Vom Kommunarden zum Chef

Die nach dem Krieg gebaute Motorhacke im Einsatz.
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Die nach dem Krieg gebaute Motorhacke im Einsatz.

Prof. Dr. Dr. Wiemann, das Leben von Hans Koch und Hans Löhr und die Geschichte der Landkommunen

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22. Oktober 2011, 08:33 Uhr

Bad Oldesloe | Der Name Hans Koch ist mit Bad Oldesloe verbunden, seit Hako hierher kam. 1954 ein kleiner handwerklicher Betrieb, begann 1956 mit der "Hakorette" der Siegeszug der Marke. Heute ist Hako ein weltweit führendes Unternehmen für Innen- und Cityreinigung und Anlagenpflege mit mehr als 2000 Beschäftigten und einem Umsatz von 377 Millionen Euro.

Den technischen Grundstein für den späteren Erfolg hatte Hans Koch bereits 1924 gelegt, in der Landkommune Harxbüttel bei Braunschweig. Der emeritierte Prof. Dr. Dr. Günter Wiemann hat sich mit der Geschichte der Kommunen und mit zwei Personen befasst, die damals auf der Suche nach einem anderen, selbstbestimmten Leben waren und den Traum von der Allmende teilten: Hans Löhr und Hans Koch.

Löhr, Sohn eines Holzhändlers, hatte an der Technischen Hochschule Braunschweig die "Sozialistische Studentengruppe" gegründet und wollte alternative Lebensformen ausprobieren. Hans Koch, Sohn eines bedeutenden Juristen , schloss sich als Jugendlicher der Wandervogel-Bewegung an. Die Erfahrungen des Weltkriegs machten ihn zu einem Pazifisten und Sozialisten. Sein Freund Peter Kollwitz, Sohn von Käthe Kollwitz, wurde gleich 1914 neben ihm erschossen, Koch selbst wurde 1916 nach seiner zweiten Verwundung entlassen.

Er ging nach Berlin, wo er mit Freunden in einer auch nach heutigen Maßstäben alternativen Wohngemeinschaft lebte. "Kommune-Anarchisten" nannte Koch das später in einem Interview. Anarchismus hieß allerdings, dass man zentralistische Ordnungen ablehnte - die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Zwängen ebenso wie Parteien.

Als die eher rebellische denn politische Gruppe ins Visier der Geheimpolizei geriet, floh Koch nach Bayern. Dort hörten er und seine Freunde, dass bei Donauwörth eine Pleite gegangene Missionspokuratur zum Verkauf stand. Hans Koch überzeugte die Schriftstellerin und Mäzenin Hertha König und den Schriftsteller Georg Kaiser, ihm das Geld zu geben, um in Blankenburg eine Landkommune zu gründen.

Schon damals, so Wiemann, habe sich gezeigt, dass Hans Koch eine charismatische Persönlichkeit war, die andere Menschen überzeugen und für sich einnehmen konnte. "So in einer Dreistigkeit ohnegleichen, die beträchtliche Kaufsumme für Blankenburg von völlig fremdem Leuten einzuwerben, allein mit dem Hinweis, damit einen großartigen gesellschaftlichen Entwurf zu verwirklichen", schreibt Wiemann bewundernd.

Auch eine "bemerkenswerte Verteidigungsrede vor Gericht" passt ins Bild. Als die Kommunarden angeklagt waren, dass sie nach der Niederschlagung der Räterepublik den Führer der Münchner KPD, Max Levien, versteckt hatten, verteidigte sich Hans Koch vor Gericht so eindrucksvoll, dass der Staatsanwalt ihn anschließend fragte, ob seine Tochter nicht auch nach Blankenburg kommen könne.

1920 war die Kommune allerdings schon wieder am Ende. Koch hatte sie schon vorher verlassen. Während die anderen eher anthroposophisch veranlagt waren, war Koch technisch interessiert. Nach einigen Gruppen-Projekten in Berlin wie einer Schokoladenfabrik und einem kommunalen Kino kam er nach Harxbüttel.

Dort hatte Hans Löhr auf dem elterlichen Anwesen eine Landkommune gegründet, wo vor allem Spargel gezogen und in einer eigenen Konservenfabrik verarbeitet wurde. Auch Löhr war jemand, der das kapitalistische Profitstreben und Privateigentum an Grund und Boden ablehnte und ein Leben in besitzlosen, ökonomisch selbstbestimmten Gemeinschaften wollte.

"Löhr und Koch hatten einen Traum", schreibt Wiemann. Hans Koch hat ihn 1972 in seinen Erinnerungen so beschrieben: "Der Mensch in der Mitte und der Geist der Gemeinschaft… Einmal ohne Schranken, Bedenken, Zweifel aufgehoben zu sein - keine Stände, keine Abkunft galt, keine Konfessionen und keine Rassen."

