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Paul von Schoenaich : Vom Schwertgläubigen zum Friedenskämpfer

vom
Aus der Redaktion des Stormarner Tageblatt

Am 16. Februar vor 150 Jahren wurde Paul von Schoenaich geboren. Er starb 1954 in Reinfeld. Eine Analyse von Schriftsteller Wolfgang Beutin.

1930 dringt der Hamburger Publizist Wilhelm Stapel in seiner Zeitschrift „Deutsches Volkstum“ darauf, eine „nationale Regierung der Zukunft“ möge nach ihrem Machtantritt vier bekannte Personen erschießen lassen: Albert Einstein, Theodor Lessing, Kurt Hiller und den Freiherrn von Schoenaich.

Weshalb diese vier, was verband sie? Sie hatten sich als Pazifisten hervorgetan, schreibend oder organisatorisch. Die Behörden der Weimarer Republik sahen keinen Anlass, gegen Stapels Äußerung strafrechtlich einzuschreiten. Dem NS-Regime gelang es nur in einem Falle, der Aufforderung zu folgen: Theodor Lessing wurde durch einen Auftragsmörder im Exil getötet.

Schoenaich hatte sich in seiner zweiten Lebenshälfte den Hass der Rechten, und von Offiziersbünden zugezogen. Als Generalmajor war er ein hochrangiger Ex-Offizier der Kaiserzeit, der nach dem Umsturz von 1918 die Republik nach Kräften unterstützte, vor allem die Friedensbewegung. Er selber verglich seinen weltanschaulichen Weg mit dem des Apostels Paulus und betitelte seine Autobiografie 1926: „Mein Damaskus“ konstatierte seine prinzipielle Umkehr.

Er wurde in Klein-Tromnau in Westpreußen geboren. Der volle Name der Familie lautete Freiherr von Hoverbeck genannt von Schoenaich. Paul von Schoenaich gibt an, sein „halber Namensvetter“ sei der Prinz zu Schoenaich-Carolath, mit Spottnamen „der Rote Prinz“, weil im Reichstag bei den Nationalliberalen. Ein anderer „halber Vetter“ war Emil Prinz zu Schoenaich-Carolath (1852-1908) mit Sitz auf Schloss Haseldorf, seinerzeit ein bekannter Lyriker und Novellist.


Ein ehrgeiziger Mann


Paul gestand seinen eigenen Ehrgeiz in einer kleinen Selbstbiografie, die er als 20-jähriger Unterleutnant auf der Marineschule in Kiel abfasste. Er schrieb: „Jedenfalls musste ich ein großer Mann werden. Dies ist mein Leitmotiv geblieben, gleichgültig ob Dichter, Philosoph, Feldherr oder Staatsmann“. Im Vorwort seines Buchs „Mein Damaskus“ nennt er sich ein „lebendes Beispiel der deutschen Entwicklung“, was er zwar mit all seinen Altersgenossen gemeinsam habe. Jedoch: „Was mich von ihnen unterscheidet, ist, dass ich einer der sehr wenigen bin, die sich von ihrem bisher beschrittenen Wege radikal abgewendet haben.“

Das waren nicht weniger als 37 Jahre Militärdienst gewesen. Beim Wandsbeker Husarenregiment kommen Paul und sein Bruder Andreas in Beziehung zu Hamburg, wo sie ihre Ehefrauen finden, Paul Stephanie Brödermann.


Bei Kaiser und Zar


Nach der Ausbildung in Kiel, Seekadettenreise und Kommandierung auf das modernste Panzerschiff „Oldenburg“ entschließt sich Paul, eine Laufbahn als Kavallerieoffizier anzustreben. 1887 Aufnahme in das zweite Gardedragoner-Regiment. 1892 nimmt er an dem „großen deutsch-österreichischen Distanzritt Berlin-Wien“ teil, und trifft den österreichischen Kaiser Franz Joseph.

Im selben Jahr bezieht er mit seiner Frau in Berlin eine Villa. Freie Nachmittagsstunden benutzt er, um die Universität zu besuchen. Seine „Lieblingswissenschaft“ wird die Volkswirtschaftslehre, er hört bei Vertretern der Bodenreformbewegung und bildet sich selber zum „Bodenreformer“ aus.

