Stolperstein verlegt : Verbeugung vor den Nazi-Opfern

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Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine für Carl Harz und Richard Minkwitz mit Gedenkfeier und großer Anteilnahme der Gäste in Reinfeld.

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07. März 2014, 18:42 Uhr

Bewegender und emotionaler Moment in der Geschichte der Karpfenstadt: Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte zwei Stolpersteine vor den ehemaligen Wohnhäusern von Carl Harz und Richard Minkwitz - beide Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Über 100 Reinfelder sowie zahlreiche Angehörige und Nachkommen der beiden Verstorbenen kamen zu den Häusern in der Carl-Harz-Straße 6 und Paul-von-Schoenaich-Straße 36. Angehörige der Opfer nahmen nach und nach den Stolperstein in die Hand und überreichten ihn dann an den Künstler. Während Gunter Demnig, der 1990 das Stolperstein-Projekt ins Leben rief und inzwischen 45 000 Gedenksteine aus Messing deutchland- und europaweit verlegt hat, den Gedenkstein fachmännisch einsetzte, verbeugten sich die Anwesenden vor den Naziopfern und hielten für eine Minute inne. „Ich bin überwältigt von dem Echo. Wenn es nicht schon vor längerer Zeit begonnen hat, dann jetzt. In Reinfeld hat sich eine Menge verändert“, sagte Albrecht Werner vom Kriminalpräventiven Rat (KPR). Dieser hatte sich im Vorwege dafür eingesetzt, dass Gunter Demnig auch in der Karpfenstadt seine berühmten Stolpersteine verlegt. Zwei Jahre lang hatte sich eine 20-köpfige Projektgruppe der Immanuel-Kant-Schule (KGS) unter der Leitung von Lehererin Beke Zabel mit Carl Harz und Richard Minkwitz beschäftigt, in Archiven recherchiert, Plakate entworfen, Kontakt zu Familienmitgliedern der Opfer aufgenommen und sich schließlich den KPR als Unterstützer ins Boot geholt. Pazifist Carl Harz starb 1943 83-jährig nach vierwöchiger Nazihaft im Gefängnis Lübeck-Lauerhof, wo er sich wahrscheinlich das Leben nahm. Er war inhaftiert worden, weil er einen Protestbrief an Hitler schrieb. Der 47-jährige Arbeiter und Kommunist Richard Minkwitz wurde in Schutzhaft genommen und ins Bad Oldesloer Polizeigefängnis (Blaues Haus) gebracht, wo er wahrscheinlich brutal erschlagen wurde.

Stadtverordneter Manfred Schönbohm legte gemeinsam mit den Nachkommen der Opfer und den Schülern der Projektgruppe eine weiße Rose an den Stolpersteinen nieder. Während dessen ertönte leiser Gesang mit Gitarrenbegleitung - vorgetragen von den Schülerinnen Madita Talies und Vanessa Möller. Viele Anwesende waren sichtlich bewegt. „Uns berührt diese feierliche Verlegung sehr und wir freuen uns, dass es jetzt auch Stolpersteine in Reinfeld gibt“, so Tim Reichle, der gemeinsam mit Josephine Stresius, Paul Sommer und Nathalie Mohs den harten Kern des Schülerprojekts bildet. „Mein verstorbener Mann war der Urenkel von Richard Minkwitz. Er hätte sich über diese Ehrerweisung sehr gefreut“, so Nicole Budé, die extra aus Belgien angereist war. Viel habe man über den Großvater nicht geredet, zu schwer sei der Verlust gewesen. Bürgervorsteher Gerd Herrmann: „Wir verneigen uns zu Ehren der Opfer.“

Am Tage zuvor hatte bereits eine Gedenkfeier in der Aula der KGS stattgefunden, bei der die Schüler, Enkel und Urenkel der Opfer zu Wort kamen. Ebenfalls anwesend war eine der letzten Zeitzeuginnen: Esther Bejarano, die Überlebende des Mädchenorchesters von Auschwitz. Gunter Demnig erklärte zu seinem großen Erinnerungsprojekt: „Wer lesen will, was auf dem Stolperstein steht, muss eine Verbeugung machen.“ Genau das haben die Reinfelder Bürger getan.

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