Prozess Sexueller Missbrauch : Verteidiger fährt schweres Geschütz gegen Richterin auf

Der Paragraf 176 im Strafgesetzbuch zum sexuellen Missbrauch von Kindern: Tätern drohen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zehn Jahren. Opfer können lebenslang traumatisiert sein.
Der Paragraf 176 im Strafgesetzbuch zum sexuellen Missbrauch von Kindern: Tätern drohen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zehn Jahren. Opfer können lebenslang traumatisiert sein.

Angeklagter stellt bei Prozess wegen sexuellen Missbrauchs Befangenheitsantrag und rügt die „einseitige Beweisführung“.

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26. Februar 2020, 14:24 Uhr

Stapelfeld/lübeck | Vielleicht hätte sich die 15-jährige Schülerin nie getraut, sich jemandem zu offenbaren, wäre da nicht vor einigen Jahren ein Missbrauchsprozess gewesen und ihr Name in diesem Zusammenhang von einer Zeugin genannt worden. Sie wurde daraufhin von der Polizei vernommen und konnte endlich über das erlittene Unrecht sprechen. Ihre Aussage über den sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen Trainer der Bogensparte der VSG Stapelfeld brachte den Stein für den Prozess gegen Hartmut W. (Name geändert) ins Rollen.

Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs

Ihm wird in zwei Fällen schwerer sexueller, in vier weiteren Fällen sexueller Missbrauch vorgeworfen. Von 2012 bis 2015 soll er Jacqueline R. (Name geändert) immer wieder sexuell nähergekommen sein, habe die Hose des damals achtjährigen Mädchens geöffnet, sie im Brust- und Intimbereich gestreichelt, sein Geschlechtsteil entblößt, sich vor ihr selbst befriedigt und sie zum Geschlechtsakt aufgefordert.

Bei der Polizei kein Unbekannter

Hartmut W. – ein hochgewachsener, kräftig gebauter 73-Jähriger mit hellem, schütteren Haar, der auch am dritten Verhandlungstag ganz in Schwarz gekleidet erscheint – ist bei der Polizei kein Unbekannter: Bereits 2005 verurteilte ihn das Amtsgericht Ahrensburg zu eineinhalb Jahren auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Er soll ein minderjähriges Mädchen entblößt haben.

Befangenheit der Richterin

Kaum hat das Richtergremium Platz genommen, fahren die Verteidiger Franziska Mayer und Christian Albrecht von der Lübecker Kanzlei Dr. Hennig & Thum schweres Geschütz gegen die Vorsitzende Richterin, Helga von Lukowicz, auf. Der Angeklagte lehne die Richterin wegen Befangenheit ab. Die Verteidigung beklagt die „einseitige Beweisführung“ schon im Vorfeld bei den Ermittlungen.

Aufgrund des Verhaltens der Richterin hat sich Misstrauen bei unserem Mandanten aufgebaut. Christian Albrecht, Rechtsanwalt in seiner Antragsschrift
 

Fragen, die die Verteidigung erbeten habe, seien nicht zufriedenstellend gestellt worden, ergänzt Kollegin Mayer. Es seien während der letzten beiden Verhandlungstage „Dinge überhört“ worden, die aber für den Angeklagten enorm wichtig seien. Außerdem habe das Gericht weder sein Augenmerk auf die „schwierige Familiensituation“ von Jacqueline R. gelegt, noch sei es auf die Missbrauchsvorwürfe von Zeugen gegen den Stiefvater des angeblichen Opfers eingegangen. Es sei auch eine Widersprüchlichkeit bei der Zeugenaussage von Jacqueline R. zu erkennen, heißt es weiter.

Für die Vorsitzende steht der Täter bereits fest. Christian Albrecht, Verteidiger des Angeklagten
 

Verteidiger Albrecht spricht vom „Inertia-Effekt“, bei dem sich eine Person aufgrund von Trägheit nicht auf neue, abweichende Informationen einlässt. Beharre die Richterin auf ihrer (vorgefertigten) Meinung, obwohl inzwischen alles dafür spreche, sie zu ändern? Stehe das Urteil bereits vor Beginn der Hauptverhandlung weitgehend fest? Diese Fragen wirft der Rechtsanwalt in den Gerichtsraum.

Muss Prozess neu aufgerollt werden?

Das Richtergremium zieht sich zur Beratung über den Antrag der Verteidigung zurück. Offen bleibt, ob ein neues Gremium gebildet werden und ob der Prozess noch einmal aufgerollt werden muss. Obwohl ursprünglich nach drei Prozesstagen das Urteil gesprochen werden sollte, ist aufgrund der neuen Verteidigungsstrategie mit weiteren Verhandlungstagen zu rechnen.

> Hintergrund: Der Angeklagte hat das Recht, die Befangenheit des Richters zu rügen und abzulehnen. Die Verteidigung stellt daraufhin ein Ablehnungsgesuch oder einen Befangenheitsantrag, der dann begründet ist, wenn der Angeklagte Grund zur Annahme hat, der Richter nehme ihm gegenüber eine innere Haltung an, die dessen Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit störend beeinflussen kann.


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