1902 schreibt er auf Befehl seines Kommandeurs die Geschichte des zweiten Gardedragoner-Regiments. Dessen Chef ist die Zarin. Auch der Zar wird in der Regimentsliste geführt. Daher schickt Kaiser Wilhelm Schoenaich zur Überreichung des Buchs nach Petersburg, wo er von dem Zarenpaar sehr freundlich empfangen wird.


Bruch mit den Kaiser


1907: Als Major Versetzung ins Kriegsministerium. In der neuen Charge muss er häufig den Kaiser aufsuchen, für dessen Person er sich „vielfach ganz begeistert“. Später wird er zu denen gehören, „die in blindem Optimismus bis fast zum Schluss an einen siegreichen Ausgang des Krieges geglaubt haben“. Seine Verehrung für Wilhelm II. zerbricht, als dieser nach dem 9. November ins Exil in die Niederlande übertritt.

Im Januar 1913 übernimmt Schoenaich das Husarenregiment 15 in Wandsbek. So kommt er erstmals in engeren Kontakt mit dem Landkreis Stormarn. Chef ist die Königin Wilhelmina der Niederlande, bei der er sich alsbald vorstellt. Bei Beginn des Weltkriegs befiehlt ihm das Militärkabinett die Übernahme des Dragonerregiments 14 in Colmar. Nach einem Jahr im Felde, zuletzt an der Ostfront, holt ihn das Ministerium als Chef der Kavallerie-Abteilung zurück.

Die Novemberrevolution 1918 ist in seiner Sicht „nur ein sang- und klangloses Abtreten der alten Gewalten“. Schoenaich verbleibt im Ministerium, wird seit März 1919 an die Spitze mehrerer Kavallerieeinheiten gestellt. Später im selben Jahr erfährt er bei einer Besprechung mit General von Lüttwitz von dessen konterrevolutionären Plänen. Er widersetzt sich. Vier Wochen später veranlasst Lüttwitz – im März 1920 Miturheber des Kapp-Putsches – Schoenaichs Entlassung aus der Reichswehr.


Umzug nach Reinfeld


Die Berliner Tierärztliche Hochschule ernennt ihn zum Dr. med. vet. ehrenhalber. Er entschließt sich, seine Tätigkeit „auf den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb zu verlegen“. In – wie er betont – „schöner Gegend Holsteins“ erwirbt er 1919 einen 20 Morgen großen Landsitz in Reinfeld. Jetzt hätte eine beruhigte Phase seines Daseins folgen können, es wird aber der unruhigste Abschnitt in Schoenaichs Leben.

Im Dezember 1918 war er der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) beigetreten, einer neu gegründeten Vereinigung liberaler Kräfte. Sie entspricht zunächst seiner Vorstellung, „Richtlinie der Wiederaufbau-Politik“ müsse die „demokratische Republik unter Beibehalt der Privatwirtschaft“ sein.

Schnell wird er in Ämter gewählt: In den Reichsparteiausschuss, in den Landesvorstand, in den Kreistag Stormarn, wird Vorsitzender des Kreisverbands und der Ortsgruppe. War all dies vielleicht noch hinnehmbar, so in den Augen allzu vieler nicht mehr seine Hinwendung zum Pazifismus. Im Jahr 1930 fasste er sein politisches Glaubensbekenntnis in Stichwörtern zusammen: „Pazifismus, Bodenreform, Abrüstung und Sozialpolitik“.

1922 wurde er Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, 1929 deren Präsident. Er bekennt 1926, man könne „in Zeiten so gewaltiger Weltumwälzungen sehr wohl etwas als überlebt erkennen, was man bis dahin für notwendig und gut gehalten hat“. Im „alten schwertgläubigen Preußentume“ befangen war er 1913, dem Jahr der Feiern zum Andenken an die „Befreiungskriege“ (1813), „felsenfest von der Notwendigkeit, Nützlichkeit und Unvermeidlichkeit der Kriege im allgemeinen überzeugt“. Er teilte damals noch die Einstellung der Politiker und Generäle, „die uns während des Krieges nicht rechtzeitig Frieden machen ließen, weil sie immer noch allein an das Schwert glaubten“.