Nach seinem Lehrerstudium betätigte sich Löhr als pädagogischer Autor, unter anderem in der "Preußischen Lehrerzeitung", schrieb über sozialistische und gewerkschaftliche Arbeiterbildung, und brachte Kritik an den beginnenden nationalsozialistischen Terror in die Öffentlichkeit. 1932 versucht er mit 15 Gleichgesinnten, eine Landkommune im peruanischen Urwald zu gründen. Die "Montaña-Expedition" San Ingnacio scheiterte aber recht schnell an Konflikten zwischen Handwerkern und Intellektuellen. Die Gruppe fiel im Streit auseinander, Hans Löhr kehrte nach Harxbüttel zurück.

Die Landkommune gab es da schon lange nicht mehr. "Die romantische Idee der Verwurzelung auf dem Lande musste an ihren falschen ökonomischen Voraussetzungen scheitern", schreibt Wiemann. Hans Koch war allerdings kein Romantiker, sondern von der Idee maschineller Bodenbearbeitung als Entlastung fasziniert.

Bei einem Erfinder in der Schweiz hatte er sich bereits 1919 eine Bodenfräse angesehen. In Harxbüttel entwickelte e seine erste Motorhacke, für die er 1924 ein Patent erhielt. Für die Finanzierung der Entwicklung hatte er den Reichsgeschäftsführer der bäuerlichen Kleinverbände gewinnen können: Es war der spätere Bundespräsident Heinrich Lübke. Das Funktionsprinzip seiner Hacke ist noch heute bei vielen Geräten für Landwirtschaft und Gärtnereien zu finden: Ein Motor, der auf dem Rücken getragen wird, treibt über eine flexible Welle die Hackmesser an, die den Boden auflockern und das Unkraut vernichten.

Von 1926 bis 1930 war Hans Koch Prokurist in einem Unternehmen in Hagen, das Bodenfräsen herstellte, 1930 machte er sich selbstständig und gründete die Firma DiMoHa, "Die motorisierte Hand". Die Kleinmotorhacke wurde von einer Berliner Firma in Lizenz gefertigt. Auf einem Hof in Mecklenburg arbeitete er an der Weiterentwicklung. 1940 stellte er eine neue Motor hacke zur Patentierung vor. Nur Geräte, die bei der Studiengesellschaft für Technik im Gartenbau die Prüfung bestanden, wurden während des Krieges subventioniert und mit Material bedacht.

Am Kriegsende flüchtete Hans Koch vor den vorrückenden sowjetischen Truppen nach Pinneberg. 1948 gründete er dort die Maschinenbaufirma Hans Koch und Sohn. 1954 erfolgte der Umzug nach Bad Oldesloe. Mit der Hakorette, einer einachsigen Motorhacke, begann 1956 der Aufstieg des Unternehmens. Sowohl die DiMoHa als auch die Hakorette stehen im Deutschen Museum in München - als besondere technische Leistung.

1966 schied Koch bei Hako aus, 1995 starb er in Meinerzhagen im Sauerland. Dass seine Erinnerungen "auch nach Gründung der wirtschaftlich so erfolgreichen Hako-Werke stets zu den Wurzeln seiner symbolischen Ent-Bürgerlichung zurückkehrten", wie Wiemann schreibt, ist im Buch in einem Interview von Jutta Bohnke-Kollwitz aus den 80er Jahren nachzulesen. Hans Koch selbst schrieb 1972 in einem Brief: "Alle Jahre geschäft lichen Erfolgslebens kann und werde ich vergessen - Blankenburg nie."

Mit Dr. Tyll Necker hatte er bei Hako einen Nachfolger in seinem Geiste gefunden. Tyll Necker und Karin Koch hatten sich an der reformfreudigen Odenwaldschule in Heppenheim kennengelernt, wo Necker 1950 das Abitur ablegte. Leiterin war die im Schloss Reinbek geborene Minna Specht, eine "bewusste Linke", so Wiemann. Tyll Necker, der Minna Specht sehr verehrte, engagierte sich später im Trägerverein für die Odenwaldschule.

Schon in Pinneberg hatte Necker einige Monate bei Hako gearbeitet, um etwas Geld zu verdienen. Nach seinem Abitur war er als Werkstudent wieder bei Hako. 1955 heiratete er Kochs Tochter Karin und wurde Vertriebsleiter, ab 1960 Mitgeschäftsführer und -gesellschafter. 1987 wurde Dr. Tyll Necker Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Er machte betrieblichen Umweltschutz zur Chefsache und appellierte an Politik, Gewerkschaften und Unternehmern, einen Pakt für den Standort Bundesrepublik zu schließen.

"Unter seiner Regie betrieb der BDI eine bemerkenswert geschickte und sensible Öffentlichkeitsarbeit", heißt es im Munzinger-Archiv. 1991 wurde Necker von Heinrich Weiss abgelöst, nach einem Jahr aber wieder zurückgeholt. Er war auch mal als Kandidat für das Amt des Bundeswirtschaftsministers im Gespräch. Da Dr. Necker aber nie ein Blatt vor den Mund nahm, Bundeskanzler Helmut Kohl kritisierte und wegen der Lohnkosten in den neuen Ländern staatliche Eingriffe in das Tarifrecht forderte, kam es nie dazu. Bis zu seinem Tod 2001 war Necker Vizepräsident des BDI.

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