Verborgene und andere Gesichter

Die Scherenschnitte haben keine Namen oder Titel, denn jeder sieht in den Motiven etwas anderes.
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Die Scherenschnitte haben keine Namen oder Titel, denn jeder sieht in den Motiven etwas anderes.

Der Grabauer Arzt, Schriftsteller und Hobbykünstler Jens-Michael Gumpert bereitet eine Ausstellung seiner Scherenschnitte vor

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01. August 2019, 09:57 Uhr

Bad Oldesloe | Scherenschnitte hat so gut wie jeder schon einmal angefertigt, sei es als Kind oder später zusammen mit den eigenen Kindern beim Basteln. Das Prinzip ist ganz einfach: Ein Blatt Papier wird gefaltet und dann ein Muster vom Rand her ausgeschnitten. „Ich mache Scherenschnitte schon seit mindestens 30 Jahren. Ich setze mich hin und lege dann einfach los, ohne groß nachzudenken“, sagt Jens-Michael Gumpert.

Der Grabauer lässt sich bei seiner Arbeit hauptsächlich von seiner Inspiration leiten und dabei entstehen interessante Werke, die er immer weiter perfektioniert hat. Anfang September wird Jens-Michael Gumpert seine filigranen Werke im Foyer des Kultur- und Bildungszentrums (Kub) im Beer-Yaacov-Weg 1 ausstellen.

Der Scherenschnitt ist eine uralte Kunsttechnik, die ursprünglich in Nordchina beheimatet war und eine der ältesten Volkskünste Chinas ist. In Deutschland war der Scherenschnitt in der Kultur der Goethezeit und des 19. Jahrhunderts sehr beliebt. Bei dieser besonderen Faltschnitttechnik faltet man das Papier in der Mitte und schneidet somit nur die Hälfte aus. Wenn man dann das Papier auseinanderfaltet hat man ein spiegelgleiches Bild.

Man kann das Papier natürlich auch zu noch kleineren Teilen falten, bevor es beschnitten wird. Dadurch entsteht ein ein- oder mehrfach axialsymmetrisches Motiv. Bei den Werken von Gumpert entstehen in erster Linie Gesichter, aber auch Pflanzen und fast archaisch anmutende Motive. Fast alle Werke sind symmetrisch und über ein oder zwei Achsen gespiegelt. Manchmal faltet Jens-Michael Gumpert das Papier aber auch asymmetrisch. Die Schnitte selbst entstehen quasi nebenbei und immer, wenn ihm danach zumute ist. Auf diese Weise entstehen fantasievolle Motive, die unbewusst mit Schere und Papier umgesetzt werden. Manchmal entstehen dabei auch Tiere. Aber immer ist es ein konkretes Motiv, das den Betrachter neugierig machen soll. „Ich liebe die Symmetrie, sie macht mir einfach große Freude“, so Gumpert. Es sei immer wieder spannend, was dabei heraus komme.

„Seit ich in Rente bin und mehr Zeit für mich habe, probiere ich mehr aus. Ich lege weiße Schnitte auf schwarzen Untergrund, spiele herum und lege sie in jede Richtung oder kombiniere auch mehrere Schnitte ohne groß nachzudenken. Da sieht dann jeder etwas anderes, und das ist das Besondere“, erzählt der gebürtige Berliner, der lange als Facharzt für psychotherapeutische Medizin in Hamburg arbeitete. Der Sohn eines Journalisten schreibt aber auch seit seinem 14. Lebensjahr Kurzgeschichten und Gedichte sowie Romane, die er erfolgreich veröffentlichte.

Auch beim Schreiben habe er nie groß nachgedacht. „Entscheidend ist der Einfall im Moment“, betont der 71-Jährige. „Deshalb schreibe ich ganz langsam, da bin ich eher eine Schnecke“, gesteht Gumpert. Schneller gehe ihm da das Schneiden mit einer ganz normalen kleinen Schere von der Hand, da sei er recht flott, lacht der Vater zweier erwachsener Kinder. „Ich schneide etwa 15 Minuten lang und dann gucke ich, wie es aussieht.“

Seine Werke entstehen immer auf DIN- A4-Papier. Sie werden anschließend kopiert und vergrößert, bevor sie im Hochdruckverfahren auf Leinwand gedruckt werden – ein aufwändiges und teures Verfahren, das Gumpert „Special Faces Print Art“ nennt. „Ich habe mich da mit einem Buchdrucker zusammen getan und entwerfe aus den Scherenschnitten perfekte Druckvorlagen“, so Gumpert. Die Leinwand wird mit Acrylfarbe bemalt, bevor das Motiv aufgedruckt wird. Einige Bilder werden im so genannten Alu-Dibond-Verfahren auf Aluminium gedruckt. „Über das jeweilige Verfahren und den Hintergrund entscheide ich spontan“, sagt der Grabauer, der die Originale stets selbst behält. Rund 30 Profiversionen lässt er pro Motiv drucken, die dann zum Verkauf stehen. „Ich hatte schon als Kind großes Interesse an Menschen, wer sie sind und was sie bewegt“, erzählt Gumpert. „Und ich will Menschen für etwas interessieren, begeistern und erfreuen“, so der Künstler, der sich stets fragt, was sich hinter den sichtbaren Dingen verbergen könnte. „Jeder lebt in seiner eigenen Welt und man tut, was dazu passt.“

>Der Titel der Ausstellung, die am Sonntag, 8. September, um 11 Uhr im Kub, Beer-Yaacov-Weg 1, eröffnet wird, lautet: „Verborgene und andere Gesichter.“ Jens-Michael Gumpert wird bei der Vernissage anwesend sein und für Gespräche zur Verfügung stehen. Die Ausstellung kann bis Sonntag, 22. September, zu den Öffnungszeiten des Kubs besichtigt werden.




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