Von Schotterpisten und absoluter Stille

Allein auf weiter Flur:  Strecke durch die Taiga.
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Allein auf weiter Flur: Strecke durch die Taiga.

Oldesloer Ehepaar auf Wohnmobil-Rundreise durch Nordamerika / ; "Hinterland" liefert der Provinz Québec ihren Reichtum

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24. Juli 2013, 03:59 Uhr

Gabriele und Wolf Leichsenring aus Bad Oldesloe sind mit einem Wohnmobil monatelang in Nordamerika unterwegs und berichten aus der Ferne. Abenteuer, Erlebnisse und Impressionen - heute Folge 3, Teil 1.

Wir beschreiben routenmäßig auf unserer Fahrt noch einmal ein "U", nämlich vom Norden kommend hinunter an den Sankt-Lorenz-Strom und später dann etwas weiter westlich wieder hinauf in den Norden an die Hudson-Bay. Doch eins nach dem anderen.

Zunächst gilt: In drei Tagen ist Sommer. Nein, wir reden nicht über eine Wettervorhersage. Aber wir erinnern uns: Am Ende des vorherigen Artikels befanden wir uns noch weit nördlich, in Labrador, wo wir doch eher einen Spätwinter denn einen Frühsommer erlebten. Für einen "richtigen" Sommer müssen wir also nunmehr erst einmal 550 km südlich fahren bis nach Baie-Comeau an den Sankt-Lorenz-Strom, immer auf der Route 389. Um es vorweg zu nehmen: Als wir "unten" ankamen, herrschten mit gut 20 Grad tatsächlich sommerliche Temperaturen.

Die Route 389 hat

so ihre Eigenarten

Gleich hinter Labrador-City beginnt die Provinz Québec mit der Bergbaustadt Fermont. Aber auch Provinzgrenzen haben ihre Eigenheiten. Wir staunten nicht schlecht, als für den "Grenzübertritt" mögliche Kontrollen angekündigt wurden, z.B. ob Alkohol sowie "andere verbotene Dinge" wie Rauschgift und offene Waffen mitgeführt werden. Für Nichtkanadier können auch schon mal Personalausweis oder Pass verlangt werden. Zum Glück blieb es bei den Ankündigungen.

Wieso aber drei Tage, um bei einer relativ kurzen Entfernung in südlichere, wärmere Gefilde zu gelangen? Nun, die Route 389 hat so ihre Eigenarten. Von den 550 sind etwa 200 km reine Schotterstraße, wie der TransLabradorHighway (TLHwy). Das bremst "Schnellfahrer" schon einmal aus. Die übrige Strecke ist zwar geteert, aber nur rund 100 km sind relativ "störungsfrei" befahrbar. Der Rest ist in einem so miserablen Zustand, dass es auch nicht schneller als auf der Schotterpiste vorangeht.

Diese Route 389 dient darüber hinaus mangels Alternativen als Hauptverkehrsader in den Norden, vom Verladehafen Baie-Comeau zu den immensen Tagebauminen in Fermont und Labrador City. Damit nicht genug, insgesamt fünf Wasserkraftwerke (Manic Nr. 1 bis Nr. 5) müssen zusätzlich mittels dieser Route beliefert werden. Somit wälzt sich der gesamte Schwerlastverkehr über diese schmale Straße. Ein Sattelzug (Acht- bis Zehnachser) folgt dem anderen, gen Norden vollbeladen mit schwerem Gerät, gen Süden in der Regel leer. Man trifft auf kaum einen Lkw, der nicht mit Überbreite fährt. Ausgesprochen pikant sind dabei diejenigen Gefährte, die Fertighäuser transportieren. Da bleibt dann für den Gegenverkehr kaum noch Platz. In der Regel fahren diese Brummis auch nicht allein, sondern im Zweier- bis Viererpack. Hin und wieder werden sie von einem Begleitfahrzeug eskortiert. Nach dem 50. Haustransport haben wir aufgehört zu zählen.

Alles hat seine Grenze, sogar der Stress

Eher locker sieht man Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die erlebten "Elefantenrennen" erinnern doch stark an das stressgeplagte Fahrverhalten auf europäischen Autobahnen. Hinweisschilder mahnen zwar zur Ruhe. Aber ob es etwas nützt? So sahen wir z.B. das Schild: "Une Limitation à Tout! Même au Stress! / Alles hat eine Grenze, sogar der Stress!"

Es stockt einem schon der Atem, wenn sich die Lkw auf dieser bergigen, von Kuppen und Kurven übersäten Straße rücksichtslos überholen. Denn eigentlich konnten alle Verkehrsteilnehmer das Gleiche sehen wie wir, oftmals nämlich nichts. Auf der Schotterstraße waren wir alle unweigerlich in eine dicke Staubwolke gehüllt, egal ob bei Gegen- oder Überholverkehr. Steigungen und Gefälle betrugen vielfach zwischen 10 und 20 Prozent. Man fühlte sich auf einer Berg- und Talbahn. Einen Vorteil hatten diese Staubmassen aber doch. Von den Hügelkuppen aus waren die entgegenkommenden Lkw schon von weitem hervorragend ausmachen, sozusagen als "Rauchzeichen der Moderne".

