Travenbrück : Von Neuseeland nach Neverstaven

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„Narropera“ aus der Erdbeben-Not geboren: Die erzählte Oper im Miniformat läuft Anfang September.

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21. August 2018, 15:53 Uhr

Zwischen Neuseeland und Neverstaven liegen fast 20 000 Kilometer. Das Kultur von dort auf das Gut in der Gemeinde Travenbrück kommt, hat eine – wenig erfreuliche – Vorgeschichte. In den Jahren 2010 bis 2012 wurde die Stadt Christchurch Opfer schwerer Erdbeben mit etwa 10 000 Nachbeben. Weil in dieser Zeit die Theater länger geschlossen waren, erfand Haydn Rawstron die erzählten Oper im Kleinen.

Er nannte sie „Narropera“ vom italienischen Wort für erzählen: narrare. Sein Konzept war für eine Übergangszeit gedacht, kam aber so gut an, dass sich Narropera in Neuseeland durchsetzte und auch nach Europa kam. Als Mozarts „Così fan tutte“ als Narropera im Bonner Beethoven-Haus aufgeführt wurde, gehörte auch Gutsherrin Leonie von Watzdorf zu den Gästen, die zufällig auf der Durchreise in Bonn war. Rawstron kannte den Vater von Leonie, Dietrich von Watzdorf, von früher, weil der beim Bayrischen Rundfunk gearbeitet hatte.

Leonie von Watzdorf, die ihr Gut zu einem Ort für kulturelle Begegnungen machen möchte, verpflichtete Haydn Rawstron für Neverstaven. Es könnte und soll möglichst der Auftakt für eine zukünftige Neverstavener Narropera-Woche sein.

Narropera ist dabei keine Oper in Minimalbesetzung, sondern will die Geschichte vom Librettisten und die Musik des Komponisten ebenbürtig präsentieren. „Ich habe in mehr als 2500 Opernvorstellungen gesehen, wie das Publikum reagiert. In den Gesichtern ist kein Verständnis dafür zu entdecken, worum es in der Geschichte geht“, sagt Rawstron. Die Leute nähmen die Stimme nur wie ein Instrument wahr. Er möchte dem Publikum wieder einen unmittelbaren Zugang zum Inhalt eröffnen und nennt Narropera deshalb auch „Märchenstunde für Erwachsene.“

Die Vorstellung dauert etwa 80 Minuten, je zur Hälfte Geschichten und Musik. Die Erzählung wird in zehn kurze Kapitel aufgeteilt, von denen jedes zu einer Arie oder zu einem als Arie umkomponierten Ensemble führt, so dass sich Musik und Erzählung gegenseitig bereichern. Während der Intermezzi zitiert Rawstron die kunstvollen Texte aus der Mozartoper. „Das ist eine Wunderkiste voll Poesie und Psychologie“, sagt er, „ich habe Leute getroffen, die ein Stück unzählige Mal in Covent Garden gesehen haben, und nach der Narropera zu mir sagten, dass sie es endlich verstanden hätten.“

Er hat Musikwissenschaft in Oxford studiert und ging dann als Wagner-Fan erstmal nach Bayreuth. Am Staatstheater in Oldenburg war er Regieassistent. „Ich wollte ein Bild davon gewinnen, was hinter der Bühne passiert.“ 1977 gründete er in London eine Künstleragentur, die er mehr als 30 Jahre leitete. „Ich bin damals wahnsinnig viel gereist. Als Agent war ich fast jeden Tag in einem anderen Opernhaus oder einer anderen Stadt“, erinnert sich Rawstron, der stets auf der Suche nach neuen Gesangstalenten war. Zu den Auserwählten gehörten der Isländer Kristinn Sigmundsson, der Stuttgarter Rainer Trost, der Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt, Sopranistin Anne Schwanewilms oder der in Schleswig geborene Tenor Heinz Kruse.

2009 verlieh ihm Königin Elizabeth die Mitgliedschaft im „New Zealand Order of Merit“, die französische Regierung ernannte ihn 2014 zum „Chevalier de l’Ordre des Arts et Lettres“. Seit 2013 widmet er sich vor allem der Narropera. Und seiner Frau, der Sopranstin Dorothee Jansen, die den Gesangspart übernimmt.

Die 46-Jährige ist in Bonn aufgewachsen und hat in Köln und Freiburg studiert. Sie war Mitglied im Opernstudio und gehörte später zum Ensemble der Oper Köln. Dort hatte der Intendant die beiden Ende der 1990er Jahre einander vorgestellt. Seit fast 20 Jahren ist die Sopranistin weltweit als Opern- und Konzertsängerin aktiv. Zu den Höhepunkten ihrer Karriere gehören Engagements bei den Bayreuther Festspielen, Produktionen an der Mailänder Scala, am Theater in Bologna, an der Bayrischen Staatsoper, in Genf und in Paris. In der Wigmore Hall in London gab sie Schubertabende. An der Narropera schätzt Dorothee Jansen die freie Vortragsweise. „In der Oper als Institution ist man mehr eine Marionette und kann nicht alle seine Talente zeigen“, sagt sie.

In Neverstaven treten sie und Rawstron am Klavier mit der Violinistin Floriane Peycelon auf. Die Französin, die am am Konservatorium in Lyon studierte, lebt in England, wo sie an der University of Kent als Geigenpädagogin unterrichtet. Zudem spielt sie in Ensembles in Süd-England sowie im Narropera-Trio. Im Salon des Herrenhauses wird die „Oper aller Opern“, Mozarts „Don Giovanni“, nach dem Libretto „Der bestrafte Wüstling“ von Lorenzo Da Ponte lebendig. Es ist die Geschichte eines Verführers, der aber die bürgerliche Moral über Bord geworfen hat und selbst vor Mord nicht zurückschreckt.

>Die Aufführung am 1. September ist bereits ausverkauft, aber es gibt einen Zusatztermin am Sonntag, 2. September, um 11 Uhr. Die Tickets kosten 25 Euro, für Schüler, Studenten 12.50 Euro. Enthalten ist eine kleine Verköstigung im Anschluss an die Narropera im Kaminzimmer. Im Vorverkauf sind Karten in der Oldesloer Buchhandlung Willfang erhältlich, Telefon: (04531) 2676.


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