Viele Grundschüler können nicht mehr rückwärts laufen

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22. Oktober 2010, 08:07 Uhr

Zarpen | Mindestens jedes zehnte Kind in Schleswig-Holstein hat Übergewicht. Mängel bei der Motorik und Koordination werden sogar bei jedem fünften Erstklässler beobachtet. Diese Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen hatte das Gesundheitsministerium in Kiel bekannt gegeben. Grund der Defizite bei Grundschülern ist Bewegungsmangel. "Dies kann auch nicht mit zwei bis drei Sportstunden aufgefangen werden", sagt Walter Mielke (63), Vorsitzender des Deutschen Sportlehrerverbandes in Lübeck. Genau hier will der Verein "Klasse in Sport" (KiS) in Köln eingrätschen: Vor vier Jahren gegründet, setzt KiS auf eine tägliche zusätzliche Stunde Sport. Das Konzept: Gezielt werden ausgesuchte Grundschulen in Deutschland gefördert. Ihnen werden die Übungsleiter und notwendige Sportgeräte sowie die Fortbildung der Sportlehrer bezahlt. Finanziert wird KiS durch Sponsoren aus der Wirtschaft.

Der Verein kann inzwischen bundesweit 50 Schulen unterstützen. Dank neuer Sponsoren könnten bereits im Februar erstmals auch drei Grundschulen in Schleswig-Holstein gefördert werden. Eine davon ist Grundschule Zarpen. "Wir haben ihnen jetzt den Ball zugespielt", sagt Mathias Bellinghausen (36), Leiter des KiS-Projektbüros in Köln. Es könne bereits im kommenden Schulhalbjahr losgehen.

"Die Anfragen übersteigen die Leistbarkeit", sagt KiS-Projektbüroleiter Bellinghausen. Bei der Auswahl würden auch die Sponsoren mit eingebunden. Nach Angaben von Bellinghausen zahlt KiS pro Schule im ersten Jahr zwischen 6000 und 8000 Euro, um das Projekt in Gang zu bringen. Er sei sich aber bewusst: "Wir können nur an ausgewählten Schulen die tägliche zusätzliche Sportstunde bezahlen." Die Vorzeigeprojekte sollten zum Nachahmen anspornen.

Nach Angaben des Bildungsministeriums in Kiel ist diese Form des gesponserten Sportunterrichtes an Schulen im Norden neu. "Wir begrüßen alles, was der Bewegungsfreude entgegenkommt", sagt Sprecherin Patricia Zimnik. Allerdings lege die Regierung ihren Schwerpunkt auf die landesweit 362 Angebote des Kooperationsprojektes "Schule - Verein", davon 200 allein an Grundschulen. 6000 Schüler im Norden profitierten an einem wöchentlichen Vereinsangebot an Schulen. Hauptsächlich getragen werde das Projekt vom Landessportverband. Zur Förderungssumme von 153 000 Euro steuere das Land 35 000 Euro bei.

Immer weniger Kinder spielten "draußen, auf der Straße", weiß auch Sportlehrerverbandsvorsitzender Mielke: "Viele Grundschüler können nicht mehr rückwärts laufen. Oder: Bei einem Sprung von einem kleinen Kasten fallen sie um, können sich nicht mehr auf beiden Beinen halten. Dies sind ganz klare Anzeichen für koordinatorische und muskuläre Probleme." Der Sportlehrer plädiert für die tägliche zusätzliche Sportstunde. Mielke: "Dabei soll es nicht primär um Leistung gehen, sondern neben mehr Kraft und Ausdauer vor allem auch um mehr Körpergefühl, Koordination und soziale Kompetenzen."

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