St. Jakobi zwei ihrer Besonderheiten wieder vorzeigen. Was nicht zu sehen ist, ist die Geschichte zum Fenster, die einmal mehr zeigt, dass in Lübeck alles mit allem zusammenhängt.

Eva-Maria Ziegler steht am Westportal und strahlt. Das Fenster über ihr, in dem grünes und weißes Glas und nun wieder silbriges Blei blitzt, stand wochenlang in ihrem Restaurierungsbüro, das sie neu in der Glockengießerstraße aufgeschlagen hat – und das um einiges größer ist, als ihr früheres. „Zum Glück“, sagt sie lachend. Andernfalls wäre es eng geworden, denn das Konstrukt aus Glas, Blei und dickem Eichenholz brauchte nicht nur mit seinen 2,50 Meter Breite und 1,95 Meter Höhe einigen Platz. Auch die Arbeit an ihm war mit Rücksicht auf das geborgene, zerbrechliche Gut raumgreifend. Vor allem aber war sie berührend. Denn die Restauratorin ist dabei auf Hinweise auf den Glaskünstlers Johann Jacob Achelius (1794-1870) gestoßen, der auch ihren eigenen Werdegang beeinflusst hat – und der als hochgeschätzter Lübecker samt Ehefrau vom Maler Adolph Kindermann in einer Biedermeierszene festgehalten wurde, die das Behnhaus-Drägerhaus in Obhut hat.

Gewusst hat Eva-Maria Ziegler das nicht, als drei kräftige Männer das Fensterkonstrukt mittels Haltegurten in ihr Atelier schleppten. Die Restaurierung des Fensters war eine Art „Nebenprodukt“, das bei der Sanierung des sandsteinernen Maßwerks angefallen war. Nötig war sie allemal. Wie die Schraube, die im Februar den Zeiger der Jakobi-Turmuhr auf der Nordseite nicht mehr halten konnte, so litt das Blei unter Materialermüdung und bot, brüchig wie es war, den Glasscheiben keinen verlässlichen Halt mehr. Risse und auch einige Fehlstellen waren die Folge. In Lübeck ist Eva-Maria Ziegler Expertin für solche Fälle. „Ihre“ restaurierten Fester sind in der ganzen Stadt zu sehen: Im Heiligengeisthospital, im Dom, im Kreuzgang des St. Annen-Museums, in der Synagoge, im Johanneum, in der St.-Lorenzkirche und – „meine Lieblingsfenster“ – im Theater, wo sie im Zuge der Generalsanierung 39 Jugendstilfenster unter ihren Fittichen hatte.

Die Erkenntnis, mit dem Jakobi-Fenster eine Arbeit aus der Achelius-Werkstatt vor sich zu haben, ist das Ergebnis von detektivischen Kombinationen. Scheibchen für Scheibchen löste die Restauratorin das vielfach zu floralen Ornamenten zusammengefügte Glas aus dem müden Blei, befreite es von alten Kitt-Bröckeln, reinigte es. Und plötzlich war sie da: Die Jahreszahl 1864, mehrfach festgehalten auf grünem Glas neben Stifter-Namen. „1864? Da gab es hier nur einen, der so was konnte“, so die Restauratorin. „Das war eben Johann Jacob Achelius, der zu diesem Zeitpunkt 70 war und die renommierteste Glasmalerei in Lübeck führte.“

Ein weiteres Indiz zeigte sich im Namen „Starcky“, der als einer der Fester-Stifter ebenfalls auf den grünen Glasscheiben verewigt war. Starcky ist der Geburtsname von Achelius’ Ehefrau Sarah Catharina. „Gut vorstellbar, dass der Schwiegersohn der vermögenden Familie seiner Frau eine Finanzspritze
nahegelegt hat“, sagt Eva-Maria Ziegler schmunzelnd.

Große Überredungskunst hat es vermutlich gar nicht gebraucht. Stiftungen, Spenden und Schenkungen waren auch im 19. Jahrhundert im Lübecker Gemeinwesen verwurzelt. Johann Jacob Achelius, selbst vermögend durch Heirat und geschäftlichen Erfolg, war Mitglied der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit („Die Gemeinnützige“) und in der Zeit, in der das Jakobifenster entstand, dort auch in der Vorsteherschaft. Man schätzte den versierten Glasmaler hoch. Achelius war ein Weggefährte des Malers, Konservators und Restaurators Carl Julius Milde, mit dem ihn eine erquickliche Zusammenarbeit verband. Bedeutendste Projekt der beiden: Das vom preußischen Kronprinzenpaar Friedrich und Victoria in Auftrag gegebene, 22 Meter hohe große Westfenster des
Kölner Doms.

In und um Lübeck arbeiteten beide zusammen an der Restaurierung der beim Abbruch der Burgkirche geretteten Glasfenster, die in die Marienkirche eingebaut waren (sie wurden beim Luftangriff 1942 jedoch zerstört), an den Wappenfenstern in der Jakobikirche, den Fenstern der Maria-Magdalenen-Kirche in Berkenthin und der Nikolaikirche Plön. Es ist also eine Arbeit vom Besten seiner Zeit, die Eva-Maria Ziegler 155 Jahre später in ihrem Atelier geputzt, geklebt und – wo nötig – ergänzt hat. Letzteres ließ sich an einigen wenigen Stellen nicht vermeiden, wo die originalen Scheibchen aus mundgeblasenem Glas verlorengegangen waren. Grundsätzlich jedoch arbeitet die Restauratorin nach dem Motto „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“.

Es ist aber auch eine Begegnung mit einem Stück eigener Historie gewesen. Denn zur Belegschaft Achelius’ gehörte der Geselle Carl Martin Berkentien – an den übergab der Meister kurz vor seinem Tod die Werkstatt, die die Familie Berkentien bis weit ins 20. Jahrhundert führte – und in der Eva-Maria Ziegler als Glas- und Porzellanmalerin in ihren Beruf startete. „Von 1981 bis 1986 habe ich in den Glaswerkstätten Berkentien Lehrlinge ausgebildet, und da hing von Achelius ein Porträt auf Glas gemalt mit Stammbaum als Bleiverglasung“, erzählt sie.

„In Lübeck schließen sich die Kreise immer wieder“, sagt die Restauratorin und blickt fröhlich zum Glasensemble über dem Jakobi-Westportal hinauf.

Viele andere Kunden hat sie in den vergangenen Wochen vertrösten müssen. Das Fenster verlangte Konzentration und Zeit: Bummelig 180 Arbeitsstunden stecken in ihm. Das Blei ist ausgewechselt und mit Zinn verlötet, frischer Falzkitt verarbeitet und in der Farbe des Eichenholzes gestrichen. „Restauro Eva M. Ziegler 2019“ ist auf einer weißen Glasscheibe, die sie erneuern musste, zu lesen – „nichts für die Ewigkeit“, sagt sie, „das ist nur gemalt und nicht gebrannt“. Aber vielleicht ist das für einen künftigen Restaurator einmal ein ebenso wertvoller Hinweis, wie das „1864“ und die Stifternamen auf den Achelius-Gläsern.

Übrigens: Dass Stifter geehrt werden, indem ihre Namen auf den mit ihrer Hilfe beförderten Arbeiten angebracht werden, ist eine Tradition, die auch auf den Zeigern der frisch restaurierten Jakobi-Uhr gepflegt wurde.

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