Bad Oldesloe : Vom Zeitungsboten zum Millionär

Ernst Kruetgen  war Leiter des Postamts von Chicago.
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Ernst Kruetgen war Leiter des Postamts von Chicago.

Der Oldesloer Ehrenbürger Ernst Kruetgen war eigentlich Amerikaner und hatte ein sehr bewegtes Leben.

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13. März 2018, 06:00 Uhr

Als der neue evangelische Friedhof an der Hamburger Straße im Jahr 1881 eingeweiht wurde, erwies er sich bereits 40 Jahre später als zu klein. Deshalb wurden 1921 noch fünf Hektar Fläche - der so genannte Hellgrund - als Erweiterung dazu gekauft. Die Gestaltung erwies sich als nicht gerade einfach, denn das Land ist dort leicht hügelig. Man entschied sich damals für vier gerade Achsen, die den Hellgrund durchschnitten und in deren Mitte und an der höchsten Stelle heute das sieben Meter hohe Granitkreuz steht. Dr. Sabine Feder, seit einem Jahr zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Friedhofs, fiel zufällig auf, dass der Stifter des Kreuzes, Ernst Kruetgen, nicht nur Ehrenbürger der Stadt Bad Oldesloe ist, sondern am 18. März auch 150. Geburtstag gefeiert hätte. Nun ist Ernst Kruetgen ein eher unbekannter Ehrenbürger, der sich aber für seine Heimatstadt vor allem finanziell sehr verdient gemacht hat. Seine Lebensgeschichte ist aufregend und liest sich fast wie das Drehbuch für einen Film.

Ernst Krütgen wurde am 18. März 1868 in Oldesloe als Sohn von Ernst Krütgen und Dorothea Satz-Krütgen geboren. Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte er in seiner Heimatstadt, dann wanderte die in dürftigen Verhältnissen lebende Familie 1880 nach Amerika aus und ließ sich in Chicago ließ sie sich nieder. Der Beginn in der neuen Heimat war allerdings sehr hart. Zusammen mit seiner Mutter musste der eben schulentlassene Junge als Zeitungsausträger zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Hierdurch kam er mit der Presse und dem Zeitungswesen in Berührung und wurde im Alter von 16 Jahren Lehrling bei der Orcutt Lithographing Co. Drei Jahre später erhielt er eine Stelle als Zeichner und schon bald erregte der begabte junge Mann in Lithographiekreisen Aufmerksamkeit und kam so zur Firma Gugler in Milwaukee, die damals als erste Institution des Landes galt. 1891 heiratete Ernest J. Kruetgen, wie er sich fortan nannte, seine erste, ebenfalls aus Deutschland stammende Frau, die 1916 verstarb. Auch der einzige Sohn verstarb früh.

1902 gründete Kruetgen in Chicago sein eigenes Unternehmen, eine lithographische Anstalt, die beständig wuchs. Außerdem erwarb er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Schon vor dem ersten Weltkrieg war er in Chicagoer Wirtschaftskreisen und im öffentlichen Leben eine sehr geachtete und hochgeschätzte Persönlichkeit. 1914 wurde er zum Schulrat berufen und wirkte erfolgreich für das Wohlfahrtswesen seiner Heimatstadt, in der er bald ein eigenes Pressebüro eröffnete. Außerdem war er führendes Mitglied der Handels- und Wirtschaftskommission des Staates Illinois. Die steile Karriere des Oldesloer Jungen erreichte seinen Höhepunkt, als er 1933 von Präsident Roosevelt höchstpersönlich zum Postmeister der Millionenstadt Chicago ernannt wurde. Damit leitete Kruetgen das seinerzeit größte und modernste Postamt der Welt.

Seine besondere Liebe galt dem deutschen Liedgut und so gründete er unter anderem den Deutschen Gesangverein in Chicago, dessen Präsident er 17 Jahre lang war. Darüber hinaus war er Präsident der deutschen Gruppe der Weltausstellung von 1933 und des Ausschusses für deutsche Angelegenheiten. Außerdem war er Mitglied in vielen prominenten deutsch-amerikanischen Gesellschaften und Vereinen. Wegen seiner großen Verdienste wählte ihn die Akademie für Kunst und Wissenschaft in Chicago auf Lebenszeit zu ihrem Mitglied. Er war nicht nur ein großer Bewunderer der Musik, sondern auch Kunstkenner mit einer wertvollen Gemäldesammlung. 1924 heiratete der inzwischen recht vermögende Kruetgen seine zweite Frau Anna Louise, eine Sopranistin und Pianistin. Zeitlebens galt sein besonderes Engagement der Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen und dem Einsatz für die Interessen der Deutschen in Amerika.

Seine Geburtsstadt Oldesloe hat Kruetgen nie vergessen und in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg überwies er wiederholt Spendengelder, zum Beispiel für das Kindervogelschießen, das er in jungen Jahren sehr geliebt hat „Als Kind spielte Ernst Kruetgen im Spielmannzug der Stadtschule, das hat ihn wohl sehr geprägt“, erzählt Dr. Sabine Feder, die sich inzwischen viel mit der Biographie von Kruetgen beschäftigt hat. Sie gestaltete auch die neue Infotafel, die seit kurzem neben dem Kreuz aufgestellt wurde. Über einen Anwalt stellte er 1922 einen Antrag auf Ehrenbürgerschaft beim Oldesloer Magistrat, was sich zunächst eher schwierig gestaltete. Schließlich verlangte die Stadt Bad Oldesloe als „Gegenleistung“ eine finanzielle Beteiligung am Bau des Krankenhauses. 1931 wurde ihm dann die „erkaufte“ Ehrenbürgerschaft verliehen, die zweite nach Georg Axt. Zusammen mit seiner Frau besuchte Ernst Kruetgen hin und wieder Deutschland und seine Heimatstadt. So hatte er bestimmt auch Gelegenheit, das von ihm gestiftete Kreuz aus schwedischem Granitstein auf dem Friedhof zu besuchen. 1930 wurde das 230 Zentner schwere Hochkreuz, das vom Oldesloer Steinmetzmeister Hans Lehmkuhl gefertigt wurde, eingeweiht. In seiner Nähe haben die mehr als 700 Todesopfer des Bombenangriffs von 24. April 1945 ihre letzte Ruhestätte gefunden. Errichtet hat es der der 1942 im Krieg gefallen ist. Eine schlichte Tafel vermeldet den Namen des Stifters: „Ernst Kruetgen Chicago 1929“.

Am 10. Juli 1948 - also vor fast 70 Jahren - verstarb Ernst Kruetgen in seiner neuen Heimat und wurde in Chicago begraben. Doch das große Kreuz auf dem Friedhof wird immer an den berühmten Ehrenbürger erinnern, der in seiner Heimatstadt so viel Gutes getan hat.











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