Verbrecher oder Narr


Es geschah im Namen des Vaterlands. Schoenaich aber konterte nun: „Seit ich aber weiß, wie viel selbstsüchtiger Schwindel sich hinter dem Wort Vaterland versteckt, da spreche ich es mit aller Deutlichkeit aus, dass der, der den Krieg kennt, und dann noch leichtfertig mit dem Gedanken des Krieges spielt, womöglich von Frische, Fröhlichkeit und Ritterlichkeit faselt, ein Verbrecher ist oder ein Narr.“

Seine Tätigkeit für die Friedensbewegung, seine Vorträge, Bücher und zahlreichen Artikel bringen ihm ehrenvolle Einladungen ins Ausland ein. Die dänische Frauen-Friedensgesellschaft lädt ihn zehn Tage ein. Es folgen Vortragsreisen nach Prag und Wien. Er schließt Bekanntschaft mit dem französischen Ministerpräsidenten Herriot und dem englischen Premierminister MacDonald. „Immer weiter wurde mein ausländischer Bekanntenkreis und immer klarer die Erkenntnis, dass vollendeter Wahnsinn uns jahrzehntelang regiert hatte.“


Systematische Hetze


Anders zu Hause, wo ihm wegen seines gewandelten politischen Glaubensbekenntnisses mit außerordentlicher Feindseligkeit begegnet wird, vor allem auch von den Offiziersbünden, durch welche „die Hetze gegen mich wegen meiner andersgerichteten politischen Anschauungen … zum System erhoben wurde“. Dies nicht zuletzt wegen seiner Stellungnahmen zu der damals erregt diskutierten Frage nach der Verantwortung des Reiches für die Inszenierung des Weltkriegs und gegen die Dolchstoßlegende, die der demokratischen Linken die Verantwortung für die Niederlage Deutschlands zuzuschieben versuchte.

So erklärt sich, dass das NS-Regime, das dem nächsten Weltkrieg zusteuerte, in ihm einen Feind erkannte. Im Frühjahr 1933 ließ es ihn in Haft nehmen, für zehn Wochen. Vor Schlimmerem bewahrte ihn vermutlich sein Generalsrang. Durch die NS-Jahre rettete er sich nicht zuletzt mit der Abfassung seines geheimen Tagebuchs (veröffentlicht 1947, in dem Buch: „Mein Finale“), einer brillanten Kommentierung der Zeitereignisse, eines historischen Zeugnisses von beträchtlichem Wert.

Nach 1945 schloss sich Schoenaich für eine Weile der CDU an, beteiligte sich vor allem an der Neubelebung der Friedensgesellschaft. Für ihn nicht untypisch: 1951 setzt ihn der DFG-Bundestag in Hamburg als Präsidenten ab, weil er den Aufruf zur Volksbefragung gegen die Remilitarisierung unterzeichnet hatte.

Am 7. Januar 1954 verstarb Paul von Schoenaich in Reinfeld. Es ist leicht, in seiner literarischen Hinterlassenschaft historische Irrtümer zu entdecken, z. B.: Hitler sei ein „ehrlicher Sozialist“ (1933). Doch war er stets bereit, Fehler in seinen Urteilen zu korrigieren.


Mentale Entwicklung


Insgesamt wird man seinen politischen Schriften gedankliche Tiefe und übrigens stilistischen Glanz nicht absprechen können. Wie aber steht es um die radikale Abwendung vom bisher beschrittenen Wege, wie viel Anteil daran hatten sein Ehrgeiz, den er sich früh eingestand, oder vielleicht gar ein Opportunismus, der ihn bewogen hätte, vom „Schwertgläubigen“ sich in einen Friedenskämpfer umzuwandeln? Wie so mancher Vergleich, hinkt auch der mit dem Damaskus-Erlebnis des Apostels, obwohl Schoenaich ihn selber beibringt. Der Entschluss mag abrupt gekommen sein, aber bis zu ihm gab es eine mentale Entwicklung zur Humanität. Seine Schriften veranschaulichen diese.

So entstand aus dem kaiserzeitlichen Militär der demokratische Friedenskämpfer, der seinen Übertritt zur Sache des Friedens überzeugend begründete. Als Friedenskämpfer gehört er in eine Reihe mit ähnlich Gesinnten seiner Epoche wie dem Bremer Historiker Ludwig Quidde und dem Hamburger Publizisten Carl von Ossietzky, die für ihr Wirken den Friedensnobelpreis erhielten.

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