Teamcheck : VfB Lübeck ist mehr als nur ein Aufsteiger

28 Treffer bejubelte Stefan Richter in der vergangenen Saison.   Ist Wucht in der Regionalliga  gefragt, dürfte der VfB-Angreifer gegenüber Henrik Sirmais die Nase vorn haben.
28 Treffer bejubelte Stefan Richter in der vergangenen Saison. Ist Wucht in der Regionalliga gefragt, dürfte der VfB-Angreifer gegenüber Henrik Sirmais die Nase vorn haben.

Nach einem Jahr Abstinenz kehrt der VfB Lübeck zurück in die Fußball-Regionalliga Nord – und dürfte die vierte Liga bereichern. Wir machen den Teamcheck.

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21. Juli 2014, 09:00 Uhr

Nach nur einem Jahr Abstinenz, aber fast zwei Jahren ohne ernsthaften Regionalliga-Vergleich, kehrt der VfB Lübeck zurück. Die Grün-Weißen werden die vierte Liga nicht nur durch großes Zuschaueraufkommen bereichern. Auch sportlich ist der VfB nicht als „normaler“ Aufsteiger zu bewerten. Wo stehen die Lübecker Fußballer im Vergleich? Der Antwort auf diese Frage soll der Tageblatt-Teamcheck näher kommen.

Tor: Gesetzt ist Jonas Toboll, der alle Qualitäten eines modernen Torwarts vereint und neben Reflexen und Strafraumpräsenz auch fußballerische Qualität hat. Er gehört auch in der Regionalliga zu den stärkeren Keepern. Seine jungen Herausforderer Briant Alberti und Eric Schlomm haben Talent, ihre Regionalliga-Qualität konnten sie bislang (noch) nicht nachweisen.

Innenverteidiger: Normalerweise sind Dennis Wehrendt und Moritz Marheineke unumstritten. Beide verkörpern gutes Regionalliga-Niveau. Da Marheineke aber ausfällt, streiten wohl Aleksandar Nogovic und Neuzugang André Ladendorf um den zweiten Platz. Beide bringen unterschiedliche Qualitäten ein, haben aber bislang nicht in der Regionalliga gespielt. Das Rennen scheint offen. Der langzeitverletzte Ricardo Radina und Marcel Dümmel müssen sich hinten anstellen.

Außenverteidiger: Rechts streiten Patrick Bohnsack und Rückkehrer Finn Thomas um einen Platz. Die Unterschiede sind gering, beide regionalligareif. Nach den bisherigen Eindrücken könnte der körperlich derzeit stärkere Bohnsack die Nase vorn haben. Links ist das Rennen ebenso offen. Der fußballerisch stärkere Sascha Steinfeldt ist derzeit knapp vor dem dynamischeren Lukas Knechtel. Auf beiden Seiten sind regelmäßige Wechsel denkbar.

Zentrales Mittelfeld: Im Lübecker System sind hier drei Positionen zu vergeben. Sven Theißen fällt zunächst aus. So steigen die Chancen für Kämpfer Nils Lange, die defensivste Rolle zu besetzen. Tomek Pauer ist nicht weit weg – nicht nur, wenn Körpergröße gefragt ist. Nach den bisherigen Eindrücken ist der spielstarke Rückkehrer Marcello Meyer in der offensivsten Rolle gesetzt. Ist man beim VfB überzeugt davon, „sein“ Spiel auch eine Klasse höher durchzubekommen, wäre mit dem ebenfalls technisch starken Dennis Voß als „Achter“ die derzeit beste Besetzung gefunden. Alternativen gibt es genug, da auch Nogovic, Dümmel, Christian Rave oder Arnold Suew (als Zehner) hier spielen können.

Außenbahnen: Ist er fit, ist eine Position an den quirligen André Senger vergeben. Für die andere Seite sind Youngster Marvin Thiel oder Arnold Suew, der effizienter werden muss, nicht weit vom Stammplatz entfernt. Rave konnte sich verletzungsbedingt nicht aufdrängen, auch Thomas ist hier eine Option. Wahrscheinlicher ist, dass hier derjenige spielt, der nicht im Angriff zum Zug kommt.