Eine Besonderheit stellen die zahlreichen, einspurigen Brücken auf dieser Fernstraße dar. In der Regel sind sie aus Holz, viele nur ausgerüstet mit zwei aus Balken gezimmerten Fahrspuren, genagelt auf ein hölzernes Quergerüst. Beim Anblick solcher Flussquerungen bekommt man schon Bedenken, ob sie neben einem Fußgänger ein noch mitgeführtes Fahrrad tragen können. Wir haben uns gefragt, wie sich Truck-Überbreite und ausgewiesene vier Meter Brückenbreite miteinander vertragen. Eine ausgefeilte Technik löste den Widerspruch.

Fast alle Sattelzüge sind mit Hubbühnen ausgestattet. Die Fracht wird also um ca. 50 cm über die niedrigen Geländer geliftet, die Zugmaschine hat an jeder Seite dann noch gut zwei Zentimeter Platz, und schon geht es im Zeitlupentempo hinüber. Die Holzkonstruktionen ächzen und stöhnen zwar an allen Ecken und Kanten, aber noch soll nichts passiert sein. Dieses Procedere verlangt von den Fahrern sicherlich höchstes Können und kostet viel Geduld, denn es dauert mitunter doch schon mal eine Stunde, bis sich so ein Brückenstau aufgelöst hat. Die verlorene Zeit kann ja aber danach durch zügiges Fahren wieder eingeholt werden.

Wie auch auf dem TLHwy gibt es keine Telefonnetzabdeckung. Zur Sicherheit wurden in Abständen von etwa 50 km Nottelefone eingerichtet und zwei "Relais", sprich Tankstellen mit Motelbetrieb. Die Monopolsituation dieser Tankmöglichkeiten spiegelte sich in den Preisen wider: Am Relais zahlten wir C$1,86 pro Liter Diesel, der "Normalpreis" hingegen lag üblicherweise zwischen C$1,29 bis C$1,33.

Preiswerter wenn auch nicht unbedingt angenehmer war es da für den Radfahrer, den wir auf dieser Route trafen. Ausgerüstet mit Zelt im Fahrradanhänger quälte er sich über diese Piste. Vorgenommen hatte er sich einen Rundkurs von gut 3000 km, auch über den gesamten TLHWy. Aber so recht angetan von seinem Projekt war er nach den ersten 500 km nicht mehr. Unzählige Widrigkeiten ließen doch keine wirkliche Freude aufkommen.

Versetzen wir uns nun übergangslos von Baie-Comeau gut 700 km westlich nach Val-dOr und starten dort eine neue "Nordische Runde", sozusagen entlang des zweiten Schenkels des "U". Wer mehr über die Zwischendistanz wissen möchte, dem empfehlen wir unser Buch "Atlantik - Pazifik - Atlantik" über unsere vorherige Amerikareise. Darin wird dieser Streckenabschnitt ausführlich beschrieben.

Tausende von Seen

und Flüssen

Und weil es so schön war ...

... machen wir uns noch einmal - ein letztes Mal - auf in den Norden, nämlich an die Hudson-Bay. Diese Gegend ab Val dOr nordwärts heißt ganz offiziell "Hinterland" der Provinz Québec. Der Landstrich ist schnell beschrieben: Absolute, immerwährende Stille in der Tundra, Taiga, soweit das Auge reicht, die Gerüche des nordischen Waldes und nachts ein kristallklarer Blick auf den überwölbenden Sternenhimmel.

Die Region ist übersät mit Tausenden von Seen und Flüssen sowie endlosen Wäldern. Dieses "Hinterland" liefert der Provinz Québec aber auch ihren Reichtum. Drei Säulen stehen dafür bereit: die Forstwirtschaft, der Bergbau (Gold, Silber, Kupfer, Zink) und die Energiewirtschaft mit ihren zehn Wasserkraftwerken.

Abenteurer und

Ureinwohner

Politisch nennt sich das Gebiet "Baie-James", touristisch wird es verkauft als "Der wahre Norden Québecs". Die 30 000 Einwohner, davon 16 000 Crees als First Nation sind auf 350 000 qkm² verteilt, also auf ein Gebiet fast so groß wie Deutschland. Bevor zu Beginn des 17. Jahrhunderts die "europäischen Abenteurer" sich in dieser Region niederließen, herrschten hier uneingeschränkt die Ureinwohner, nämlich jene "Crees". Auf der Suche nach einem Wasserweg nach Asien entdeckte Sir Henry Hudson als erster diese riesige Meeresbucht, die heute seinen Namen trägt. Ihre südliche "Blinddarmbucht" und die ganze Gegend wird benannt nach seinem Kartographen, Thomas James, der 1631 eine erste "Lagekarte" veröffentlichte und mit ihr mehr oder minder bewies, dass diese Route wohl nicht die richtige in den Orient sein könnte.

Egal wie, der Pelzhandel gelangte in Eintracht mit den Ureinwohnern zu schneller Blüte. Dieses Verdienst um die friedvolle Handelsentwicklung schreibt man nicht zuletzt auch der rasch gegründeten "Hudson-Bay-Compagnie" zu. Erschlossen wird die Nordregion durch hauptsächlich drei Straßen mit einer Länge von insgesamt 1700 Kilometern: Die Route Baie-James (109), die Route du Nord und die Route Transtaiga. Nur ein Drittel davon ist geteert, der Rest Schotterstraße ....

Die Fortsetzung folgt in einer

unserer nächsten Ausgaben

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