Angriff: Für die einzige echte Stürmerposition kommen nur zwei Spieler in Betracht: der quirlige Henrik Sirmais oder der wuchtige, kampfstarke Stefan Richter. Auf keinen von beiden wird der VfB in Topform verzichten, sodass der zweite auf die Außenbahn ausweichen kann. Alternative fürs Sturmzentrum wäre am ehesten Meyer. Der junge Derek Cornelius ist auf allen Offensivpositionen einsetzbar, aber noch in der Warteschleife.

Trainer: Seit Denny Skwierczynski das Zepter schwingt, ist eine klare fußballerische Linie erkennbar. Diese auch in der Regionalliga durchzusetzen, wird eine echte Herausforderung. Die hat der Aufstiegstrainer in anderen Bereichen schon bestanden. Der 40-Jährige hat ein Team durch ein schwieriges Halbjahr ohne Punktspiele geführt und auch gegen überforderte Gegner in der SH-Liga erfolgreich Demut und Ernsthaftigkeit gepredigt. Dass voller Überzeugung auf Spieler aus der Region gesetzt wird, ist ebenfalls ein Verdienst Skwierczynskis, der als einer der wenigen Regionalliga-Trainer noch in Vollzeit als Immobilienkaufmann arbeitet.

System und Taktik: Das System ist klar und nicht von Personen abhängig – ob es 4-2-3-1 oder 4-3-3 genannt wird, ist nebensächlich. Taktisch setzen die Lübecker auf die Karte Attacke: Hat der VfB nicht den Ball, soll er so schnell wie möglich wieder erobert werden – dazu wird oft sehr hoch attackiert und Angriffspressing gespielt. Umgekehrt suchen die Lübecker auch mit Ball oft den schnellsten Weg nach vorn, selten nur mit langen Bällen, oft flach über die flinken Flügelspieler. Die Grundlage dafür ist hohes Tempo, das die körperlich fitte Elf auch in der Regionalliga gegen viele Gegner bestimmen kann. Interessant wird sein, ob das oftmals hohe Risiko gegen clevere Gegner zur richtigen Zeit minimiert wird. Schwierigkeiten gibt es bisweilen, wenn tief stehende Gegner „geknackt“ werden müssen.

Neuzugänge: Der VfB ergänzte die Aufstiegself mit Bedacht. Der Stamm hätte ohnehin eine Klasse höher mithalten können. Also wurde vor allem in der Breite aufgerüstet – mit Erfolg. Der VfB ist nun auf fast allen Positionen doppelt regionalligatauglich besetzt und ist erneut nur mit Spielern aus der Region ausgekommen.

Umfeld: Nach der zweiten Insolvenz ist eine bodenständige Führungscrew am Ruder. Die nötige Kompetenz besitzen alle handelnden Personen, mit Wolf Müller wurde ein geeigneter Kandidat in die Rolle als Sportvorstand berufen. Die schwierigsten Aufgaben für den finanziell weiter nicht auf Rosen gebetteten, aber solide wirtschaftenden Verein kommen aber noch. Soll in zwei, drei Jahren der nächste Schritt – Aufstieg in die 3. Liga – gelingen, muss die wirtschaftliche Basis gestärkt werden. Der Weg mit Feierabendkickern endet an der Spitze der Regionalliga.

Vorbereitung: Nach dem Aufstieg musste der VfB Kompromisse eingehen. Die Folgen der kurzen Vorbereitung waren spürbar. Die hohe Belastung schlug sich in großer Erschöpfung und mäßigen Testspielen nieder. Gelingt es, die Frische herzustellen, haben die Lübecker das Beste aus der Zeit herausgeholt.

Prognose: Das für einen Aufsteiger natürliche Ziel Klassenerhalt ist zu niedrig angesetzt. Selbst wenn es schlecht läuft, muss diese gut zusammen gestellte, spielstarke Mannschaft einen Mittelplatz belegen. Werden der Aufstiegsschwung mitgenommen und auch Rückschläge weggesteckt, haben die Lübecker das Potenzial für Platz vier bis sieben.

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